Afghanistan

"Ich war sechs Tage lang Geisel der Taliban"

| Lesedauer: 17 Minuten

Der norwegische Journalist Paul Refsdal wollte die Wahrheit über die Taliban erfahren. Er vertraute ihnen, doch dann sah er dem Tod ins Auge.

Mehrere Tage lang schien es so, als würde Paul Refsdal nie mehr zurückkehren. Wie auf einem Bazar verhandelten die Taliban über sein Leben. Refsdal war zu ihnen gekommen, weil er ihre Welt dokumentieren wollte. Er ist einer der erfahrensten und bekanntesten norwegischen Kriegsreporter, der seine Laufbahn 1984 im Alter von nur 20 Jahren in Afghanistan begann. Erst im Oktober 2009 kehrte er wieder dorthin zurück.

Im Gespräch mit Morgenpost Online erzählt Refsdal erstmals über seine Zeit bei den Taliban. Er berichtet, wie sie leben und kämpfen, wie sie sich an seine Gegenwart gewöhnten und ihn dann doch über Nacht töten wollten. Refsdals Geschichte ist der Blick hinter die Front in den Alltag der Taliban. Zugleich ist es die Geschichte einer wundersamen Rettung.

Morgenpost Online: Herr Refsdal, warum wurden Sie Kriegsreporter? Was fasziniert Sie am Krieg?

Paul Refsdal: Als ich 20 Jahre alt war, litt Afghanistan unter der russischen Besatzung. Ich wollte etwas für dieses Land tun und hatte die Wahl, Mitarbeiter einer Hilfsorganisation oder Journalist zu werden. Eine Freundin sagte mir damals, wenn Du Helfer werden willst, musst Du Gliedmaßen amputieren. Also entschied ich mich für den Journalismus. Ich kaufte mir eine Kamera und ging zu den Mudschaheddin. Ein etwas ungewöhnlicher Karriere-Einstieg. Aber es hat funktioniert.

Morgenpost Online: Wie oft waren Sie bis heute dort?

Refsdal: Nicht sehr oft. Ich war 1984 und 1985 in Afghanistan, und dann erst wieder 2009. All die anderen Jahre war ich in Südamerika, im Kosovo, in Tschetschenien und anderen Kriegsgebieten.

Morgenpost Online: Warum sind Sie 2009 nach Afghanistan zurückgekehrt?

Refsdal: Da waren schon fast neun Jahre Krieg gegen den Terror vergangen. Vieles hatte sich verändert. Als ich 1984 dort war, da existierte bei uns dieses Bild der afghanischen Rebellen, allesamt tapfere Jungs, die ohne Waffen gegen einen übermächtigen Gegner zu Felde zogen. Sie erschienen uns damals wie Helden. Aber als ich aber dort ankam, erkannte sich, dass das Bild, das ich über die Medien gewonnen hatte, nicht stimmte.

Morgenpost Online: Inwiefern?

Refsdal: Die Mudschaheddin waren keine Helden. Sie kämpften oft für die Fernsehkameras. Abends kam einmal ein Kommandant zu mir und sagte: "Du siehst unglücklich aus. Wir möchten, dass du glücklich bist, also werden wir heute Abend angreifen.“ So waren die Mudschaheddin damals. Und heute werden die Taliban als böse, fanatisch, extremistisch, zuweilen gar als Dämonen beschrieben.

Morgenpost Online: Und wegen ihrer Erfahrungen aus den achtziger Jahren dachten Sie, diese Darstellung treffe die Wahrheit ebenso wenig wie damals?

Refsdal: Ja, weil es im Krieg immer sehr viel Propaganda gibt. Die Medien sind nicht immer ganz neutral. Sie kennen doch sicher den Satz: Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit. Deshalb wollte ich mir selbst ein Bild machen von dem, was dort vor sich geht.

Morgenpost Online: Wie haben Sie den Kontakt zu den Taliban hergestellt?

Refsdal: In Kabul kannte ich einen Übersetzer. Der hat das für mich erledigt. Es war erstaunlich einfach. Denn schon bald trafen wir einen Anführer, der in der Hierarchie noch nicht weit aufgestiegen war.

Morgenpost Online: Er kam einfach so zu ihnen nach Kabul?

Refsdal: Ja. Er war natürlich äußerst vorsichtig, als er zu uns ins Hotel kam. Aber er kam. Einige Tage später rief er mich dann an und sagte, er könne mir nicht mehr helfen, da er während eines Schusswechsels verletzt worden sei. Also mussten wir einen neuen Versuch starten.

Morgenpost Online: Welche Vorgaben haben Sie ihrem Übersetzer gemacht?

Refsdal: Ich wollte in eine Gruppe in Ost-Afghanistan, nicht in den Süden.

Morgenpost Online: Warum?

Refsdal: Der Osten schien mir sicherer zu sein, weil die Menschen dort gebildeter sind als die im Süden des Landes. Wir suchten nach einem Anführer in der Provinz Kunar. Und auch dieser zweite Versuch war schnell erfolgreich. Wir bekamen Kontakt zu einem Mann namens Dawran. Wir teilten ihm mit, dass ich einen Monat bleiben und ihr tägliches Leben dokumentieren wolle. Nach etwas mehr als einer Woche meldete er sich zurück und garantierte für meine Sicherheit. Also machte ich mich auf den Weg. Schon bald aber stellte ich fest, dass Dawran mich nicht richtig verstanden hatte.

Morgenpost Online: Worin bestand das Missverständnis?

Refsdal: Er dachte, wir wären gekommen, um ihre Waffen zu filmen, sie im Kampf oder doch in martialischer Pose zu zeigen. Er dachte, das sei gute Propaganda für ihn und seine Leute. Und ich musste ihm klarmachen, dass ich genau das nicht wollte und sie sich so verhalten sollten, als sei ich gar nicht bei ihnen. Sie sollten keine Angriffe für unsere Kamera starten wie die Mudschaheddin in den achtziger Jahren. Ich sagte ihm: Greift an, wenn ihr angreifen wollt, und lasst es, wenn ihr nicht wollt. Seid einfach wie ihr seid.

Morgenpost Online: Wie haben sie darauf reagiert?

Refsdal: Sie waren ziemlich überrascht und begegneten uns mit Misstrauen. Wenn sie miteinander sprachen, sagten sie, ich wolle sie als die "bösen Jungs" darstellen.

Morgenpost Online: Hatten Sie gar keine Angst um ihr Leben?

Refsdal: Dass ich mein Leben riskiere, gehört zu meinem Job. Sie können nicht von einem Hotelzimmer aus über einen Krieg berichten. Normalerweise bin ich mit Rebellen unterwegs. Da lauert die Gefahr von der anderen Seite der Front. Wenn Sie jedoch mit den Taliban losziehen, lauert die Gefahr auf beiden Seiten. Sie können Opfer alliierter Bombenangriffe werden oder von den Taliban getötet. Sie haben keine andere Wahl: Sie müssen dem Anführer vertrauen, der Ihnen Sicherheit garantiert.

Morgenpost Online: Hat Dawran dies getan?

Refsdal: Ja, er sagte, ich sei sein Gast. Nach den paschtunischen Stammesregeln heißt das, er schützt mein Leben.

Morgenpost Online: Wenn Sie heute zurückblicken: Wie würden Sie die Taliban beschreiben? Als barbarisch, heimtückisch, gewalttätig?

Refsdal: Nein, nein, nein. Die sind verdammt normal. Die sind nicht einmal so streng religiös wie wir immer glauben. So kauten die meisten Männer dort oben in den Bergen Kautabak. Einige rauchte Zigaretten. Ich fragte Dawran: "Ist das nicht eine Sünde?" Er antwortete: "Es ist eine Sünde, aber es ist keine große Sünde." Einige rasierten sich sogar, das ist bei streng orthodoxen Muslimen undenkbar. Und dann gab es welche, die hatten Musik auf ihren Mobiltelefonen – auch das würden konservative Muslime nicht akzeptieren.

Morgenpost Online: Zeichnen Sie jetzt nicht ein einseitiges Bild?

Refsdal: Ich spreche von denen, die ich getroffen habe. Es gibt sehr viele sehr unterschiedliche Taliban-Gruppen in Afghanistan. Einige sind voreingenommen und kleinkariert, andere sind fanatisch, und dann gibt es eben diejenigen, die ich getroffen habe. Die hingen den ganz Tag am Walkie-Talkie oder am Mobiltelefon und redeten über alles mögliche. Dieses Verhalten erinnerte mich sehr an junge Mädchen.

Morgenpost Online: Wie ist die Atmosphäre in der Gruppe?

Refsdal: Absolut entspannt. Zwischen den Gefechten haben sie viel Zeit. Dann wird Tee getrunken und den lieben langen Tag gequatscht.

Morgenpost Online: Wie alt sind die Kämpfer?

Refsdal: Dawrans Sohn war der jüngste. Ich glaube, er war gerade mal 13 Jahre alt. Alle anderen waren erwachsene Männer. Dawran selbst müsste jetzt 45 Jahre alt sein. Aus zwei unterschiedlichen Quellen habe ich erfahren, dass zwei seiner Kinder und seine Ehefrau bei einem US-Angriff getötet worden sein sollen.

Morgenpost Online: Hat die Zeit, die Sie mit den Taliban verbrachten, Ihren Blick auf sie verändert?

Refsdal: Ja, offenkundig. Anders als wir oft denken, geht es ihnen nicht um einen globalen Dschihad. Sie sind vor allem darin interessiert, dass die alliierten Truppen aus ihrem Land abziehen. Dawran sprach immer von ihrem heiligen Land. Sie verfolgen nationale, regionale Interessen.

Morgenpost Online: Sind es Terroristen?

Refsdal: Sie verüben terroristische Anschläge. Vor allem die Hakami-Gruppe ist wegen ihrer Selbstmordanschläge in Kabul gefürchtet. Andererseits sind sie weder in den USA noch in Europa als Terror-Organisation gelistet. Dies betrifft allerdings nur die afghanischen Taliban, nicht die pakistanischen.

Morgenpost Online : Wie kam es, dass sie bei den Taliban plötzlich in Ungnade fielen?

Refsdal: Es gab einen Angriff der US-Special Forces. Dabei wurde Dawrans Stellvertreter getötet. Dawran sagte mir, er habe eine Information erhalten, wonach die US-Armee in der Nacht sein Haus angreifen wolle. Daher müsse er mit seiner Familie in die Berge fliehen und könne nicht mehr für meine Sicherheit garantieren. Ich solle nach Kabul zurückkehren und ihn in einem Monat wieder anrufen.

Morgenpost Online: Das taten Sie auch?

Refsdal: Ich kehrte nach Kabul zurück. Einer von Dawrans Leuten, ein Mann namens Omar, begleitete uns. Er war das Gegenteil von Dawran, dem weisen alten Anführer. Omar war der junge wilde Cowboy. Er gab mir seine Telefonnummer. Und da ich auch andere Taliban kennenlernen wollte, ließ ich mich auf Omar ein, nicht ahnend, dass der andere Pläne hatte.

Morgenpost Online: Sie verließen also Dawran, um sich Omar anzuschließen?

Refsdal: Von Kabul aus telefonierte ich mit Omar, und etwa vier Wochen später führte er uns in die Region Wata Pur, aus der er stammte. Ein Pick-up-Truck brachte uns in das Wata-Pur-Tal. Von dort gingen wir zu Fuß weiter in die Berge. Er brachte uns in einem Haus unter, und alles schien in Ordnung. Am nächsten Tag bat er mich, die Kamera zurückzulassen und in ein anderes Haus einige hundert Meter entfernt zu gehen, weil sie nun ein Treffen hätten.

Morgenpost Online: Dieses Verhalten erschien ihnen verdächtig?

Refsdal: Ja. Und etwa vier Stunden später kam ein Kämpfer zu mir. Er sagte, er gehöre zu al-Qaida. Er warf mir vor, während meiner Zeit bei Dawran für die USA spioniert zu haben. Ich hätte Häuser gefilmt, die später von US-Truppen bombardiert werden sollten. Deshalb würde ich am Abend hingerichtet.

Morgenpost Online: Wie reagierten Sie?

Refsdal: Ich habe auch ihn eingeredet, habe versucht ihn zu überzeugen, dass ich kein Spion sei. Doch er immer wieder: "Heute Abend wirst Du sterben." Wir redeten lange, und irgendwann fing er dann an, über Geld zu reden.

Morgenpost Online: Lösegeld?

Refsdal: Ja. Er meinte, für 500.000 Dollar würden sie mich gehen lassen. Ich sagte ihm, das sei nicht möglich, weil meine Regierung nicht zahlen würde. Ich könne ihm nur mein Erspartes anbieten. Allerdings sei ich kein reicher Mann. Wir diskutierten lange und schließlich forderte er mich auf, zu telefonieren, um an das Geld zu kommen.

Morgenpost Online: Wen riefen Sie zuerst an?

Refsdal: Einen Kollegen beim Fernsehsender Al-Dschasira, weil ich wusste, dass er Taliban wie Dawran kontaktieren könnte, um mich zu befreien. Dann musste ich die Botschaft anrufen. Die staunten nicht schlecht, als ich sagte, ich sei von den Taliban entführt worden, und die wollten 500.000 Dollar Lösegeld. Am Abend sagte ich den Geiselnehmern, dass ich 20.000 Dollar aufbringen könnte.

Morgenpost Online: Gingen sie darauf ein?

Refsdal: Zunächst nicht. Erst am nächsten Morgen akzeptierten sie die 20.000 Dollar. Doch dann gab es eine andere Entwicklung. Es sollte einen Gefangenenaustausch geben. Das aber war nicht möglich. Dann erfuhr Dawran von meiner Lage und war wütend auf Omar. Er rief ihn an und forderte meine Freilassung. Darauf sagten sie mir: ,Du kannst gehen. Aber wolltest du nicht Muslim werden?'. Da ich zuvor schon einmal mit Dawran darüber gesprochen hatte, konvertierte ich. Gehen ließen sie mich anschließend dennoch nicht.

Morgenpost Online: Und das Geld?

Refsdal: Am dritten Tag kam der Typ von al-Qaida und fragte, wann sie die 20.000 Dollar bekommen könnten. Meine Eltern und mein Auftraggeber bürgten für mich, und ich wartete nervös auf eine Reaktion der Botschaft.

Morgenpost Online: Sie wussten nicht, wie es weitergeht?

Refsdal: Nein. Ich wartete den dritten Tag, den vierten. Vergeblich. Als auch am fünften Tag kein Geld kam, dachte ich, die Angelegenheit müsse politisch überlagert sein. Und es geschah noch etwas: Omar bekam ein Angebot von einer anderen Gruppe. Die wollten mich für 50.000 Dollar kaufen. Dann hörte ich, ich solle hingerichtet werden.

Morgenpost Online: Steckte al-Qaida dahinter?

Refsdal: Nein. Die versuchten herauszubekommen, welche Taliban-Gruppe mich festhielt. Schließlich fürchtete Omar gar einen Al-Qaida-Angriff. Ein Kämpfer drückte mir eine Kalaschnikow in die Hand, damit ich seine Gruppe verteidigen könne.

Morgenpost Online: Welche Absicht verfolgte al-Qaida?

Refsdal: Vermutlich wollten sie mich in einem Propaganda-Video hinrichten. Die schienen in dieser Region nicht sehr stark zu sein. Da wäre die Hinrichtung eines ausländischen Spions ein großer Propaganda-Erfolg. Dieser fünfte Tag war wirklich überaus beängstigend. Das Lösegeld kam nicht, Omar wollte mich verkaufen, al-Qaida wollte mich töten, und dann brach auch noch ein Streit in der Gruppe wegen mir aus.

Morgenpost Online: Warum?

Refsdal: Einige von Omars Kämpfern wollten mich nicht verkaufen. Sie sagten, er müsse sich an die Vereinbarung halten. Und tags drauf kam der Typ, der angeblich zu al-Qaida gehörte, und sagte: "Du bist frei. Du kannst gehen.“ Andere Kämpfer kamen hinzu. Sie nahmen meine Kamera und begannen, mich zu filmen. Dann interviewten sie mich.

Morgenpost Online: Was fragten sie?

Refsdal: Sie fragten, ob ich gut behandelt worden sei, was ich bei ihnen gemacht hätte usw. Dann übergaben sie mich einigen Leuten mit einem Pick-up. Sie sagten, sie gehörten zu einer anderen Gruppe. Ich durfte die Botschaft anrufen. Dort wusste aber niemand etwas von einer Übergabe an eine andere Gruppe. Da war ich mir sicher, dass wir verkauft worden waren…

Morgenpost Online: …und verloren alle Hoffnung, doch noch lebend nach Hause zu kommen?

Refsdal: Nein, jedenfalls noch nicht. Denn wir fuhren den Berg herunter zur Hauptstraße. Wichtig war, welche Richtung sie dort einschlagen würden. Würden sie nach rechts fahren in ein anderes Tal, dann wäre ich verkauft worden. Würden sie aber nach links in die Stadt fahren, wäre ich frei. Es waren beängstigende Minuten auf diesem holprigen Bergpfad bis zur Kreuzung. Dann bogen sie nach links ab.

CNN zeigt Refsdals Geschichte in der Reihe "World's Untold Stories: Taliban". Die Sendung wird am 25. Dezember 2010 um 22.00 Uhr und am 28. Dezember 2010 um 19.30 Uhr auf CNN International ausgestrahlt.

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