Doktortitel

Koch-Mehrin - mutmaßliche Plagiate auf 63 Seiten

Die Universität Heidelberg will der FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin angeblich den Doktortitel aberkennen. Die anonymen Mitarbeiter der Internet-Plattform Vroniplag haben die Dissertation untersucht - und haben auf mehr als 30 Prozent der Seiten mehr und minder gravierende Plagiate gefunden.

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Die Universität Heidelberg erwartet von der FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin wegen der Plagiatsvorwürfe im Zusammenhang mit ihrer Doktorarbeit eine Stellungnahme. Eine Sprecherin der Universität sagte am Dienstag, bisher liege von Koch-Mehrin noch keine entsprechende Erklärung vor. Das Prüfverfahren dauere nach wie vor an. Erst nach Vorliegen der Stellungnahme werde es zu einer Bewertung der Plagiatsvorwürfe kommen. Nach Angaben des Vorsitzenden des zuständigen Promotionsausschusses und Dekan der Philosophischen Fakultät, Manfred Berg, ist mit einer „Entscheidung in der Sache“ nicht vor Ende Mai, Anfang Juni zu rechnen.

Laut einem Vorabbericht des Berliner „Tagesspiegel“ soll sich der Verdacht gegen Koch-Mehrin erhärtet haben. Es seien mehrere Plagiate in ihrer Dissertation zum Fach Wirtschaftsgeschichte festgestellt worden, die als erheblicher Regelverstoß gewertet würden, berichtete die Zeitung unter Berufung auf Universitätskreise. Die Verleihung der Doktorwürde sei damit rechtswidrig gewesen und könne zurückgenommen werden.Die Doktorarbeit der FDP-Europapolitikerin zum Thema „Historische Währungsunion zwischen Wirtschaft und Politik“ war 2001 veröffentlicht worden und umfasst 227 Seiten.

Laut Recherchen der Internet-Plattform Vroniplag finden sich in der Dissertation auf 63 von 201 reinen Textseiten (ohne Inhalts- und Literaturverzeichnis) unterschiedlich schwerwiegende Plagiate. Auf der Plattform - ein sogenanntes "Wiki", dessen Nutzer Inhalte lesen und auch bearbeiten können - wurden von einer Vielzahl von Internet-Nutzern mutmaßliche Plagiate in der Dissertation untersucht. Ursprünglich war Vroniplag eingerichtet worden, um die Dissertation "Regulierung im Mobilfunk" von Veronica Saß zu untersuchen, Tochter des früheren bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber.

Vroniplag legt dabei die selben Maßstäbe an wie das Wiki GuttenPlag , dessen Veröffentlichungen letztlich zum Rücktritt von Verteidigungsminister karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) führten. Dabei werden angeblich kopierte Passagen aus zu Guttenbergs Dissertation und die mutmaßlichen Originale gegenübergestellt. Die Verdachtsfälle werden untersucht, mutmaßliche Plagiate anschließend abhängig vom Ausmaß der angeblichen Kopie in verschiedene Klassen eingeteilt, vom "Komplettplagiat" über die "Verschleierung" (umformulierte Orginialtexte, deren Urheber nicht angegeben wurden) bis hin zum "Bauernopfer" (der Urheber wird nur für einen unbedeutenden Textteil ausgewiesen, während wesentliche Passagen ohne Nennung übernommen wurden).

Der aktuelle Stand bei Vroniplag datiert vom 6. Mai: Auf 63 Seiten finden sich demnach Plagiate, ein Anteil von 31,34 Prozent. In einem Zwischenbericht vom Apr il (PDF) hatten die Macher von Vroniplag zudem die Vermutung geäußert, Koch-Mehrin habe bewusst getäuscht: "Die zahlreichen textuellen Anpassungen der Plagiate sowie die Tatsache, dass Plagiate über die gesamte Dissertation hinweg zu finden sind, lassen darauf schließen, dass die Textübernahmen kein Versehen waren, sondern bewusst getätigt wurden." Demnach hat sich Koch-Mehrin bei 15 verschiedenen Quellen bedient. Dabei handele es sich "auffallend häufig um Artikel aus Handbüchern der Wirtschaftswissenschaft und der Wirtschafts- und Sozialgeschichte".

Im Guttenplag-Wiki waren die mutmaßlichen Plagiate in der Dissertation von Karl-Theodor zu Guttenberg noch genauer zugeordnet worden, nämlich nach Zeilen. Den Angaben zufolge weist die Dissertation des zurückgetretenen Verteidigungsministers nach den Maßstäben der Internet-Aktivistenmehr als die Hälfte (63,8 %) Plagiate auf. Auch fanden die Plagiate-Sucher zahlreiche "verschleierte Plagiate“, also umformulierte fremde Passagen, die „keinesfalls durch vergessene Anführungszeichen entstanden“ seien. Auch wurden Übersetzungen erstellt, ohne die Quelle zu nennen. Hinzu kämen weitere Stellen, an denen etwa eine Fußnote angegeben worden sei, die sich jedoch auf einen unbedeutenden Teil des Originaltexts beziehe, während größere Abschnitte daraus ohne Zitatnachweis übernommen worden seien.

An einem abschließenden Bericht mit neuen Detailzahlen arbeitet GuttenPlag zurzeit noch.