Politische Konsequenzen

EHEC offenbart deutsches Kompetenzchaos

In allen Parteien werden Rufe nach einem zentralen und besseren Krisenmanagement laut – etwa einer Art "German Health Organisation".

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Nach dem Umsatzeinbruch wegen der Ehec-Krise müssen viele Bauern ums finanzielle Überleben kämpfen

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Die Quelle des EHEC-Erregers ist noch nicht identifiziert, da ist der Streit über die politischen Konsequenzen schon voll entbrannt. Hessens Verbraucherschutzministerin Lucia Puttrich (CDU) fordert mehr Rückstellproben und engere Kontrollen von Restaurants und Kantinen. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach schlägt die Einrichtung einer „mobilen Einsatztruppe“ beim Bundesgesundheitsministerium vor – einer Art Seuchenpolizei, die im Krisenfall die Länder unterstützt. Die Grünen beantragen eine aktuelle Stunde im Bundestag zur EHEC-Krise. „Das EHEC-Krisenmanagement dieser Regierung ist miserabel, es findet schlecht oder gar nicht statt“, wettert Grünen-Fraktionschefin Renate Künast. „Die Verbraucher werden nur verunsichert.“

Zunächst wird sich heute aber der Agrarausschuss des Bundestags mit EHEC befassen. Das Thema steht ganz oben auf der Tagesordnung. Experten des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI) und des Friedrich-Löffler-Instituts (FLI) für Tiergesundheit von der Insel Riems sollen den Abgeordneten genau erklären, wann die ersten Mitteilungen über EHEC-Fälle bei ihnen eingingen und welche Maßnahmen dann ergriffen wurden. So haben anfangs allein die Gesundheitsämter vor Ort die EHEC-Patienten nach ihrer Ernährung befragt. Die ausgefüllten Fragebögen, so wird kolportiert, sollen sie zunächst noch per Post ans RKI geschickt haben.

„Es läuft in dem bestehenden System, wie es laufen kann“, sagte Hans-Michael Goldmann, FDP-Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender des Agrarausschusses, der Berliner Morgenpost. Er fordert eine Art „German Health Organisation“, die für mehr Effizienz in der Bewältigung von Krisen sorgen soll. Dafür müssen die bestehenden Institutionen besser und auch internationaler zusammenarbeiten. Bislang sei die Drehscheibe des Verdachts der Hamburger Großmarkt, wo mit Produkten aus aller Welt gehandelt wird. Darauf müsste auch das Krisenmanagement abgestimmt werden.

Miserables Krisenmanagement

Was bei der Bevölkerung als miserables Krisenmanagement ankommt, ist für Goldmann denn auch vor allem Ausdruck des bestehenden Systems, das einfach nicht mehr zeitgemäß ist. Bund, Länder, Kreise und Kommunen halten auch in der Krise an ihren festgelegten Zuständigkeiten fest. Wie jetzt in der EHEC-Krise geht dadurch wertvolle Zeit verloren, die Menschen das Leben kosten kann. So kommt es, dass sich Landesminister auch nicht von Bundesministern davon abhalten lassen, öffentlich vor dem Verzehr bestimmter Lebensmittel zu warnen.

Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) warnte im Alleingang vor spanischen Gurken, die sich dann als unbelastet erwiesen. Eine ganze Kette von Indizien veranlasste Niedersachsens Agrarminister Gert Lindemann (CDU), Bohnensprossen als Quelle für die EHEC-Infektionen unter Verdacht zu stellen. Er ließ den betroffenen Produktionsbetrieb in Bienenbüttel bei Uelzen sperren und die verdächtigen Produkte aus den Geschäften zurückrufen. Doch bislang waren sämtliche untersuchten Proben negativ. Auch in einer Packung Sprossen aus dem April, die ein Hamburger EHEC-Patient in seinem Kühlschrank vergessen und erst jetzt den Behörden übergeben hatte, fanden sich im Labor keine Spuren des EHEC-Erregers.

Trotzdem verteidigte Lindemann sein Vorpreschen. Zunächst waren 40 Proben aus Lüftungsanlagen, dem Wasser, von Arbeitstischen und aus dem Saatgut des Betriebs genommen worden. Weitere 500 Proben wurden inzwischen noch gezogen. Mediziner halten es weiterhin für sehr wahrscheinlich, dass Sprossen die Ursache für EHEC-Infektionen sein könnten – auch wenn bislang alle untersuchten Proben negativ waren. Von 18 Patienten, die allein im Oststadt-Krankenhaus in Hannover behandelt werden, erinnerten sich 16, Sprossen gegessen zu haben. Ein weiteres Indiz, das Lindemanns Verdacht stützt und sein Vorgehen rechtfertigt.

Über 100 EHEC-Fälle im Ausland

Außerhalb Deutschlands gibt es nach Informationen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) schon mehr als 100 EHEC-Erkrankungen in zwölf europäischen Ländern. Innerhalb der nächsten sieben Tage müsste der Erreger gefunden werden, warnten WHO-Experten. Andernfalls würde der Ausbruch der tödlichen Seuche möglicherweise nie völlig aufgeklärt werden können. In Deutschland wurden bislang rund 3000 EHEC-Verdachtsfälle und Erkrankungen gemeldet. Die Zahl der Neuinfektionen geht langsam zurück. Die Zahl der EHEC-Toten ist auf 23 gestiegen.

Fast die Hälfte der Deutschen änderte übrigens wegen EHEC ihr Konsumverhalten: Die meisten von ihnen reinigen laut einer Emnid-Umfrage im Auftrag der Düsseldorfer Agentur Ketchum Pleon Obst und Gemüse gründlicher als zuvor. Von den Befragten, die ihr Verhalten geändert haben, gaben sogar drei Viertel an, rohes Gemüse komplett vom Speiseplan gestrichen zu haben. Wer nicht verzichtet, achtet zumindest verstärkt auf die Herkunft der Ware.