Sex-Skandal

Strauss-Kahn und was in Suite 2806 geschah

Widersprüchliche Aussagen machen den Fall Dominique Strauss-Kahn kompliziert. Der Anwalt des IWF-Chefs behauptet nun, das Zimmermädchen habe sich angeboten.

Als das Zimmermädchen, für das sich jetzt die ganze Welt interessiert, die Zimmertür aufmachte, rief sie: „Housekeeping“. Es ist der übliche Ruf, mit dem Zimmermädchen ankündigen, dass sie jetzt saubermachen, saugen, das Bett frisch beziehen. Er ist sogar Vorschrift, der „Housekeeping“-Ruf, ebenso soll die Tür weit geöffnet bleiben. So soll verhindert werden, dass es hinter verschlossenen Türen zu Dingen kommt, die sich später nicht mehr rekonstruieren lassen. Zu Dingen, wie sie jetzt passiert sind, im undurchsichtigen Fall Dominique Strauss-Kahn. Denn abgesehen vom „Housekeeping“-Ruf ist völlig ungewiss, was wirklich gelaufen ist, in der Suite 2806 des New Yorker Sofitels, wo die Nacht 3000 Dollar kostet, etwa 2110 Euro.

Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft betrat das Zimmermädchen gegen 12 Uhr mittags die Suite und ließ, wie es Vorschrift ist, die Tür weit offen. Der Verdächtige sei nackt aus dem Bad gestürzt, habe die Tür zugeworfen und sie ins Schlafzimmer gezerrt. Er habe sie an den Brüsten und im Genitalbereich roh angefasst und versucht, ihre Strumpfhose und Unterhose herunterzureißen. Als das nicht gelang, habe er sie zum Oralverkehr gezwungen. Durch welche Drohungen dies erzwungen worden sein soll, ist ungeklärt. Jedenfalls entkam das Zimmermädchen und vertraute sich Kollegen an, die über Notruf die Polizei verständigten. Wenig später wurde Strauss-Kahn aus der Erste-Klasse-Kabine seines Air-France-Flugzeugs heraus verhaftet, nur Minuten vor dem Start.

Jetzt sitzt er im Knast. Seine maßgeschneiderten Anzüge musste Strauss-Kahn inzwischen gegen Sträflingskluft eintauschen. Einer der mächtigsten Männer der Finanzwelt sitzt nun zusammen mit 14000 Kriminellen auf der berüchtigten New Yorker Gefängnisinsel Rikers Island in Untersuchungshaft – auf Anweisung der örtlichen Justizbehörde aus der Polizeieinrichtung für Opfer von Sexualverbrechen in Harlem. Strauss-Kahn, immer noch Präsident des Internationalen Währungsfonds (IWF), hockt in einer dreieinhalb mal vier Meter große Einzelzelle. Die Richter rechnen mit Fluchgefahr, weshalb die Verteidiger mit ihrem Ansinnen, Strauss-Kahn gegen eine Kaution auf freien Fuß zu bekommen, scheiterten.

Angesichts der misslichen Lage des Mandanten entschied man sich offenbar für eine Flucht nach vorn. So wollen die Anwälte Strauss-Kahns um Benjamin Brafman darauf hinaus, dass das Zimmermädchen, das Strauss-Kahn vergewaltigt haben soll, sich ihm aus Eigeninitiative sexuell angeboten hat. Inzwischen wird gestreut, dass der Mann, den Frankreichs Sozialisten eigentlich zum Herausforderer von Präsident Nicolas Sarkozy aufbauen wollten, „einvernehmlichen Sex“ mit ihr gehabt haben soll. Das schreibt jedenfalls die New Yorker Boulevardzeitung „Daily News“. „Frankreichs führender Präsidentschaftskandidat mag über ein Zimmermädchen in Manhattan hergefallen sein – aber sie wollte es“, heißt es im Blatt unter Berufung auf eine „Quelle aus der Nähe der Verteidigung“ des 62-Jährigen. „Es ist durchaus möglich, dass sie einverstanden war“, hieß es.

"Krimineller sexueller Akt“

Das sieht der Bezirks-Staatsanwalt John McConnell völlig anders. Er hält sieben Anklagepunkte mit einer Gesamtstrafe von bis zu 74 Jahren und drei Monaten durch eine überwältigend „starke Darstellung“ des Opfers für beweisbar. Versuchte Vergewaltigung, Freiheitsberaubung und, besonders schwerwiegend, einen „kriminellen sexuellen Akt“ (US-Rechtscode für erzwungenen Anal- oder Oralverkehr) hat die 32 Jahre alte Frau ihrem mutmaßlichen Peiniger vorgeworfen. Unterdessen herrscht an widersprüchlichen Aussagen ohnehin kein Mangel. Zeugen haben Dominique Strauss-Kahn beim Auschecken in der Hotelhalle um 12.28 Uhr wahlweise als vollkommen ruhig oder als gehetzt beschrieben.

Rätsel geben auch Berichte über ein angebliches Alibi auf. Strauss-Kahn soll sich nach unbestätigten Meldungen französischer Medien zur mutmaßlichen Tatzeit gar nicht in dem Hotel aufgehalten haben, wo er das Zimmermädchen angeblich zum Oralsex zwingen wollte. Vielmehr soll er sich mit seiner Tochter zum Essen getroffen haben. Doch wenn es dafür Zeugen gäbe, denn müsste er längst auf freiem Fuß sein. Auch Brafman hütete sich, französische Spekulationen, der berüchtigte Schürzenjäger „DSK“ sei von politischen Gegnern in eine „Honigfalle“ gelockt worden, vor Gericht anzudeuten.

Die Polizei hatte nach CNN-Angaben erklärt, das Zimmermädchen habe die Suite gegen 13 Uhr betreten. Sie habe nicht gewusst, dass sich dort jemand aufhalte. Anschließend habe der IWF-Chef die Frau dort attackiert. Weitere Aufschlüsse zu den Vorwürfen sollte die rechtsmedizinische Analyse liefern. Dieser Untersuchung stimmte Strauss-Kahn nach Angaben seiner Anwälte freiwillig zu. Es sollte unter anderem nach Kampf- oder DNA-Spuren des mutmaßlichen Opfers gesucht werden. Die junge Frau hatte den Franzosen nach einem Bericht der „New York Daily News“ bei einer Gegenüberstellung erkannt. Bei dem Zimmermädchen handelt es sich um eine 32-Jährige afrikanischer Herkunft. Sie lebt in der Bronx, hat eine Tochter.

Unterdessen prüft die US-Justiz auch, ob der IWF-Chef möglicherweise schon einmal eine Frau angegriffen hat. Der frühere Fall soll sich zwar außerhalb der USA abgespielt haben, aber – zumindest in groben Zügen – dem aktuellen Vorwurf gleichen: In Frankreich ist ein neun Jahre zurückliegender Fall ins Licht gerückt. Die damals 23 Jahre alte Journalistin und Autorin Tristane Banon will Dominique Strauss-Kahn für ein Buchprojekt interviewt haben und behauptet, bei dieser Gelegenheit von ihm massiv sexuell bedrängt worden zu sein. Der Politiker habe sie für das Gespräch in eine Wohnung gebeten, die er normalerweise nicht bewohne. Das Apartment sei leer gewesen, bis auf einen Fernseher und ein Bett.

Strauss-Kahn habe ihr gesagt, er beantworte ihre Fragen nicht, wenn sie seine Hand nicht halte. Von dort sei es dann „weiter gegangen über den Arm und dann noch weiter“. Am Ende, behauptet Tristane Banon, habe sie sich am Boden mit Strauss-Kahn „geschlagen“. Sie habe ihm „Fußtritte versetzt“, er habe ihren BH geöffnet. Sie habe das Wort „Vergewaltigung“ gesagt, aber das habe ihn nicht abgeschreckt. „Er schien das gewohnt zu sein.“ Schließlich sei sie gegangen. Danach habe Strauss-Kahn ihr noch eine SMS geschickt: „Na, habe ich Ihnen Angst gemacht?“ Sie habe damals erwogen, Klage zu erheben, wollte aber nicht „bis ans Ende ihrer Tage das Mädchen sein, dass ein Problem mit einem Politiker hatte“.