Nobelpreisverleihung

"Leerer Stuhl" ist in Chinas Internet tabu

Während in Oslo die Urkunde für Liu Xiaobo auf einen leeren Stuhl gelegt wird, schlägt in China die Internetzensur zu. Auch SMS werden blockiert.

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Am Tag der Verleihung des Friedensnobelpreises an den chinesischen Dissidenten Liu Xiaobo zeigt sich die Regierung in Peking unnachgiebig

Video: Reuters
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Zur Verleihung des Friedensnobelpreises an den chinesischen Dissidenten Liu Xiaobo hat Peking seine Zensur verschärft. Auf den Kanälen der ausländischen Nachrichtensender CNN und BBC oder des französischen Satellitenprogramms TV5 blieben die Bildschirme schwarz. Auch ihre Websites waren nicht zu erreichen.

Chinesische Internetseiten waren gleichfalls betroffen. Stunden vor Beginn der Zeremonie in Oslo war es beispielsweise auf der Facebook entsprechenden chinesischen Website Renren nicht möglich, die Worte „leerer Stuhl“ oder „Oslo“ zu suchen – es erschien der Hinweis „verbotener Inhalt“. Die Abwesenheit Lius, der in China inhaftiert ist, wurde in der norwegischen Hauptstadt durch einen leeren Stuhl symbolisiert.

Auch auf Netease, einer chinesischen Entsprechung des in China zensierten Kurznachrichtendiensts Twitter, führte die Eingabe „leerer Stuhl“ nicht weiter. Aus Protest luden chinesische Internet-Nutzer Fotos von leeren Stühlen ins Netz. Über Mobiltelefone wurden derweil SMS, die den Namen von Liu enthielten, nicht weitergeleitet.

Liu wurde am Mittag in Abwesenheit mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Der Vorsitzende des Nobelpreiskomitees, Thorbjoern Jagland, legte die Auszeichnung für den in inhaftierten Chinesen bei der Verleihungszeremonie in Oslo symbolisch auf einem leeren Stuhl nieder. Danach trug die norwegische Schauspielerin Liv Ullmann Lius Plädoyer mit dem Titel „Ich habe keine Feinde“ vor, das er hielt, bevor er vergangenen Dezember verurteilt wurde.

Jagland forderte in seiner Rede im Rathaus von Oslo, dass China den Preisträger freilassen müsse. „Liu hat nur seine Bürgerrechte ausgeübt. Er hat nichts Falsches getan“, sagte Jagland. „Er muss freigelassen werden.“ Die Regierung in Peking verurteilte hingegen die Auszeichnung: „Einseitigkeit und Lügen haben kein Fundament, auf dem sie stehen können“, sagte Außenamtssprecherin Jiang Yu am Freitag.

Weder Liu noch seine unter Hausarrest stehende Ehefrau Liu Xia konnten an der Zeremonie in der norwegischen Hauptstadt teilnehmen. Der Schriftsteller wurde 2009 in China wegen Untergrabung der Staatsgewalt zu elf Jahren Gefängnis verurteilt. Die Regierung in Peking sieht in dem Mitverfasser der Charta 08, die tiefgreifende politische Reformen in China fordert, einen „Kriminellen“.

US-Präsident Barack Obama würdigte Liu hingegen als Preisträger, der für „universelle Werte“ stehe. „Liu Xiaobo hat den Friedenspreis viel mehr verdient als ich“, erklärte Obama, der im vergangenen Jahr mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, in Washington. Auch er appellierte an die Regierung in Peking, den Schriftsteller „so bald wie möglich“ freizulassen. EU-Außenministerin Catherine Ashton forderte in Brüssel die „sofortige Freilassung“ Lius.

Die Bundesregierung erklärte, in Liu werde ein Mann geehrt, der sich „mutig für politische Freiheit und Menschenrechte“ einsetze. „Liu hat sich insbesondere immer wieder dafür ausgesprochen, diesen Kampf mit friedlichen Mitteln zu führen“, sagte Vize-Regierungssprecher Christoph Steegmans in Berlin. Die Bundesregierung bedauere es ausdrücklich, dass es Liu nicht gestattet worden sei, an der Preisverleihung teilzunehmen und werde sich weiter für seine Freilassung einsetzen.

Es war erst das zweite Mal in der mehr als 100-jährigen Geschichte des Friedensnobelpreises, dass niemand die Auszeichnung entgegennehmen konnte. 1936 hatten die Nationalsozialisten den deutschen Pazifisten Carl von Ossietzky nicht nach Oslo reisen lassen.

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