Umfrage

Afghanen von Deutschland tief enttäuscht

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Das Ansehen des Westens in Afghanistan sinkt deutlich. Auch die Deutschen, einst besonders geschätzt, verlieren die Sympathien der Mehrheit.

Neun Jahre nach dem Sturz des Taliban-Regimes hat einer Umfrage zufolge das Ansehen des Westens in der afghanischen Bevölkerung ein Allzeittief erreicht. Zwei Drittel der Bevölkerung stellen den Verbündeten ein negatives Zeugnis aus, wie aus einer repräsentativen Umfrage von ARD, ABC, BBC und der „Washington Post“ hervorgeht. Befragt wurden 1691 Afghanen in allen 34 Provinzen des Landes.

„Bei der letzten Umfrage vor knapp einem Jahr hatten wir erstmals seit langem wieder eine vorsichtige Aufbruchsstimmung unter den Afghanen feststellen können. Doch die Hoffnungen auf eine Wende zum Besseren wurden in weiten Teilen des Landes drastisch enttäuscht“, sagte Arnd Henze, der als stellvertretender WDR-Auslandschef die Umfrage betreut hat. Besonders dramatisch ist der Sympathieverlust der Deutschen im Nordosten des Landes, dem Einsatzgebiet der Bundeswehr. Hier hat die verstärkte militärische Präsenz der Bundeswehr einen hohen Preis.

Deutschland hat sein traditionell gutes Ansehen und seinen Vertrauensvorschuss eingebüßt, so ein Ergebnis der Umfrage. Hatten im Sommer 2007 noch 75 Prozent der Afghanen im Nordosten ein positives Bild von Deutschland, so ist es heute mit 46 Prozent erstmals nur noch eine Minderheit.

Vier von zehn Befragten im Nordosten sind der Ansicht, die Nato nehme immer weniger Rücksicht auf zivile Opfer und vernachlässige den zivilen Aufbau – deutlich weniger (32 beziehungsweise 30 Prozent) sehen in diesen wesentlichen Bereichen Verbesserungen. Wenig positiv ist auch das Umfrageergebnis, dass die Zahl derer, die Anschläge auf Nato-Einheiten befürworten, im Nordosten auf ein Allzeithoch von 39 Prozent gestiegen ist. Damit liegt dieser Wert deutlich über dem ebenfalls gestiegenen landesweiten Wert (plus 19 auf 27 Prozent). „Deutschland wird kaum noch als Verbündeter der Bevölkerung, sondern fasst nur noch als ausländische Kriegspartei wahrgenommen“, sagte Arnd Henze.

Erstmals sprechen mehr Afghanen im Gesamturteil dem Engagement der Deutschen eine negative Rolle (28 Prozent) als eine positive Rolle (25 Prozent) im Lande zu. Noch schlechter sieht es im Nordosten aus: Innerhalb der letzten beiden Jahre hat sich die Zahl der Bewohner mit einem positiven Urteil von 45 Prozent auf 21 Prozent mehr als halbiert und die Zahl der Kritiker von acht auf 27 Prozent mehr als verdreifacht. Knapp die Hälfte der Befragten sieht Deutschlands Rolle neutral. Ein Trend mit dem Deutschland allerdings nicht allein steht. Auch mit Blick auf die USA sehen erstmals mehr Afghanen eine negative (43 Prozent) als eine positive Rolle (36 Prozent) im Lande.

Geprägt wird die Stimmung im Land vor allem durch die anhaltende Gewalt und sowie die wirtschaftliche Lage, die sich im vergangenen Jahr in vielen Bereichen dramatisch verschlechtert hat. Das betrifft vor allem den Mangel an Jobs und fehlende Möglichkeiten, sich eine eigene wirtschaftliche Existenz aufzubauen. Nur noch ein Drittel der Bevölkerung beschreibt ihre eigene Situation in diesem Bereich als mehr oder weniger gut, während zwei Drittel der Menschen ihre Lage als düster sehen. Hinzu kommen die teuren Preise für Lebensmittel und Öl.

Kritisch sehen die Afghanen aber auch die Arbeit internationaler Hilfsorganisationen, deren Tätigkeit nur noch 43 Prozent der Befragten insgesamt positiv sehen. Gerade einmal die Hälfte der Afghanen meint, ausländische Unterstützung werde „überwiegend sinnvoll“ eingesetzt, gut zwei Drittel der Menschen sind überzeugt, dass ein erheblicher Teil der Gelder in dunklen Kanälen lande und die Bevölkerung nie erreiche. Damit wird internationale Hilfe vor allem mit der allgegenwärtigen Korruption in Afghanistan verbunden, die von rund 90 Prozent der Menschen als erhebliches Problem wahrgenommen wird.

Erstmals beschäftigt sich die Umfrage genauer mit den Bildungsmöglichkeiten für Jungen und Mädchen. Während die Versorgung mit Jungenschulen nahezu flächendeckend ist, gibt es für ein Drittel der Mädchen keinerlei schulische Angebote. Und jede zehnte Mädchenschule musste in den letzten Jahren dicht machen, fast alle wegen Angriffen und Einschüchterungen durch die Taliban. Insgesamt werden die Taliban und andere aufständische Gruppen weiter als größte Bedrohung im Lande wahrgenommen.

Nach neun Jahren Krieg setzen nahezu drei Viertel der Afghanen nicht mehr auf einen militärischen Sieg, sondern auf eine Verhandlungslösung, die auch eine Regierungsbeteiligung der Taliban einschließen würde. Deutliche Ablehnung gäbe es aber für ein Verhandlungsergebnis, das ganze Provinzen unter die Kontrolle der Taliban stellen würde.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht überraschend, dass eine große Mehrzahl der Afghanen einen schnellen Abzug der ausländischen Truppen unterstützt. 27 Prozent befürworten den von US-Präsident Barack Obama angekündigten Beginn des Rückzugs im Sommer 2011, noch einmal fast genauso viele wollen sogar einen noch schnelleren Abzug. Nur 17 Prozent wollen die Truppen länger im Lande halten und ein weiteres Viertel will die Entscheidung von der weiteren Entwicklung im Lande abhängig machen.

Der von Obama vor einem Jahr angekündigte Strategiewechsel und die damit verbundene Truppenverstärkung werden zwar nicht grundsätzlich abgelehnt, die Auswirkungen sind aber nur in einem einzigen Gebiet deutlich messbar: in der einstigen Unruheprovinz Helmand. Gegen den Trend ist die Gesamtzufriedenheit der Menschen dort im vergangenen Jahr von 44 auf 71 Prozent gestiegen. Vor allem die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die Bewegungsfreiheit und der Schutz vor den Taliban werden von einer zum Teil deutlichen Mehrheit positiver bewertet. „Die USA haben ihre ganze militärische Kraft und einen großen Teil der Aufbauhilfe auf diese eine Provinz konzentriert“, sagte Henze.

„Aber schon für die Nachbarprovinz Kandahar reichen die Kräfte offensichtlich kaum noch aus, um die Taliban auch dort zu verdrängen und die Lebenssituation zu verbessern.“ Zudem gebe es weder den politischen Willen noch die Mittel, den gigantischen Aufwand in Helmand zum Modell für das ganze Land zu machen. „Das wissen auch die Taliban und verlagern ihre Kräfte in bisher eher stabile Provinzen“ ergänzte der stellvertretende WDR-Auslandschef.

Honoriert wird das Engagement der USA aber selbst in Helmand nicht. Im Gegenteil: Trotz der spürbaren Verbesserungen billigen nur 19 Prozent der Menschen in dieser Provinz den USA eine positive Rolle im Lande zu, deutlich mehr (44 Prozent) sehen das Gesamtbild der USA negativ. Für die Erfolge werden dagegen eher die afghanischen Kräfte verantwortlich gemacht. Auch landesweit bekommen afghanische Institutionen deutlich bessere Noten: Eine deutliche Mehrheit bescheinigt Präsident Karsai (62 Prozent), seiner Regierung (58 Prozent), der Armee (67 Prozent) und der lokalen Polizei (65 Prozent) eine gute Leistung.

Immerhin 59 Prozent sind nach wie vor der Ansicht, das Land bewege sich in die richtige Richtung – elf Prozent weniger als vor knapp einem Jahr. „Es zieht sich wie ein roter Faden durch die Umfrage, dass die Afghanen auch kleinere positive Entwicklungen den eigenen Akteuren zurechnen, während sie für alle Fehlentwicklungen die ausländischen Kräfte haftbar machen“, fasst Arnd Henze die Umfrage zusammen. „Offensichtlich werden die eigenen Institutionen an deutlich niedrigeren Erwartungen gemessen als die internationalen Truppen und Organisationen, die zu viel versprochen und zu wenig eingelöst haben.“

( dapd/cn )