Krieg im Netz

Innenminister eröffnet erstes Cyber-Abwehrzentrum

Die Bedrohung durch virtuelle Angriffe wächst. Dieser Gefahr will jetzt auch die Bundesregierung besser gerüstet begegnen und hat das erste Cyber-Abwehrzentrum ins Leben gerufen.

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Die Gefahr durch Attacken im virtuellen Raum wächst. Jeden Tag werden weltweit 21.000 infizierte Webseiten entdeckt. Alle zwei Sekunden taucht ein neues Computerprogramm auf, das zum Ziel hat, im Cyber-Raum Schaden anzurichten. Unbekannte schleusen sich über solche Programme zum Beispiel in fremde Rechner ein, steuern sie aus der Ferne und feuern von dort aus massenhaft elektronische Anfragen an bestimmte Server, bis diese zusammenbrechen.

Auch Attacken auf Kontrollmechanismen in industriellen Anlagen bereiten Experten zunehmend Sorgen – spätestens seitdem im vergangenen Jahr mit dem Computerwurm „Stuxnet“ eine iranische Atomanlage sabotiert wurde. Cyber-Angriffe sind in den vergangenen Jahren immer zahlreicher und komplexer geworden. Die Täter werden professioneller, suchen gezielt nach Schwachstellen und organisieren sich.

Krieg im Netz

Längst ist auch der Krieg im Netz angekommen. Als erster Cyberwar gelten die elektronischen Attacken auf estnische Internetserver im Frühjahr 2007. Alle Computersysteme im Land wurden lahmgelegt. Die Internetseiten von Banken, Ministerien, dem Parlament und von Medien waren nicht mehr zugänglich. Bankautomaten streikten, Notfallrufnummern funktionierten nicht mehr. Es herrschte Chaos. Vermutet wurde damals, dass die Attacke aus Russland gesteuert wurde.

Experten warnen, ganze Industriestaaten ließen sich durch Viren und virtuelle Sprengsätze lahmlegen. Das Schreckensszenario: Regierungsnetzwerke, Konzernrechner, Infrastruktur, Verkehrs- und Stromnetze und Energieversorgung werden gestört oder sogar ausgeschaltet. Ein ganzes Land läge in diesem Fall am Boden.

Cyber-Sicherheit spielt deshalb eine immer größere Rolle. Regierungen arbeiten an Methoden zur Gefahrenabwehr. Die neue Strategie der Nato legt großes Gewicht auf die Sicherheit im virtuellen Raum. Und die Mitgliedstaaten sind angehalten, ihre Verteidigung im Netz zu verbessern.

Auch Deutschland rüstet sich gegen Cyber-Attacken. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich eröffnet am Donnerstag in Bonn das Nationale Cyber-Abwehrzentrum. Das klingt etwas üppiger als es tatsächlich ist. Die neue Einrichtung hat zunächst zehn Mitarbeiter. Die Experten dort sollen Erkenntnisse über elektronische Ausspähungen und Cyber-Attacken bündeln und Abwehraktionen koordinieren, Schwachstellen ausmachen und aus Angriffen lernen.

Das Zentrum ist keine eigenständige Behörde, sondern eine Art Kooperationsplattform verschiedener Einrichtungen. Dahinter stehen verschiedene Behörden. Federführend ist das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, beteiligt sind außerdem der Verfassungsschutz und das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Künftig sollen auch Bundespolizei, Bundeskriminalamt, Bundesnachrichtendienst, Bundeswehr und Zollkriminalamt mit Verbindungsbeamten angeschlossen sein.

Angriff auf Server und Datenklau

Das Abwehrzentrum sei noch „im Aufbau“, hieß es aus dem Innenministerium. Derzeit gingen dort täglich drei bis fünf Vorfälle ein. Mal geht es um die gezielte Überlastung von Servern oder Attacken auf Webseiten, mal um den Diebstahl von Daten, um Spionage in Netzwerken von Firmen oder staatlichen Stellen. Die Fachleute in Bonn beobachten auch Cyber-Attacken im Ausland, um daraus Schlüsse für Deutschland zu ziehen. Besonderes Augenmerk hat der Schutz sogenannter kritischer Infrastrukturen – das sind etwa staatliche Einrichtungen, Finanzwesen, Energie- und Gesundheitsversorgung oder Verkehr und Transport.

Das Abwehrzentrum in Bonn hat bereits Anfang April seine Arbeit aufgenommen. Die Einrichtung ist Teil der Cyber-Sicherheitsstrategie, die die Bundesregierung im Februar verabschiedete. Gegründet wurde auch ein Nationaler Cyber-Sicherheitsrat. In dem Gremium sitzen Vertreter aus dem Bundeskanzleramt, zahlreichen Bundesministerien und den Ländern. Hinzu kommen Wirtschaftsvertreter und bei Bedarf Fachleute aus der Wissenschaft. Die Runde soll die Zusammenarbeit zwischen Staat und Wirtschaft intensivieren und präventive Ansätze zur Cybersicherheit koordinieren. Das Gremium hat bislang einmal getagt. Die nächste Sitzung ist für den Herbst geplant.

Friedrich hat die Cyber-Sicherheit als „ein zentrales Thema“ seiner Amtszeit ausgerufen. Es sei „nur eine Frage der Zeit, bis kriminelle Banden oder Terroristen virtuelle Bomben zur Verfügung haben werden“, sagte er kürzlich in einem Interview. Cyber-Attacken könnten eine Volkswirtschaft empfindlich beeinträchtigen. Das Abwehrzentrum in Bonn sei „ein erster Schritt“, um dieser Gefahr zu begegnen.