Friedensnobelpreis

Taiwans Demokratie macht Menschenrechtlern Mut

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Marko Martin

Foto: AFP

Beispielhaft: Während Peking den Friedensnobelpreis für Liu Xiaobo verschweigt, wird er in Taiwan eifrig diskutiert.

Wenn heute in Stockholm der in China inhaftierte Bürgerrechtler Liu Xiaobo den Friedensnobelpreis erhält, wird in den offiziellen Medien der Volksrepublik wohl weiterhin eisiges Schweigen herrschen. Gut möglich, dass in diesem Zusammenhang einige westliche Sinologen, Politikwissenschaftler und andere professionelle China-Versteher erneut um Verständnis für die „andere Kultur im aufstrebenden Reich der Mitte“ werben und vor okzidentaler Werte-Arroganz warnen – ganz so, als sei die Einkerkerung von Menschenrechtlern eine schützenswerte Besonderheit Asiens und stünde nicht in einer leider ebenfalls universellen Tradition des Machtmissbrauchs. Dagegen sind es wieder die freien Medien Hongkongs, die daran erinnern, dass die Gefängnishaft für einen Nobelpreisträger ihr Vorbild ausgerechnet im Deutschland des Jahres 1936 hat, als Carl von Ossietzky von der Gestapo darin gehindert worden war, nach Stockholm reisen.

Im anderen, freien Teil der chinesischsprachigen Welt wird noch eine andere historische Analogie bemüht Taiwanesische Zeitungen erinnern an den10. Dezember 1979, als Bürgerrechtler und Intellektuelle gegen das damals herrschende rechtsautoritäre Regime der Kuomintang demonstrierten, das seit 1949, nach der Niederlage im festlandland-chinesischen Bürgerkrieg, per Ausnahmezustand auf der Insel regierte. Kaum waren die Plakate mit der Forderung nach freien Wahlen entrollt worden, hatte die Polizei auch schon begonnen, einzukesseln, zu prügeln und die bekanntesten Wortführer abzuführen. „Um der Verhaftung und der Folter zu entgehen, tauchte mein damaliger Mann Shi Mingde sofort unter und versuchte sogar, sich einer Gesichtsoperation zu entziehen. Aus gutem Grund, denn nachdem man ihn schließlich doch aufgespürt hatte, wurde er vom Regime zu lebenslänglicher Haft verurteilt.“

Linda Arrigo erzählt diese Horror-Geschichte freilich eher beiläufig. Wir laufen über ein verwildertes Gräberfeld in den Hügeln über Taipeh, und bei nahezu jedem Grabstein bleibt die 61-jährige Amerikanerin, die inzwischen Taiwans berühmteste Soziologin ist, stehen, um Namen und Todesjahre zu nennen: „Das alles sind Menschen, die im so genannten ‚Weißen Terror‘ von Chiang Kai Sheks Regime den Tod fanden.“

Doch gerade jener 10. Dezember vor nunmehr 31 Jahren brachte den Umschwung. Dank ihres US-Passes gelang der Aktivistin nämlich nicht nur die Flucht, sondern auch eine Mobilisierung der amerikanischen Öffentlichkeit.

Linda Arrigo sagt mit einem entschuldigenden Lächeln: „Damals begann eine Geschichte, die in meinem linken Weltbild eigentlich gar nicht vorgesehen war – die Transformation einer rechten Diktatur in einen prosperierenden kapitalistischen Wohlfahrtsstaat, in dem es auch heute zwar beträchtliche Einkommensunterschiede gibt, aber die Zahl der absolut Armen gegen Null tendiert. Eine harte Nuss für eine alte Linke wie mich, was meinen Sie?“

In der Tat mag es mit den pekuniären Wurzeln des Wunders von Taiwan zusammenhängen, dass – ähnlich wie etwa im Fall Chiles und Südkoreas – die ansonsten so engagierte Weltöffentlichkeit jenen ebenso friedlichen wie letztlich revolutionären Transformationsprozess eher schulterzuckend zur Kenntnis nimmt und weiterhin lieber von der angeblichen Unvereinbarkeit konfuzianischer Strenge mit demokratischem Laisser-faire schwadroniert.

Das aber sind die harten realpolitischen Fakten hinter Taiwans Verwandlung: Bereits nach Richard Nixons Besuch bei Mao im Jahre 1972 wollten die USA zwar das antikommunistische Taiwan weiterhin als strategisches Faustpfand bewahren, sorgte sich jedoch um die Negativ-Schlagzeilen, die das Regime von General Chiang Kai Shek pausenlos produzierte. Immerhin aber hatte der es geschafft, Taiwans zuvor bettelarme Bauernschaft in kleinen und mittleren Unternehmen aufsteigen zu lassen und dank des internationalen Niedrigpreis-Labels „Made in Taiwan“ der Insel einen gigantischen Wirtschaftsboom zu verschaffen. Die zweite Ölkrise des Jahres 1979 verursachte dann allerdings auch eine tiefe Rezession, die den Druck der nunmehr selbstbewusster gewordenen Unternehmerschaft auf das Regime erhöhte und General Chiangs Sohn und Nachfolger Chiang Ching-kuo schließlich dazu brachte, von der Mitte der achtziger Jahre an Presse- und Parteienfreiheit zu geben.

„Haben Sie Lust auf eine weitere ironische Volte der Geschichte?“ Die elegante Li Ang, Taiwans renommierteste Romanautorin, empfängt zum Gespräch in einem japanischen Edel-Restaurant in Taipehs Innenstadt. Die Dame von Welt verweist stolz auf ihre gesellschaftskritischen Romane, die seinerzeit von den regierungstreuen Medien in Taipeh wüst angegriffen worden waren, in der machttechnisch ungleich effektiveren Volksrepublik China jedoch gar nicht erst erscheinen durften. „Wissen Sie was? Es sind nun die ehemaligen Antikommunisten vom Dienst, die mit dem nach wie vor totalitären Festland ökonomisch gar nicht eng genug verbandelt sein können – zur weiteren Wohlstandssteigerung bei uns, aber auch mit der Schattenseite, dass Pekings Leute über geheime Aktienanteile längst in manchen unserer Medien-Holdings mitmischen. Schauen Sie also genau hin, wer hier über die Nobelpreispreisverleihung an Liu Xiaobo berichtet und wer nicht.“

Und die energisch wirkende Frau mit den filigran kleinen und dezent beringten Fingern hat auch eine Frage an die Welt außerhalb Taiwans: „Weshalb glaubt Ihr – verzeihen Sie das scharfe Wort – weiterhin diesen verdammten Bullshit von den ‚asiatischen Werten‘?“