Russische Spionage

Schöne Agentin Chapman elektrisiert die USA

| Lesedauer: 5 Minuten
Uwe Schmitt

Foto: REUTERS

Jung, hübsch, angeblich russische Agentin: Anna Chapman hat alles, wonach sich Amerikas Presse die Finger leckt.

In der Affäre um zehn der Spionage verdächtigte Russen in den USA gibt es ein Geständnis und einen Medienstar: Juan Lazaro soll zugegeben haben, dass sein Name ein Alias ist, sein Geburtsland nicht Uruguay und dass sein Haus in Yonkers (New York) vom russischen Geheimdienst bezahlt wurde.

Während Lazaro und acht der mutmaßlichen Agenten respektabel langweilige Vorortexistenzen führten, reißt die 28 Jahre alte Anna Chapman US-Medien zu Schwärmereien über eine „Mata Hari“ und „Sexbombe“ hin. Manche Berichte über die hübsche, rothaarige Frau, die den Namen ihres geschiedenen britischen Mannes trägt, lesen sich wie Fanartikel über das neuste Bond-Girl.

Die Staatsanwaltschaft in New York nimmt die Vorwürfe der Verschwörung zur Agententätigkeit und Geldwäsche erst genug, um vor einem „mächtigen und raffinierten Netzwerk russischer Agenten in den USA“ zu warnen, das den Angeklagten, falls man sie auf Kaution entließe, zur Flucht verhelfen würde.

Nur für die Ehefrau Lazaros, die spanischsprachige Journalistin Vicky Pelaez, wurde eine Kaution von 250.000 Dollar festgesetzt. Angeblich soll sie keine Agentenausbildung erhalten haben.

Im Fall des Paares Cynthia und Richard Murphy aus New Jersey sollen Ermittler in einem Schließfach 80.000 Dollar in druckfrischen Scheinen, eine Anzahl Handys und andere „Werkzeuge der (Spionage-)Branche“ gefunden haben.

Nur Juan Lazaro, der seinen Klarnamen nicht verrät, hat bisher seine Loyalität zum russischen Geheimdienst bezeugt. Dagegen nannte der Anwalt eines anderen Verdächtigen, Donald Heathfield, die Vorwürfe gegen seinen Klienten „extrem dürftig“. Sie liefen darauf hinaus, dass er „erfolgreich die Nachbarn, Cocktail-Partys und den Schulelternbeirat infiltriert hat“.

Da gibt das schnelle Leben der schönen Anna Chapman mehr her. Ihr Internet-Auftritt auf Facebook, obgleich zum Teil zur Enttäuschung mancher US-Medien in kyrillischer Schrift verfasst, enthält reichlich Bilder und sogar zwei Filminterviews.

Ihre Bindung an Russland ist dort wahrlich kein Geheimnis, sie nennt sich eine Brückenbauerin „von New York nach Moskau“. Auch ihr Geschäftssinn, der von russischen Freunden als 24-Stunden-Brainstorming beschrieben wird, ist offenkundig.

Chapman verstand sich schon in London auf Hedgefonds und andere Bankgeschäfte. In England hatte Anna Kuschenko 2002 den Psychologen Alex Chapman geheiratet, ein halbes Jahr nach ihrem ersten Treffen in einer Moskauer Bar. Die Ehe endete 2006, schon im Jahr darauf zog sie von Moskau nach New York. Anna habe Amerika nie gemocht, erzählt ihr Ex-Mann der Presse und einer Offizierin des britischen Geheimdienstes MI5. Man interessiert sich allenthalben für die rote Anna.

Vor allem wohl deshalb, weil Alex Chapman sich nun erinnert, Anna habe ihren Vater als „hohes Tier im KGB des alten Russland“ beschrieben. Und auf der Hochzeitsreise 2002 nach Zimbabwe, wo Wassili Kuschenko stationiert war, habe er den Mann getroffen, der ihm Angst einjagte.

Dem „Daily Telegraph“ erzählte Chapman: „Kuschenko stellte mich nie den anderen Russen vor, die in sein Haus kamen, und er schien sich mit viel mehr Sicherheitsvorkehrungen zu umgeben als andere Diplomaten. Wenn er in seinem Landrover mit getönten Scheiben ausfuhr, fuhren zwei Begleitfahrzeuge vor und hinter ihm im Konvoi.“

Alex Chapman selbst wirkt etwas wirr. Im Interview gibt er an, der Spionageverdacht gegen Anna „kommt nicht wirklich überraschend, um ehrlich zu sein“. Kurz darauf sagt er, „es ist total verrückt, mir vorzustellen, dass meine Ex-Frau in so etwas verwickelt sein könnte“. Schließlich erzählt Chapman, Anna habe 2007 einen reichen Amerikaner getroffen und sich in das Businessklima der USA verliebt. Anfangs sei ihre Internet-Firma in den roten Zahlen gewesen, „2009 hatte sie 50 Angestellte“.

Nicht jeder amerikanische Artikel über Anna Chapman liest sich so angenehm selbstironisch wie Monica Hesses Stück in der „Washington Post“ vom 1. Juli. „Lüstern-äugig, schmollmundig, mit Komm-her-Blick. Da, da, da!“, beschreibt eine Frau die andere. Anna sei so „Cold War retro“, schreibt Hesse mit Vergnügen.

In den Regenbogen-Blättern der USA geben sich andere Autoren Männerphantasien hin, die an die ersten wollüstig-entsetzten Kritiken von Sportjournalisten über russische Tennisdamen erinnern, die beim Schlagabtausch stöhnten und schrien.

Woher auch immer die Obsession mit schönen russischen Frauen kommt, Anna Chapmans Zukunft in Hedgefonds oder im Fernsehen, in den USA oder in Russland, scheint gesichert. Niemand erwartet, dass die Agenten im Fall ihrer Verurteilung in Haft bleiben. Russland sorgt für seine Spione.

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