Korea-Konflikt

Nordkorea schlägt einen Haken

Kindische Spiele auf koreanischem Boden: Der Süden führt sein Artilleriemanöver auf der Insel Yonpyong durch – der Norden ist plötzlich bereit, UN-Inspektoren ins Land zu lassen.

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Die Regierung in Seoul wollte trotz der Kriegsandrohung Nordkoreas mit angekündigten Militärmanövern beginnen.

Video: Reuters
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94 Minuten wird gefeuert. 8000 Bewohner auf fünf südkoreanischen Inseln, besonders auf Yonpyong, hörten auch in ihren Bunkern und Unterständen, wie der Geschützdonner vom offenem Meer zu ihnen herabdröhnt. Dann ist das Manöver in den südkoreanischen Gewässern des Gelben Meers auch schon vorbei.

Yonpyong war am 23. November von Nordkorea aus mit Granaten beschossen worden, vier Menschen starben. Seouls Regierung hat ihrem Volk geschworen, dass sich das nie wiederholt wird. Mit zehn Kriegsschiffen plus eines von Aegis-Radar geleiteten Anti-Raketen-Zerstörers zeigte Südkoreas Marine, was sie drauf hat. F-15 Kampfflugzeuge warteten startbereit, um jederzeit auf befürchtete Gegenattacken aus Nordkorea reagieren zu können. Pjöngjangs Propaganda hatte zuvor ein ordentliches Säbelrasseln veranstaltet, drohte mit „furchtbaren Gegenschlägen“, wenn die Manöver stattfinden, warnte vor den Folgen für die Region und die Welt.

Im November hatte die Armee nach Angaben der südkoreanischen Aufklärung neue Geschütze an der Küste aufgebaut und vorhandene Stellungen aktiviert. Am Wochenende wurden weitere Aufrüstungsaktionen an der Westküste beobachtet. Peking und Moskau intensivierten ihre Warnungen an beide Staaten, es nicht zum Krieg kommen zu lassen. Die Börsen sackten nach unten.

Südkoreas Manöver-Geschosse trafen ins Meer, genauer in ein 800 Quadratkilometer großes Seegebiet südlich der 1953 vereinbarten Seegrenzen. Nordkorea hat diese Grenzen bis heute nicht akzeptiert. Es legt das Waffenstillstandsabkommen von 1953 so aus, als ob alle Inseln und Seegebiete in dem betroffenen Terrain unter seinen Hoheitsrechten fallen. Eine Ausnahme gelte für die fünf innerhalb dieser Gebiete liegenden Inseln, die 1953 unter US-Besatzung standen, heißt es. Außerhalb dieser fünf Inseln seien alle militärische Aktionen verboten.

Nordkorea könne daher machen, was es für notwendig halte, wenn die andere Seite Manöver in diesen Gebieten abhalte. Sein Angriff auf Yonpyong am 23. November, bei der vier Menschen getötet worden waren, war demnach eine Aktion der Selbstverteidigung, weil Südkorea zuvor bei einem Manöver von Nordkorea beanspruchtes Meeresgebiet beschossen hatte. Es spiele keine Rolle, dass Nordkorea damit das Waffenstillstandsabkommen gebrochen hatte: Nach nordkoreanischer Lesart war es nur Selbstverteidigung.

Die überraschende Wendung

Als um 16.04 Uhr der letzte Manöverschuss gefallen war, drang aber aus dem Norden ein anderer und neuer Ton. Chinas „Xinhua“, die journalistisch in Pjöngjang vertreten ist, meldete nach zwei Stunden nervöser Ruhe eine überraschende Wendung. Noch während Pekings Außenamtsprecherin Jiang Yu die koreanischen Staaten zur „maximalen Zurückhaltung“ aufrief, fand Pjöngjang das plötzlich alles nicht mehr so aufregend.

Die Manöver, die eben noch eine „nicht mehr hinnehmbare Provokation“ waren, wurden nun von der höchsten Armeeführung als „kindisches Spiel“ der südkoreanischen Behörden abgetan, meldete verblüfft der „Xinhua“-Reporter. Nordkoreas Militär schreibe, dass sie es nicht für „wert halten“ auf das Manöver zu reagieren. Die „revolutionär bewaffneten Streitkräfte fühlen keine Notwendigkeit, Vergeltung gegen jede verabscheuenswerte militärische Provokation üben zu müssen“. Mit diesem Manöver hätte Südkorea bezweckt, einen Krieg vom Zaune zu brechen, um die US-Strategie gegen Nordkorea vor „dem Bankrott zu retten und um das Gesicht der derzeitigen Behörden Südkoreas in ihrer aktuellen Krise zu retten.“

Der Rückzieher des Nordens, den kritische chinesische Nordkoreaexperten wie Zhang Liangui voraussagten, sobald die USA und Südkorea Pjöngjang gegenüber geschlossen auftreten würden, verschafft allen Beteiligten nun eine Atempause. Vorerst demonstriert der unberechenbare Staat, dass es die Verhandlungstaktik beherrscht, immer neue „Haken zu schlagen“, wie es der einstige US-Korea-Unterhändler Kenneth Lieberthal einmal sagte.

Pjöngjang hielt auch noch eine zweite Überraschung parat. Kurz vor Beginn der südkoreanischen Manöver hatte Nordkoreas Führung den ehemaligen US-Botschafter bei der UN, Bill Richardson, eingeladen. Richardson, der schon acht Mal Nordkorea besucht hatte, durfte sich als inoffizieller US-Unterhändler vom CNN-Starreporter Wolf Blitzer begleiten lassen. Mehrfach täglich berichteten beide in CNN-Telefon-Liveschaltungen aus Pjöngjang, was Nordkoreas Führung den Westen wissen lassen wollte: Sie stellte ihre Bereitschaft in Aussicht, Inspekteuren der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) wieder Zugang zu den Atomanlagen Nordkoreas zu gewähren. Nordkorea wollte auch den Vorschlag von Richardson prüfen, sich an einer Militärkommission für Abrüstungsgespräche zwischen den USA, Nord- und Südkorea zu beteiligen. Es würde ebenfalls die Idee eines „Roten Telefons“ zwischen den Militärs des Nordens und des Südens prüfen.

Die auf US-Wünsche zugeschnittenen Zugeständnisse ließen südkoreanische Kommentatoren von einem durchsichtigen Schachzug Nordkoreas sprechen, um einen Keil zwischen die USA und Südkorea zu treiben und Seoul als den Störenfried hinzustellen, der jede Einigung mit dem kompromissbereiten Nordkorea hintertreiben wollte.

Nordkoreas jüngste Schachzüge spiegeln wieder, wie sehr sich der von einer Familiendiktatur beherrschte Staat isoliert hat und nun reagieren muss. Nach neun Stunden zähen Verhandlungen auf einer Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates entging Nordkorea nur ganz knapp einer UN-Resolution gegen sich, weil der Verbündete China einsprang. Peking legte Einspruch gegen seine Verurteilung für den Artillerieüberfall auf Yongpyong ein. China stand mit seinem Veto am Ende allein da, nachdem selbst Russland für eine Verurteilung war.

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