Plagiat-Skandal

Koch-Mehrin macht die FDP unglücklich

Seit kurzem ohne Doktortitel, und trotzdem hat Silvana Koch-Mehrin ein neues Amt im Europa-Parlament - ausgerechnet im Forschungsausschuss. Die FDP-Parteispitze ist not amused. Zumal Koch-Mehrin einen Parteifreund ersetzt, der selbst unter Plagiatsverdacht steht.

Keinen politischen Anstand beweist Silvana Koch-Mehrin mit ihrer neusten Amstwahl. Erst wird ihr der Doktortitel entzogen, dafür greift sie trotzig die Uni Heidelberg an und jetzt möchte sie partout nicht von der Macht lassen, sondern scheinbar die Plagiatsaffäre aussitzen.

Die FDP-Parteispitze reagiert daher mit Unverständnis auf die Entscheidung der europäischen Liberalen, wonach die Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin Vollmitglied im Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie des Europäischen Parlaments wird. Dieser Schritt habe Kopfschütteln hervorgerufen, hieß es aus Kreisen der Parteiführung.

Koch-Mehrin war bislang stellvertretendes Mitglied des Ausschusses, der sich mit Fragen der Industrie- und Energiepolitik in Europa befasst, aber eben auch mit der „Verbreitung und Auswertung wissenschaftlicher Erkenntnisse“, wie es auf der Homepage des Europäischen Parlaments heißt. Seitens der Liberalen hieß es, der Wechsel hätte schon seit Jahresende festgestanden. Die 40-Jährige wolle ihren Parteikollegen Jorgo Chatzimarkakis entlasten, der bislang Vollmitglied des Gremiums war. Ausgerechnet Chatzimarkakis: Auch er steht unter Plagiatsverdacht , die Universität Bonn prüft seine Dissertation, worum der FDP-Politikerselbst gebeten hatte.

Wechsel seit 2009 geplant

Ein Sprecher der FDP im Europäischen Parlament verwies darauf, dass die Themen des Ausschusses vielfältig seien. „Frau Koch-Mehrin wird damit nicht zwingend Forschungspolitikerin“, betonte er.

Auf ihrer Website teilte Koch-Mehrin mit , dass sie sich auch weiterhin den Themen „Digital Agenda, Informationstechnologie, Telekommunikation und Internet“ widmen wolle – wie schon als stellvertretendes Mitglied des Ausschusses.

Nach Angaben des Sprechers der europäischen Liberalen gibt es Überlegungen, wonach sich Koch-Mehrin stärker im sogenannten ITRE-Ausschuss engagieren wolle, schon seit längerem. Auch Chatzimarkakis ließ mitteilen, dass der Tausch gemäß einer Abmachung „turnusgemäß“ erfolgt sei. „Diese Abmachung existiert bereits seit 2009 und hat nichts mit aktuellen Vorgängen zu tun.“ Trotzdem macht es den Anschein, als wolle Koch-Mehrin die Plagiatsaffäre so aussitzen.

In der Parteiführung bleiben die Zweifel. Was von langer Hand geplant sei, könne auch wieder rückgängig gemacht werden, hieß es. Forderungen, Koch-Mehrin solle ihr Mandat im Europäischen Parlament wegen der Plagiatsaffäre gänzlich niederlegen, werden von der Partei aber weiterhin zurückhaltend bewertet: Mandatserwägungen seien die freie Entscheidung eines jeden Abgeordneten.

Auch Chatzimarkakis unter Plagiatsverdacht

Koch-Mehrin war der Doktortitel vergangene Woche aberkannt worden, nachdem eine Kommission der Universität eine Vielzahl von Plagiaten nachgewiesen hatte. Zur Begründung hieß es, dass auf etwa 80 Seiten der Arbeit mit dem Titel „Historische Währungsunion zwischen Wirtschaft und Politik: Die Lateinische Münzunion 1865 - 1927“ über 120 Stellen seien, die als Plagiate bewertet worden seien. Die Textstellen stammten aus mehr als 30 verschiedenen Publikationen, von denen Koch-Mehrin zwei Drittel nicht im Literaturverzeichnis ihrer Dissertation aufgeführt habe. Und uzum Dank schwärzte Koch-Mehrindafür auch noch die Universität Heidelberg an.

Auch dem Europaabgeordneter der FDP, Jorgo Chatzimarkakis, wird vorgeworfen, in seiner Doktorarbeit abgeschrieben zu haben. Die Plagiatsfahnder von „VroniPlag“ wollen auf 21,58 Prozent der Seiten von Chatzimarkakis' Doktorarbeit Plagiate gefunden haben. Der Fakultätsrat der Universität Bonn will in der kommenden Woche entscheiden, ob Chatzimarkakis die Doktorarbeit gemäß der damals geltenden Promotionsordnung verfasst hat. Er selbst greift die Onlineplattform Vroni-Plag an. Das Gebaren der anonymen Plagiatsfahnder erinnere ihn an die Tyrannis, "ganz im altgriechischen Sinn: Hier werden Politiker bestimmter Couleur willkürlich gejagt", sagte Chatzimarkakis der Zeitung "Trierischer Volksfreund".

In der FAZ berichtet hingegen ein Hochschullehrer aus dessen sozialwissenschaftlicher Arbeit sich Chatzimarkakis wohl großzügig bedienet hat über den Tag, an dem er das Plagiat entdeckte. Er habe mehr als hundert Zeilen - verstreut auf sechs Druckseiten in der Dissertation des FDP-Europaabgeordneten gefunden und dass als „eine Anerkennung“ seiner Arbeit empfunden.

Die Untersuchung

Der Anstoß zur Untersuchung der Dissertation von Koch-Mehrin kam von der Internet-Plattform Vroniplag . Vroniplag ist ein sogenanntes "Wiki", dessen Nutzer Inhalte lesen, hinzufügen und auch bearbeiten können. Laut Vroniplag finden sich in der Dissertation Koch-Mehrins auf einem Drittel der uintersuchten Seiten unterschiedlich schwerwiegende Plagiate.

Auf der Plattform wurden von einer Vielzahl von Internet-Nutzern mutmaßliche Plagiate in der Dissertation untersucht. Ursprünglich war Vroniplag eingerichtet worden, um die Dissertation "Regulierung im Mobilfunk" von Veronica Saß zu untersuchen. Die Universität Konstanz hat der Tochter des früheren bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU) den Doktortitel inzwischen aberkannt.

Vroniplag legt dabei dieselben Maßstäbe an wie das Wiki GuttenPlag, dessen Veröffentlichungen letztlich zum Rücktritt von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) führten. Dabei werden angeblich kopierte Passagen aus Koch-Mehrins Dissertation und die mutmaßlichen Originale gegenübergestellt.

Die Verdachtsfälle werden untersucht, mutmaßliche Plagiate anschließend abhängig vom Ausmaß der angeblichen Kopie in verschiedene Klassen eingeteilt, vom "Komplettplagiat" über die "Verschleierung" (umformulierte Orginialtexte, deren Urheber nicht angegeben wurden) bis hin zum "Bauernopfer" (der Urheber wird nur für einen unbedeutenden Textteil ausgewiesen, während wesentliche Passagen ohne Nennung übernommen wurden).

Dargestellt werden die Fundstellen nach Menge und Schwere der mutmaßlichen Kopie in Barcodes. Der Vergleich:

Legende:

  • SCHWARZ Guttenberg : Seiten, auf denen Plagiate gefunden wurden, Koch-Mehrin, Saß : verifizierte Plagiate
  • DUNKELROT = Koch-Mehrin, Saß : Mehr als die Hälfte der Seite plagiiert
  • ROT: Guttenberg : Seiten mit Plagiaten aus mehreren Quellen, Koch-Mehrin, Saß : Mehr als 75 % der Seite plagiiert
  • WEISS = Seiten, auf denen bislang keine Plagiate gefunden wurden
  • BLAU = Seiten, die nicht bei der Berechnung der Plagiate-Quote einbezogen wurden (Inhaltsverzeichnis, Literaturverzeichnis u.ä.)

Die Quantität und Qualität der nachweisbaren Plagiate lege den Schluss nahe, dass die Dissertation von Silvana Koch-Mehrin keine „selbstständige wissenschaftliche Arbeit“ im Sinne der Promotionsordnung der Fakultät und des Landeshochschulgesetzes Baden-Württemberg sei, sagte Manfred Berg, der als Vorsitzender des Promotionsausschusses die Dissertation Koch-Mehrins untersuchte. „Angesichts der Vielzahl und des systematischen Charakters der Plagiate kann kein Zweifel daran bestehen, dass sich Frau Koch-Mehrin in ihrer Dissertation fremdes geistiges Eigentum angeeignet und als das eigene ausgegeben hat.“ Damit sei die Aushändigung der Doktorurkunde aufgrund schwerwiegender falscher Angaben über die Eigenständigkeit der erbrachten wissenschaftlichen Leistung erfolgt. Das habe zur Folge, dass der Doktorgrad zu entziehen sei.