Bundesmarine

Gorch Fock nach tödlichem Unfall wieder in Kiel

Das Marine-Schulschiff Gorch Fock hat wieder in seinem Heimathafen Kiel angelegt. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zu dem tödlichen Unfall an Bord und schweren Vorwürfen zur Ausbildung der Seekadetten sollen noch im Mau abgeschlossen sein.

Nach ihrer wohl schwersten Reise ist die „Gorch Fock“ am Freitag unter großem Jubel in ihren Heimathafen Kiel zurückgekehrt. Bei strahlendem Sonnenschein empfingen nach Marine-Angaben 2000 Angehörige, Freunde und Politiker das Segelschulschiff. Die Crew kehrte von einer acht Monate langen Südamerika-Reise zurück, die vom Tod einer Kadettin, Vorwürfen der Schikane und Berichten über angebliche Ekel-Rituale überschattet worden war. Trotz der Vorfälle zeichnet sich ab, dass die „Gorch Fock“ weiter Schulschiff bleibt, die Ausbildung aber sicherer gemacht wird. Auch der abgelöste Kapitän Norbert Schatz könnte zurückkommen.

"Dieses Schiff wird in Zukunft auch in der neuen Marine seinen Platz behalten“, betonte Marineinspekteur Axel Schimpf, der nach dem Festmachen als erster an Bord der „Gorch Fock“ ging. Auch Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) signalisierte die Absicht, an der Ausbildung auf dem Dreimaster festzuhalten. „Wir sollten nicht leichtfertig eine so schöne Tradition über Bord werfen“, sagte er dem ARD-Hauptstadtstudio.

Pünktlich um 10 Uhr hatte die weiße Bark in Kiel festgemacht. Wie stets wurde das Schiff mit militärischen Ehren unter den Klängen des Marine-Musikkorps empfangen. Angehörige und Freunde drängten sich an der Tirpitzmole. Manche schwenkten Fähnchen mit der Aufschrift „Die Gorch Fock muss bleiben“, andere trugen T-Shirts oder Spruchbänder mit „Wir haben dich vermisst“. Sie warteten aufgeregt, bis sie ihre Liebsten überglücklich und unter Tränen in die Arme schließen konnten.

Von Bord gingen nach der fast 29.000 Seemeilen langen Schicksalsreise rund 180 Mitglieder der Stammbesatzung und der Segelcrew. Offiziersanwärter waren nicht mehr dabei, nachdem ihre Ausbildung wegen des Todes der Kadettin im November abgebrochen worden war. Die 25-Jährige war in Brasilien aus der Takelage gestürzt. Nach dem Vorfall kamen Vorwürfe über angebliche Drangsalierungen, übermäßigen Druck und eklige Rituale auf, die eine Kommission der Marine im Wesentlichen nicht bestätigte.

Den Bericht wertet der Marineinspekteur nach eigenen Angaben derzeit aus. „Wir wollen weder etwas vertuschen noch verheimlichen, sondern wir wollen Transparenz“, sagte Schimpf. Der Wehrbeauftragte des Bundestags, Hellmut Königshaus (FDP), an den sich Offiziersanwärter mit ihren Beschwerden gewandt hatte, warf hingegen dem Magazin Spiegel zufolge der Marine unvollständige Aufklärung vor.

De Maizières Ministerium distanzierte sich von dem Bericht und will Stellung nehmen, nachdem die Ermittlungen der Kieler Staatsanwaltschaft und eine Havarieverhandlung abgeschlossen sind. Dies wird noch im Mai erwartet. Das Schiff werde bis zur vollständigen Aufklärung der Vorwürfe im Hafen liegen, sagte ein Ministeriumssprecher.

Vizeadmiral Schimpf hofft indes, dass der Kommandant Norbert Schatz zurückkehrt. Dieser sei gewillt dazu, sagte er. Der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hatte Schatz in einer umstrittenen Entscheidung abgelöst. „Die Absetzung war ein Schock. Wir hätten ihn gerne behalten“, kritisierte ein 20 Jahre alter Obergefreiter, der im Dezember an Bord gegangen war.

Damit Offiziersanwärter in Zukunft sicherer trainieren können, wird in der Marineschule Flensburg-Mürwik ein Übungsmast gebaut. „Das hat höchste Priorität“, sagte Schimpf. Die Marineschule rechnet damit, dass Offiziersanwärter spätestens von Anfang 2012 an darauf üben können. Königshaus forderte bessere Ausbildungsregeln. „Es muss eben klar sein, was die Kadetten tun müssen und was sie freiwillig tun sollen“, sagte er dem Sender n-tv. Eine unabhängige zivile Kommission will sich von nächster Woche an mit der Ausbildung befassen.

Schimpf warnte davor, die Zukunft „Gorch Fock“ nur an den Kosten zu bemessen – sie betragen pro Jahr mehrere Millionen. Dieses Schiff sei seinen Preis wert, sagte er. Nach Einschätzung des CDU-Marineexperten Ingo Gädechens dürfte die Ausbildung ohne die Bark teurer werden, weil andere Einheiten wie Kampfschiffe teurer im Unterhalt wären.

Unterdessen kritisierte der Onkel der tödlich verunglückten Kadettin Sarah Lena Seele, Roland Seele, den feierlichen Empfang in Kiel. „Meine Schwester und ich können nicht fassen, dass die „Gorch Fock“ in einem solch feierlichen Rahmen empfangen wird“, sagte er der Zeitung Bild. „Wir haben als Familie das Gefühl, dass die Marine schon wieder vergessen hat, dass auf dem Schiff Menschen ums Leben gekommen sind.“ Marineinspekteur Schimpf erklärte, er habe der Mutter einen langen Brief geschrieben.

Ob die „Gorch Fock“ wie geplant bei der Kieler Woche die Windjammer-Parade anführen wird, ist indes fraglich. „Das ist unser ausgeprägter Wunsch“, erklärte Kiels Oberbürgermeister Torsten Albig (SPD). Das Schiff sei Botschafter Schleswig-Holsteins und der Landeshauptstadt. Schimpf sagte: „Die „Gorch Fock“ wird auf alle Fälle an der Pier liegen und präsent sein.“ Aber ob sie fahre sei offen.