Umfrage

Deutsche wollen Joschka Fischer als grünen Kanzler

Laut einer neuen Umfrage könnten die Grünen den Kanzler stellen, wenn jetzt gewählt würde - und die meisten Deutschen wünschen sich Joschka Fischer als grünen Regierungschef. Aber der will nicht. Und er soll auch nicht. Alternative: Renate Künast.

Würde jetzt der Bundestag gewählt, hätten die Grünen gemeinsam mit der SPD eine absolute Mehrheit – und würden auch den Kanzler stellen.. Im „Stern“-RTL-Wahltrend verbessern sich die Grünen gegenüber der Vorwoche um einen Punkt und erreichen wieder ihren Rekordwert von 28 Prozent, die SPD fällt um einen Punkt auf 23 Prozent.

Im theoretischen Fall einer derzeitigen Bundestagswahl hätten beide Parteien gemeinsam 51 Prozent, wobei die Grünen als stärkere Kraft den Kanzler stellen könnten. Die Union verbessert sich in der Forsa-Befragung um einen Punkt, bleibt mit 31 Prozent aber weiter unter ihrem Wahlergebnis von 2009. Die FDP gibt einen Punkt ab und sackt erneut auf ihr Rekordtief von 3 Prozent. Die Linke stagniert bei 8 Prozent.

Sollten die Grünen ihre derzeitige Stärke bis zur Wahl 2013 beibehalten und tatsächlich einen eigenen Kanzlerkandidaten aufstellen, hätte im Vergleich mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) derzeit Ex-Außenminister Joschka Fischer bessere Chancen als die Grünen-Fraktionschefs Jürgen Trittin und Renate Künast. Nach der „Stern“-Umfrage würden sich 31 Prozent Fischer wünschen, 28 Trittin und 27 Künast – Merkel allerdings läge im direkten Vergleich mit 48 bis 52 Prozent jeweils weit vorn.

Weitaus geringer wäre allerdings der Abstand zwischen SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier und Merkel mit 33 zu 39 Prozent. Steinmeier hätte damit bei den Wählern auch größere Sympathien als SPD-Chef Sigmar Gabriel, der im Vergleich zu Merkel mit 22 zu 49 Prozent schlechter als die Grünen-Politiker läge.

Fischer will und soll auch nicht

Fischer aber will nicht – und er soll auch nicht. Grünen-Chefin Claudia Roth hält den früheren Bundesaußenminister nicht für einen vorstellbaren Kanzlerkandidaten ihrer Partei bei der Bundestagswahl 2013. „Er ist zurückgetreten aus der ersten Reihe“, hatte Roth am Montag im ZDF-„Morgenmagazin“ gesagt. Allein deshalb stelle sich die Frage nach einer Kanzlerkandidatur des 63-jährigen Fischer nicht. „Das ist eine rein virtuelle Debatte“, sagte Roth.

Fischer selbst hatte auch schon abgewinkt. Eine am Sonntag veröffentlichte Umfrage im Auftrag der Zeitung „Bild“ („Wen würden Sie wählen, wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre?“) hatte erstmals eine Mehrheit für einen von den Grünen gestellten Bundeskanzler ergeben. Laut dem von dem Meinungsforschungsunternehmen Emnid erstellten „Sonntagstrend“ kämen Grüne und SPD gemeinsam auf 47 Prozent und hätten damit eine Mehrheit im Bundestag – mit der SPD als Juniorpartner: Die Öko-Partei hätte laut der repräsentativen Umfrage mit 24 Prozent wie in der Vorwoche einen historischen Höchstwert erreicht und würde bei einem solchen Wahlergebnis den Kanzler stellen.

Bei der Frage, wer der beste Kanzlerkandidat für die Grünen wäre, belegte Fischer mit 17 Prozent Platz eins. Knapp dahinter folgen die Fraktionsvorsitzenden Jürgen Trittin mit 16 Prozent und Renate Künast mit 14 Prozent. Grundsätzlich würden es 29 Prozent der Deutschen gut finden, wenn Fischer bei der nächsten Bundestagswahl Kanzlerkandidat wird. Im direkten Kanzlervergleich unterlag Fischer laut „Bild“ jedoch Amtsinhaberin Angela Merkel und Sigmar Gabriel: 39 Prozent würden die CDU-Chefin direkt zur Kanzlerin wählen, 22 Prozent den SPD-Chef und 16 Prozent Joschka Fischer.

Interne Debatten um den grünen Höhenflug

Fischer sagte zu den Umfrageergebnissen vom Sonntag: „Ich fühle mich geehrt, dass man mir das zutraut. Aber das ist es dann auch.“ Fischer weiter: „Eine Rückkehr des Joschka Fischer in die Politik ist ausgeschlossen.“ Auf den Hinweis, er habe 2005 gesagt, er müsse nur neu nachdenken, wenn es dem Land so schlecht gehe, dass es ihn brauche, antwortete Fischer: „Aber davon ist Deutschland – Gott sei Dank - sehr weit entfernt. Dem Land geht es prächtig – meiner Partei auch.“

Die Grünen hatten bei den jüngsten Landtagswahlen kräftig zugelegt und in Baden-Württemberg einen historischen Machtwechsel eingeleitet. Gemeinsam mit der SPD gelang es ihnen, die jahrzehntelange CDU-Vormacht im Ländle zu beenden. Bald wird dort mit Winfried Kretschmann der erste grüne Ministerpräsident Deutschlands regieren. Im Bund erreicht die Partei in jüngsten Umfragen deutlich über 20 Prozent und liegt mitunter vor der SPD.

Interne Debatten gibt es aber bereits jetzt, wie die Grünen mit dem eigenen Höhenflug umgehen sollen. Laut dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“ forderte Trittin bei einem Treffen führender Vertreter des linken Parteiflügels, dass sich die Grünen „eher bald als später“ auf eine rot-grüne Koalition nach der Bundestagswahl 2013 festlegen sollten. Das sei eine Lehre aus dem Wahlsieg in Baden-Württemberg, der das Ergebnis einer „rot-grünen Zuspitzung“ gewesen sei. Eine 19-seitige Wahlanalyse aus dem linken Parteiflügel, die dem Magazin vorliegt, empfiehlt ebenfalls eine klare linke Profilierung der Grünen.

Dagegen favorisieren Politiker des rechten Parteiflügels als Konsequenz aus der Wahl eine weitere Öffnung zur Mitte. Grünen-Chef Cem Özdemir sagte, die Partei solle den Sieg als „Chance auch zur programmatischen Tiefenarbeit nutzen“ und politische Werte aus anderen Parteitraditionen wie „Leistungsbereitschaft, Fortschritt oder Solidarität“ in die grüne Debatte einbeziehen.