Explosionen in Rom

Anarchisten wollen ihre Gewalt internationalisieren

| Lesedauer: 3 Minuten
Hanns-Jochen Kaffsack

Die Paketbomben in Rom auf zwei Botschaften machen deutlich, wie eng der Kontakt zwischen italienischen und griechischen Anarchisten ist.

Auf dem explosiven Päckchen an die chilenische Botschaft in Rom prangten zwei italienische Briefmarken, der Absender stammte aus dem Reich der Fantasie: „Von den Alpen zu den Anden“, so war darauf zu lesen. „Über Rom“ stand noch darunter. Damit allein schon haben die anarchistischen Täter ihr Programm vorgestellt: Sie träumen davon, ihren „revolutionären Krieg“ zu internationalisieren. Hauptdrahtzieher in Italien, offensichtlich mit direktem Kontakt zu den griechischen Glaubensgenossen, ist eine „Federazione Anarchica Informale“ (Fai). Sie hat sich zu den Briefbomben in Rom bekannt.

Für Italiens Anti-Terror-Ermittler ist diese Anarcho-Föderation alles andere als unbekannt. Sie machte vor sieben Jahren auf sich aufmerksam, ebenfalls mit Briefbomben, gerichtet an Politiker wie den damaligen EU-Kommissionspräsidenten Romano Prodi. „Santa Klaus“, so nannte sich die Aktion. Die Fahnder hatten keinen Zweifel, was die Urheber anging, auch wenn die „Föderation“ die Anschuldigung damals noch prompt zurückwies. Anders bei den beiden Briefbomben jetzt: „Wir haben uns entschlossen, von neuem unsere Stimme zu Gehör zu bringen, mit Worten und mit Taten“, steht auf dem unversehrten Bekennerbrief, der nahe am Explosionsort in einer kleinen Schachtel entdeckt wurde.

Eines ist für die italienischen Ermittler schon klar: Es ist das Ziel der Anarchisten, ihr Aktionsfeld zu internationalisieren und den „Kampf gegen die Repression“ abzustimmen. Da ist zunächst einmal der griechische Bezug. Die dortigen anarchistischen „Feuerzellen“, die unter anderem auch eine Briefbombe an Bundeskanzlerin Angela Merkel schickten, hatten sich in einem Bekennerbrief auch solidarisch mit der „Fai“ und mit Untergrundorganisationen in Südamerika erklärt.

Die italienischen Anarchos gaben diesen „Gruß“ jetzt blutig zurück:Es ist eine „revolutionäre Zelle Lambros Fountas“ der Fai, die die Sprengstoffattentate in Rom begangen haben will. Fountas war ein bekannter griechischer Anarchist und Autonomer, der im März in Athen bei einem Feuergefecht mit der Polizei umkam. Der Schulterschluss hat schon Tradition: 1998 reisten zwei Dutzend griechische Anarchos zur Beerdigung eines italienischen „Kollegen“ im Piemont an.

Die Schweizer Botschaft war schon vor der Briefbombe bedroht worden, vor allem wohl, weil bei den Eidgenossen Gesinnungsgenossen einsitzen. Auch das explosive Päckchen an die chilenische Botschaft scheint kein Zufall. In der Hauptstadt Santiago de Chile starb im März 2009 der Anarchist Mauricio Morales, als sein mit Sprengstoff gefüllter Rucksack in die Luft ging. Monate danach verübten Anarchisten in Italien zwei Anschläge. „Sorelle in Armi – Gruppo Mauricio Morales“ (Schwestern in Waffen) nannten sich die Täter. Und auch dies schien eine der zahlreichen Fai-Zellen zu sein.

Die italienischen Fahnder sehen vor allem eine „sehr enge“ Verbindung über die Adria nach Griechenland. Einige hundert Personen, aktiv in verschiedenen Gruppen, müssten in Italien der „anarchisch- aufständischen Szene“ zugeordnet werden, erläutert der Unterstaatssekretär im Innenministerium, Alfredo Mantovano. Brutale „Gesten“ wie jetzt bei den Attentaten mit den Briefbomben dienten dazu, Mitglieder zu rekrutieren und Botschaften an jene zu versenden, „die bereit sind, den Schritt hin zum Umstürzlerischen zu machen“.

( dpa )

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