Bericht des Europarats

Kosovo-Premier soll in Organhandel verstrickt sein

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Thomas Roser

Der Europarat wirft Kosovos frisch wiedergewähltem Regierungschef Thaci illegalen Organhandel vor. Leidtragende waren offenbar serbische Kriegsgefangene.

Die Freude über seinen von ihm als „historisch“ erklärten Wahlsieg ist Kosovo-Premier Hashim Thaci schnell vergangen. Erst warf die Opposition seiner regierenden PDK massive Wahlmanipulationen bei dem Urnengang am Sonntag vor. Und nun droht dem 42 Jahre alten Regierungschef neuer Ärger. Ein am Mittwoch auf der Website des Europarats veröffentlichter Entwurf des Berichts über illegalen Organhandel wirft dem früheren Kommandanten der Untergrundarmee UCK nicht nur eine tiefe Verstrickung in den Heroinhandel, sondern auch die Verantwortung für ein noch nicht eindeutig nachgewiesenes Verbrechen vor: Thaci soll nach Ende des Kosovo-Kriegs 1999 an dem Handel mit Organen verschleppter Serben beteiligt gewesen sein.

Der Schweizer Sonderermittler Dick Marty bezeichnet Thaci in dem Bericht als „Kopf einer mafiaähnlichen Gruppe“, die seit über einem Jahrzehnt den Heroinhandel des seit 2008 unabhängigen Staatenneulings kontrolliere. Thacis Drenica Gruppe trage auch „die größte Verantwortung“ für die Verschleppung von Kosovo-Serben nach Ende des Kosovo-Kriegs 1999 in Geheimgefängnisse im nahen Albanien. Einige der Gefangenen seien damals in eine provisorische Klinik nördlich von Tirana überführt worden, wo ihren Leichen nach der Exekution die Nieren entnommen worden seien. Marty kritisiert in seinem Bericht auch die internationale Gemeinschaft, die es am politischen Willen mangeln lasse, gegen die frühere UCK-Führung „effektiv“ zu ermitteln: Die Hinweise auf ein klammheimliches „Einverständnis“ zwischen der kriminellen Klasse und den politischen Amtsinhabern seien jedoch „zu zahlreich und zu ernsthaft, um sie zu ignorieren“.

Neu sind die gruseligen Vorwürfe über „Ausschlachtungen“ von durch die UCK zu Ende des Kosovo-Kriegs nach Albanien verschleppten Serben keineswegs. Bislang konnten weder die serbische Justiz noch die Ermittler des UN-Kriegsverbrechertribunals trotz zahlreicher Indizien hieb- und stichfeste Beweise für die vor allem in Serbien im letzten Jahrzehnt kolportierten Schauerberichte liefern.

In ihren Memoiren hatte Carla Del Ponte, die frühere Chefanklägerin des Tribunals, zwar unter Verweis auf „glaubwürdige Informationen“ über den vermuteten Organhandel berichtet. Doch obwohl die Tribunalermittler 2004 zwei Tage lang das „Gelbe Haus“ im Dorf Rribe als mutmaßliche Stätte des kolportierten Verbrechens auf den Kopf stellten, blieb die Beweislage auch wegen der fehlenden Leichen möglicher Opfer für die Eröffnung eines Verfahrens offenbar zu schwach. Zwar wurden im nahen Flussbett Infusionsflaschen und Spritzen gefunden. Wovon die Blutspuren stammten, vermochten die Gerichtsmediziner nicht mit letzter Sicherheit zu sagen.

Marty kommt in seinem Bericht zu dem Schluss, dass das „Gelbe Haus“ von Juli 1999 bis Mitte 2000 Durchgangsstation war, in der die dort von UCK-Kämpfern oft auch sexuell missbrauchten Opfer per Bluttests für eine mögliche Organverwertung „gefiltert“ wurden. Die eigentliche Organentnahme sei in einem Bauernhaus in Fushe-Kruje in Nähe des Flughafens von Tirana erfolgt. Der Eigentümer sei ein ethnischer Albaner gewesen, der familiäre und kriminelle Bande mit der Angehörigen der Drenica-Gruppe unterhalten habe. Nach der Exekution der Opfer durch einen UCK-Killer sei sofort die „posthume“ Nierenentnahme erfolgt, die im Vergleich mit Lebendtransplantationen als „effektiv und risikoarm“ gelte.