Halbzeit in Kopenhagen

Dänische Polizei nimmt fast 1000 Aktivisten fest

Über 500 Umwelt- und Klimaorganisationen, soziale und kirchliche Gruppen hatten zu der Demonstration unter dem Motto "Zuerst der Planet, zuerst die Menschen" aufgerufen. Die 6.500 Polizisten auf den Straßen hatten die Lage weitgehend unter Kontrolle. Sie nahmen mehr als 900 Demonstranten fest.

Foto: ddp / ddp/DDP

„Wir brauchen einen Arzt, sofort, das ist ein Notfall!“ Der gellende Ruf der Demonstrantin lässt den Protestzug zusammenzucken. Mit Zwischenfällen, gar schweren Ausschreitungen hatte insgeheim jeder gerechnet bei der Großdemonstration anlässlich des Weltklimagipfels in Kopenhagen. Doch der Hilfeschrei gilt keinem Demonstranten, er gilt der vom Klimawandel bedrohten Erde.

Die dänische Polizei hat über 900 Demonstranten festgenommen, die große Mehrzahl „vorbeugend“ wegen vermuteter Gewaltbereitschaft. Behördensprecher bestätigten die Zahl und erklärten, man bedaure es, wenn Unschuldige darunter gewesen seien. Die Einsatzleitung sei „sehr überrascht“ über die hohe Zahl der Festnahmen. Etwa 150 Festgenommene kamen den Angaben zufolge nach ihrem Verhör am Abend wieder auf freien Fuß.

Nach den Massenfestnahmen haben die Veranstalter der dänischen Polizei „Verletzung von Menschenrechten“ vorgeworfen. Die Beamten hätten wahllos hunderte Demonstranten festgenommen, erklärte der Zusammenschluss von Umweltaktivisten, Climate Justice Action. Nach seinen Angaben wurden rund hundert von ihnen bis zum Abend trotz der großen Kälte weiterhin in den Straßen der dänischen Hauptstadt festgehalten, „gefesselt und in sitzender Position aufgereiht“.

Mehrere zehntausend Demonstranten gehen zur Halbzeit des Gipfels in der dänischen Hauptstadt für ein faires, ehrgeiziges und verbindliches Abkommen auf die Straße. Wie viele es tatsächlich sind, darüber scheiden sich die Geister. Die Polizei spricht von 25.000 Demonstranten, die Veranstalter selbst wollen 100.000 gezählt haben. Eine Demonstration der Superlative ist es allemal: Über 500 Umwelt- und Klimaorganisationen, soziale und kirchliche Gruppen aus 67 Ländern haben sich unter dem Slogan „Zuerst der Planet, zuerst die Menschen“ („Planet first, people first“) versammelt.

Finn Ovesen schaut sich versonnen auf dem Schlossplatz um, wo Tausende junge Leute in chaotischer Fröhlichkeit um Transparente, Kaffeekannen und umeinander hüpfen, einige zu Technobeats und Samba-Rhythmen, andere wegen der Kälte. Viele könnten seine Enkel sein.

Die klare Wintersonne scheint auf Ovesens weißen Bart, rote Fahnen wehen hinter seinem langen Haar. „Das ist genau wie damals!“, sagt er. Wie 1968, als sie an der Universität Aarhus erst gegen den Vietnamkrieg und dann gegen den Kapitalismus gekämpft haben.

Nicht immer betrachtet die ältere Generation das Engagement der Jungen so wohlwollend. Florian Hobert, Lehrer an der Umweltschule Neustadt am Rübenberge, ist mit 16 Schülern aus dem Wahlpflichtfach „Nachhaltigkeit “ für wenige Tage nach Kopenhagen gefahren. Neun Schüler mussten zu Hause bleiben, weil ihre Eltern befürchteten, sie würden zu viel Unterrichtsstoff verpassen.

Für alle anderen Schüler von Florian Hobert spielt sich der Unterricht auf den Straßen von Kopenhagen ab. Sie begegnen Aktivisten vom Küstenentwicklungsprogramm aus Bangladesch und einem chinesischen Vegetarierbund. Doch auch große internationale Organisationen wie Greenpeace, Attac und der Weltkirchenrat haben ihre Banner aufgespannt. Sie alle, Junge und Alte, bunt Kostümierte und finster Vermummte haben ihre Protestschriften und Parolen auf 17 alten Schiffssegeln sechs Kilometer durch die Stadt getragen und sie vor dem Konferenzzentrum UN-Klimachef Yvo de Boer überreicht.

Kristian Louis nimmt den Klimawandel mit erstaunlichem Galgenhumor. Der 26-jährige Grönländer jongliert mit Orangen und scherzt, bald könne er die auch zu Hause pflücken.

Für Rafael Alegria ist das schon längst kein Spaß mehr. Mit erhobener Faust führt der 57-jährige Erdbeerbauer aus Honduras eine Gruppe lateinamerikanischer Landwirte durch die Straßen. Dabei schaut er so entschlossen, als halte er seine Faust den Regierenden persönlich unter die Nase. Dreimal schon ist in diesem Jahr in das Büro der Bauernorganisation eingebrochen worden.

Alegria vermutet dahinter die Militärs der Putschisten, die kein Interesse am Kampf für Land- und Klimarechte haben.