EU-Politik

Trotz Plagiat – Koch-Mehrin erhält Beförderung

Der Plagiatsaffäre zum Trotz scheint Silvana Koch-Mehrin ihre Karriere gut im Griff zu haben. Die FDP-Politikerin wird Vollmitglied im Brüsseler Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie – als Forschungspolitikerin.

Die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin wird Vollmitglied im Brüsseler Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie. Das kommt einer Beförderung gleich – vorher war sie stellvertretendes Mitglied in dem Gremium, berichtet "Spiegel Online".

Damit ist Koch-Mehrin auch verantwortlich für die Forschungspolitik der EU. Laut Website des Europaparlaments kümmern sich die Mitglieder des Ausschusses um "die Vertreibung und Auswertung wissenschaftlicher Erkenntnisse".

Aufgrund seines weiten Zuständigkeitsfelds und der Tatsache, dass das Europäische Parlament in praktisch all seinen Bereichen volle Mitentscheidungskompetenzen bei der EU-Rechtsetzung hat, gilt der Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie als einer der wichtigsten Ausschüsse des Parlaments.

Die Entscheidung dürfte viele Abgeordnete verwundern – schließlich ist Koch-Mehrin gerade erst der Doktortitel entzogen worden. Schon vor einigen Wochen war sie als Vize-Präsidentin des Europäischen Parlaments und Chefin der FDP-Gruppe zurückgetreten.

Für Koch-Mehrin hat ausgerechnet Jorgo Chatzimarkakis seinen Posten im Forschungsausschuss geräumt. Jener FDP-Politiker also, dessen Doktorarbeit derzeit von der Universität Bonn wegen Plagiatsverdachts untersucht wird. Er ist jetzt stellvertretendes Ausschussmitglied, so "Spiegel Online".

Erst letzte Woche hatte die Universität Heidelberg Silvana Koch-Mehrin den Doktortitel aberkannt. Die zentralen Vorwürfe: Koch-Mehrin soll abgeschrieben und die Quellen verborgen haben. Von der Universität heißt es nach der Prüfung der im Jahr 2000 vorgelegten Dissertation: „Auf rund 80 Textseiten der Dissertation finden sich über 120 Stellen, die nach Bewertung des Promotionsausschusses als Plagiate zu klassifizieren sind. Diese Plagiate stammen aus über 30 verschiedenen Publikationen, von denen zwei Drittel nicht im Literaturverzeichnis aufgeführt worden sind.“

Der Anstoß zur Untersuchung der Dissertation von Koch-Mehrin kam von der Internet-Plattform Vroniplag . Vroniplag ist ein sogenanntes "Wiki", dessen Nutzer Inhalte lesen, hinzufügen und auch bearbeiten können. Laut Vroniplag finden sich in der Dissertation Koch-Mehrins auf einem Drittel der uintersuchten Seiten unterschiedlich schwerwiegende Plagiate.

Auf der Plattform wurden von einer Vielzahl von Internet-Nutzern mutmaßliche Plagiate in der Dissertation untersucht. Ursprünglich war Vroniplag eingerichtet worden, um die Dissertation "Regulierung im Mobilfunk" von Veronica Saß zu untersuchen. Die Universität Konstanz hat der Tochter des früheren bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU) den Doktortitel inzwischen aberkannt.

Vroniplag legt dabei dieselben Maßstäbe an wie das Wiki GuttenPlag, dessen Veröffentlichungen letztlich zum Rücktritt von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) führten. Dabei werden angeblich kopierte Passagen aus Koch-Mehrins Dissertation und die mutmaßlichen Originale gegenübergestellt.

Die Verdachtsfälle werden untersucht, mutmaßliche Plagiate anschließend abhängig vom Ausmaß der angeblichen Kopie in verschiedene Klassen eingeteilt, vom "Komplettplagiat" über die "Verschleierung" (umformulierte Orginialtexte, deren Urheber nicht angegeben wurden) bis hin zum "Bauernopfer" (der Urheber wird nur für einen unbedeutenden Textteil ausgewiesen, während wesentliche Passagen ohne Nennung übernommen wurden).

Dargestellt werden die Fundstellen nach Menge und Schwere der mutmaßlichen Kopie in Barcodes. Der Vergleich:

Legende:

  • SCHWARZ Guttenberg : Seiten, auf denen Plagiate gefunden wurden, Koch-Mehrin, Saß : verifizierte Plagiate
  • DUNKELROT = Koch-Mehrin, Saß : Mehr als die Hälfte der Seite plagiiert
  • ROT: Guttenberg : Seiten mit Plagiaten aus mehreren Quellen, Koch-Mehrin, Saß : Mehr als 75 % der Seite plagiiert
  • WEISS = Seiten, auf denen bislang keine Plagiate gefunden wurden
  • BLAU = Seiten, die nicht bei der Berechnung der Plagiate-Quote einbezogen wurden (Inhaltsverzeichnis, Literaturverzeichnis u.ä.)

Die Quantität und Qualität der nachweisbaren Plagiate lege den Schluss nahe, dass die Dissertation von Silvana Koch-Mehrin keine „selbstständige wissenschaftliche Arbeit“ im Sinne der Promotionsordnung der Fakultät und des Landeshochschulgesetzes Baden-Württemberg sei, sagte Manfred Berg, der als Vorsitzender des Promotionsausschusses die Dissertation Koch-Mehrins untersuchte. „Angesichts der Vielzahl und des systematischen Charakters der Plagiate kann kein Zweifel daran bestehen, dass sich Frau Koch-Mehrin in ihrer Dissertation fremdes geistiges Eigentum angeeignet und als das eigene ausgegeben hat.“ Damit sei die Aushändigung der Doktorurkunde aufgrund schwerwiegender falscher Angaben über die Eigenständigkeit der erbrachten wissenschaftlichen Leistung erfolgt. Das habe zur Folge, dass der Doktorgrad zu entziehen sei.

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