Bin Ladens Nachfolger

Ein 59 Jahre alter Chirurg führt jetzt al-Qaida

Osama Bin Laden ist tot - das Terrornetzwerk al-Qaida hat nun seinen Chefideologen Aiman al-Sawahiri zum neuen Führer ausgerufen. Einen ausgebildeten Mediziner, der Gedichte schreibt und als Drahtzieher der New Yorker Anschläge vom 11. September 2001 gilt.

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Der langjährige Vertraute des getöteten al-Qaida-Chefs Osama Bin Laden, Ajman al-Sawahri, soll jetzt an dessen Stelle getreten sein.

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Das Terrornetzwerk al-Qaida hat den Ägypter Aiman al-Sawahiri zu seinem neuen Anführer bestimmt. Das geht aus einer Botschaft hervor, die am Donnerstag auf einer einschlägigen Islamisten-Website im Internet veröffentlicht wurde.

Darin heißt es, das „Generalkommando“ von Al-Qaida habe nach ausführlichen Debatten beschlossen, dass al-Sawahiri der Nachfolger von Osama bin Laden werden solle. Er solle als „Emir“ der Organisation den „Heiligen Krieg“ fortsetzen. In der Botschaft heißt es weiter: „Wir loben die arabischen Revolutionen“ und „Wir werden alles tun, um die muslimischen Gefangenen zu befreien.“ Bin Laden war Anfang Mai von einem US-Spezialkommando in seinem Versteck in Pakistan getötet worden.

Der Ägypter Aiman al-Sawahiri gehört wie Osama Bin Laden zu den al-Qaida-Mitgliedern der ersten Stunde. Der ägyptische Chirurg war in seiner Heimat schon vor den Anschlägen vom 11. September 2001 einer der meistgesuchten Terroristen. Er galt als Chefideologe al-Qaidas mit großem Einfluss auf Bin Laden. Am Sonntag wird er 60 Jahre alt.

Als 15-Jähriger festgenommen

Al-Sawahiri entstammt einer angesehenen Familie aus dem Nil-Delta. Er ist der Sohn eines renommierten Arztes und Enkel eines führenden Predigers am Kairoer al-Ashar-Institut, der höchsten Instanz für sunnitische Muslime. Sein Werdegang weist ihn als regelrechten Karriere-Islamisten aus: Schon als Jugendlicher wandte er sich dem radikalen Islam zu. Als 15-Jähriger wurde er wegen Mitgliedschaft in der Muslimbruderschaft festgenommen. Nach dem Abschluss seines Medizinstudiums an der Universität Kairo 1974 machte er sich mit leidenschaftlichen Plädoyers gegen den Westen und für eine Rückbesinnung auf die Wurzeln des Glaubens einen Namen im radikalislamischen Untergrund. Er schloss sich dem Islamischen Dschihad an, der Ägypten mit Gewalt in einen Gottesstaat verwandeln wollte.

Später unterstützte al-Sawahiri den Kampf gegen die Sowjet-Truppen in Afghanistan. Als Arzt heuerte er beim Roten Halbmond an, der sich um die Kriegsverletzten auf Seiten der muslimischen Kämpfer kümmerte. Dabei lernte er in Pakistan Bin Laden kennen. Als er sich 1998 endgültig mit Bin Laden zusammenschloss, brachte er Dutzende Mitkämpfer vom radikalen Flügel seiner Dschihad-Gruppe mit.

In religiösen Fragen ist al-Sawahiri vermutlich belesener, als Bin Laden es war. Er predigt Hass auf Amerikaner, Juden und andere „Ungläubige“ sowie Gewalt gegen die „vom Glauben abgefallenen arabischen Führer“. Doch ist er weniger charismatisch als sein Vorgänger. Für seine Rolle bei tödlichen Terroranschlägen in Ägypten wurde er in seiner Heimat zum Tode verurteilt. Die USA haben auf ihn ein Kopfgeld von 25 Millionen Dollar ausgesetzt.

Das Hirn von Al-Qaida

Al-Sawahiri galt schon vor der Tötung Osama Bin Ladens als das eigentliche Hirn von al-Qaida. Er entwickelte sich in den vergangenen Jahren zum Sprachrohr Bin Ladens, dem er auch als Leibarzt diente. Gemeinsam mit Bin Laden soll Sawahiri der intellektuelle Wegbereiter der Anschläge vom 11. September 2001, aber auch der Anschläge auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania sein.

Mit Sawahiri an der Spitze will al-Qaida laut einer Mitteilung vom Donnerstag den „Heiligen Krieg“ gegen die USA und ihre Verbündeten fortsetzen. Sawahiri selbst hatte schon mehrmals in Botschaften zum Dschihad aufgerufen. Mit ihm könnte al-Qaida verstärkt auf moderne Technik setzen: In einer im Februar im Internet aufgetauchten Erklärung appellierte Sawahiri an seine Gefolgsleute, bei künftigen Anschlagsplanungen „neue Wege“ zu gehen. Er beklagte, dass die muslimische Welt bei Technologie und Waffentechnik hinter dem Westen hinterherhinke.

Sawahiris Gruppe Islamischer Dschihad soll die Fäden bei der Ermordung des prowestlichen ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat im Oktober 1981 gezogen haben. Sawahiri verbüßte dafür eine dreijährige Haftstrafe. 1992 startete al-Dshihad eine Attentatsserie in Ägypten. Die Gruppe soll auch für den Anschlag 1997 in Luxor verantwortlich sein, bei dem 62 Menschen starben, darunter 58 ausländische Touristen. 1999 wurde Sawahiri in Ägypten in Abwesenheit zum Tod verurteilt.

Ein in sich gekehrter Intellektueller

In Afghanistan hielt sich al-Sawahiri nach Angaben des islamistischen Anwalts Muntasser al-Sajat, der ihn gut kannte, erstmals 1979 und dann noch einmal 1980 auf. Nach Verbüßung seiner Haftstrafe setzte er sich Mitte der 80er Jahre mit einer Handvoll Getreuer endgültig aus Ägypten ab und gelangte nach mutmaßlichen Zwischenstationen in Saudi-Arabien, im Sudan und den Vereinigten Staaten nach Afghanistan. Er versorgte dort die im Kampf mit den sowjetischen Truppen verletzten Mudschahedin und lernte in dieser Zeit Bin Laden kennen. Doch erst seit 1998 engagiert sich Sawahiri bei al-Qaida.

Der Mann, der stets mit leiser Stimme spricht, wird von Sajat als in sich gekehrter Intellektueller beschrieben. Sawahiri veröffentlichte mehrere Abhandlungen über radikalislamische Politikkonzepte und verfasste zahlreiche Gedichte.

Nach Informationen vom Dezember 2001 verlor er bei einem US-Angriff auf das afghanische Kandahar während der Offensive zum Sturz der Taliban seine Frau, seine beiden Töchter und seinen Sohn. Laut dem pakistanischen Journalisten Hamid Mir, der Sawahiri zwei Mal traf, heiratete er erneut und wurde 2005 wieder Vater einer Tochter.

Von den USA und Interpol wird Sawahiri weltweit gesucht. Obwohl US-Sicherheitsberater Tom Donilon ihn noch im Mai als deutlich weniger gefährlich eingestuft hatte als Bin Laden, bleibt der Ägypter einer der größten Feinde der USA. Das US-Außenministerium hat eine Belohnung von 25 Millionen Dollar für seine Ergreifung ausgesetzt.