Kommentar

Junge Generation wehrt sich gegen Machtlosigkeit

In der jungen Generation gärt es: Wachsende Gräben in der Bildung, den Zukunftschancen und im Wertsystem trennt die Nachwachsenden von den Etablierten. Hajo Schumacher über die gefühlte Machtlosigkeit der Jugend und ihre Gegenwehr im Netz.

In Spanien regt sich derzeit massiver Widerstand der jungen Menschen gegen die Mächtigen. Unzufriedenheit scheint sich nicht auf die andere Seite des Mittelmeers zu beschränken. Am Freitag wurden die Server der Piratenpartei lahmgelegt, weil darüber offenbar eine Hack-Attacke auf französische Atomkraftwerke vorbereitet werden sollte. Jugendliche in aller Welt tuscheln über Anonymous, jene geheimnisvolle Aktivistengruppe, deren Netzattacken von Unternehmen, Organisationen und Privatpersonen zu Recht gefürchtet werden. In Deutschland hat ein überwiegend anonymes Netzwerk von Plagiatsjägern in diesem Jahr bereits mehr in der Politik bewegt als die Kanzlerin: Ein Minister und die Vizepräsidentin des EU-Parlaments verloren ihre repräsentativen Ämter aufgrund der Schwarm-Recherche; weitere Kandidaten auch aus der Wirtschaft könnten folgen. Der Antrieb der Jäger reicht vom edlen wissenschaftlichen Credo bis zum halbintellektuell kaschierten Hass auf alles und jeden.

Es braut sich was zusammen in der jüngeren Hälfte der Gesellschaft: Ein wenig zeitgemäßes Bildungssystem, wachsende Gräben bei Einkommen und Aufstiegschancen, wenig Zukunftsfreude der Politik in Energie- oder Haushaltsfragen und ein ziemlich situativer Wertekanon trennt die nachwachsende Generation von den Etablierten, übrigens überall auf der Welt. Es wäre arrogant, die latente Unzufriedenheit des Nachwuchses auf Tunesien, Ägypten oder Spanien zu reduzieren. Die Herrschenden in Berlin unterscheiden sich in der Wahrnehmung junger Menschen kaum von den Machthabern in Kairo oder Tunis. Die Rituale der Demokratie verlieren an Glaubwürdigkeit.

Wer dieser gefühlten Machtlosigkeit der Jungen Ausdruck verleiht, etwa mit anarchischen WWW-Aktionen, darf sich größter Verehrung sicher sein. Anonymous etwa genießt in der digitalen Welt den Status eines Popstars, obwohl kaum mehr bekannt ist als das Logo: ein Anzugträger mit Fragezeichen statt Kopf. Wer sie sind? Was wollen sie? Keiner weiß es so richtig. Aber angeblich kann jeder mitmachen, der ein wenig vom digitalen Geschäft versteht.

Der kollektive Geist des weltweiten Online-Spiels „World of Warcraft“ dringt in die Realität ein. Wie eine Partisanengruppe schlagen die Aktivisten immer wieder zu, gegen Banken, Neonazis, Scientologen. Nicht auszuschließen, dass eines Tages die etablierte Politik an der Reihe ist. Wie einst Robin Hood, so sehen sich auch die neuen Widerständler als Rächer einer gleichsam enterbten Generation. Und wenn sich keiner mehr um Recht und Ordnung kümmert, dann müssen sie das eben übernehmen.

Noch mögen latente Unzufriedenheit, Anarchie im Netz und die Ignoranz der Eliten weit auseinander liegen. Aber der plötzliche Protest in Spanien – aber auch in Tunesien, Ägypten, Libyen, Syrien und Jordanien – zeigt, wie schnell sich Zehntausende zusammenfinden können, um ihr Unbehagen massiv kundzutun, und das nicht nur über Twitter oder Facebook. Gut möglich, dass die Spannung zwischen dem digital sozialisierten Nachwuchs und seinen gemütlichkeitsbesessenen Eltern deutlich größer ist, als wir derzeit noch ahnen.