Offensive in Syrien

Panzer gegen Kleinstadt - Assads Strafexpedition

Dschisr al-Schogur hat sich den Zorn von von Präsident Baschar al-Assad zugezogen: Die Kleinstadt ist aus Sicht der syrischen Regierung eine Rebellenhochburg. "Bewaffnete Banden" sollen hier Soldaten getötet haben. Nun kamen die Panzer - Bewohner flüchteten in die Türkei

Foto: dapd / dapd/DAPD

Es ist der bisher massivste Militäreinsatz des Assad-Regimes gegen das eigene Volk seit Beginn der Proteste: Nach tagelanger Belagerung sind syrische Regierungsverbände am Sonntag in die nordwestliche Kleinstadt Dschisr al-Schogur einmarschiert. Rund 200 Panzer seien an der Operation beteiligt, berichteten syrische Oppositionelle. Hubschrauber kreisten über dem Ort. Die Streitkräfte, die von Süden und Osten vorrückten, nahmen die Kleinstadt mit Artillerie unter Beschuss. Bundesaußenminister Guido Westerwelle forderte ein Ende des Armee-Einsatzes.

Nach ersten Berichten staatlicher syrischer Medien wurden bei den „schweren Zusammenstößen“ zwei Angehörige „bewaffneter Gruppen“ getötet und zahlreiche weitere festgenommen. Zynisch hieß es in den Berichten der staatlichen Nachrichtenagentur Sana: „Armee-Einheiten treffen in Dschisr al-Schogur ein und säubern das nationale Krankenhaus von Mitgliedern bewaffneter Banden.“ Große Mengen an Waffen seien sichergestellt worden. Bis zum Abend hatten syrische Regierungstruppen den Ort zurückerobert. Die Streitkräfte hätten die Stadt vollständig unter Kontrolle, berichteten ein Reporter der Nachrichtenagentur AP und ein geflüchteter Einwohner der Stadt am Sonntag. In Dschisr al Schugur hatten sich nach Angaben von Einwohnern Gruppen von Polizisten und Soldaten dem Aufstand gegen die Regierung von Präsident Baschar Assad angeschlossen.

Der amtlichen Nachrichtenagentur SANA zufolge entschärften Heereseinheiten Sprengsätze an Straßen und Brücken und rückten unter schweren Kämpfen in die Stadt ein. Nach Angaben des örtlichen Koordinierungskomitees, das die regimefeindlichen Proteste dokumentiert, griffen die Streitkräfte Dschisr al Schugur von Süden und von Osten her mit rund 200 Fahrzeugen an, darunter auch Panzer. Es berichtete von Explosionen und Hubschraubereinsätzen.

Es ist die schwerste Eskalation seit im März Hunderttausende Syrer friedlich für politische Reformen zu demonstrieren begannen. Das Regime von Präsident Baschar al-Assad ließ die Kundgebungen blutig niederschlagen. Nach Angaben syrischer Menschenrechtler starben bislang rund 1300 Menschen.

Der massive Angriff auf Dschisr al-Schogur erfolgte nach Anschuldigungen der staatlichen Medien, „bewaffnete Banden“ hätten dort am vergangenen Wochenende 120 Polizisten und Soldaten getötet. Oppositionelle widersprachen dieser Darstellung. Vielmehr hätten Truppen und Geheimdienstler Soldaten erschossen, die sich geweigert hätten, auf unbewaffnete Demonstranten zu schießen. Überprüfen lässt sich dies nicht, weil die Regierung Journalisten im Land nicht unabhängig arbeiten lässt.

Experten schließen aber dennoch nicht aus, dass die Revolte in der nordwestlichen Provinz Idlib zunehmend auch einen bewaffneten Charakter annimmt. Desertierende Soldaten könnten demnach Schutz bei Bewohnern gesucht und sich mit diesen verbrüdert haben. Staatliche Medien berichteten von Sprengfallen und Minen, die die Truppen beim Eindringen in den Ort entfernen mussten. Rund 5000 Bewohner waren schon zuvor über die nahe Grenze in die Türkei geflohen.

Am Sonntag kamen weitere Menschen über die Grenze, wie die türkische Nachrichtenagentur Anadolu berichtete. Sie werden in Zeltstädten des Türkischen Roten Halbmondes untergebracht. Die türkische Regierung hat mehrfach versichert, dass sie die Grenze zu Syrien nicht schließen wird.

Die USA hatten das brutale Vorgehen gegen Regimegegner in Syrien zuvor angeprangert. Zugleich forderten sie am Samstagabend Präsident Assad auf, dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) „sofortigen und ungehinderten Zugang“ zu Kampfgebieten in Nordsyrien zu gewähren, um Verletzten, Gefangenen und Flüchtlingen helfen zu können.

Westerwelle erklärte am Sonntag: „Ich verurteile das Vorgehen der syrischen Führung im Norden des Landes. Durch die Gewalt und den Einsatz schwerer Waffen droht eine humanitäre Krise.“ Die gefährliche Situation mache eine klare Reaktion des UN-Sicherheitsrates um so dringlicher. „Unsere politischen und diplomatischen Anstrengungen bleiben darauf gerichtet, dass die von uns mit eingebrachte Resolution so schnell wie möglich verabschiedet wird“, hieß es in der vom Auswärtigen Amt verbreiteten Mitteilung.

Ägypten erklärte unterdessen, es wolle einen von der Europäischen Union angestrebten Beschluss des Weltsicherheitsrates gegen das syrische Regime abwenden. Kairo arbeite „hinter den Kulissen“ daran, um stattdessen in Damaskus zu erwirken, dass es einem Besuch durch einen „westlichen“ Sondergesandten zustimmt, sagte der ägyptische Außenminister Nabil al-Arabi am Sonntag der arabischen Tageszeitung „Al-Hayat“.