Gastbeitrag

Ein Plädoyer für den Finanz-Kapitalismus

Es gibt zu viele Vorurteile gegen die Banker und den Finanz-Kapitalismus. Erfolgreiche Banken tragen zum Wirtschaftswachstum bei und helfen dem Staat durch ihre Steuern. Deshalb sollten die wichtigsten Finanzinstitutionen in Frankfurt, London, New York und Tokyo arbeiten. Einige von ihnen sollten Vollbanken sein.

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Vollbanken, die ihr Privat- und Unternehmenskundengeschäft mit Investmentbanking (manchmal mit Anlage-Management, Vermögensmanagement und Versicherungen) kombinieren, sind unbeliebt. Sehr unbeliebt sogar. Sie werden als Institute wahrgenommen, die überhöhte Risiken eingegangen sind und übertrieben komplexe Finanzinstrumente genutzt haben. Das Ergebnis, so wird gesagt, sind weitreichende wirtschaftliche Verluste durch Arbeitslosigkeit und finanzielle Verluste bei Vermögenswerten.

Hinzu kommt, dass vielen Banken durch den Steuerzahler gerettet wurden, weil die Regierungen unbedingt deren Konkurs vermeiden wollten, um die Spareinlagen der Bürger nicht zu gefährden. Und all das geschieht, so wird argumentiert, während die Banken einigen ihrer Angestellten für kurzfristige Gewinne übertriebene Summen zahlen und Risiken auf sich nehmen, die später böse ausgehen. Das Ergebnis dieses Handelns macht den Einzelnen reicher, doch die Masse ist schlimmer dran als zuvor.

Wer dieses Argument akzeptiert, der wird im nächsten Schritt folgern, dass der Steuerzahler nicht ein weiteres Mal die Rechnung zahlen sollte. Ein Schritt, der gerade erwogen wird, ist, die Kreditvergabe an Privatkunden und Unternehmen (beifällig wird heutzutage vom „langweiligen“ Bankgeschäft gesprochen) vom Investmentbanking (spöttisch als „Kasino-Banking“ umschrieben) zu trennen. Geschehen könne dies durch eine Variante des Glass-Steagle-Aktes aus dem Jahr 1933, der eine Trennung von zwei Aktivitäten erzwingt. Eine solche Aufteilung, so wird behauptet, würde Einzahler und Regierungen schützen, weil es sie vor der Bedrohung durch das leichtsinnige Kasino absichere.

Es stellt sich die Frage, was zu tun ist

Die Argumentation ist verlockend, aber allzu simpel. Nicht alle Bankhäuser gingen Risiken dieser Art ein. Die Mehrheit blieb von Verlusten durch komplexe Finanz-Instrumente verschont. Tatsächlich erzielten herausragende Geschäftsbanken (Washington Mutual, Halifax Bank of Scotland) und bedeutende Investmentbanken (Bear Sterns, Lehmann) die meisten Misserfolge. Nicht nur das, einige Geschäftsbanken gerieten ausgerechnet durch Verluste bei Immobilien in Schwierigkeiten, also der konventionellsten Wertanlage zum Schutz gegen Kreditausfälle. Was sie dann letztlich zu Fall brachte, war allerdings vielmehr die Fehlbewertung von Risiken als eine Überkomplexität der Finanzinstrumente.

Die betroffenen Bankgesellschaften gerieten durch spezielle Managementfehler in Schwierigkeiten und nicht deshalb, weil sie eine breit gefächerte Palette von Aktivitäten anboten. Die Royal Bank of Scotland etwa ist durch ihren Ehrgeiz zu Fall gebracht worden, nicht durch die Breite ihrer Aktivitäten.

So stellt sich die Frage, was zu tun ist. Angesichts der Erfahrungen der beiden vergangenen Jahre werden die Banken schnell ihre Hausaufgaben machen. Riskante Modelle und Mechanismen werden geprüft und verbessert werden, nicht nur, um andere zu beruhigen, sondern als grundlegendes Element eines vorausschauenden Managements und um die Basis für zukünftige Profitabilität zu schaffen. Auch werden sie stärker als bisher auf die Implikationen eines systemischen Markversagens achten.

Die Regierungen haben sich bereits dazu verpflichtet, Mechanismen zum Schutz der Steuerzahler zu schaffen. Dies wird durch eine frühzeitige Warnung vor Problemen geschehen, durch Regulation, durch höhere Reserven und eine verbesserte Führung in großen Finanz-Serviceunternehmen.

Ist es also notwendig oder erstrebenswert, zusätzlich die Banken aufzusplitten? Es mag nicht einmal praktikabel sein. Es gibt die Vorstellung, dass sich Banken in zwei Kategorien einteilen lassen. Privat- und Geschäftsbanken nehmen das Geld der Sparer ein (meist in kleinen Summen von den verantwortungsbewussten älteren Menschen) und verleihen es an die investitionsfreudige Bürger (meistens junge Ehepaare, die ihr erstes Haus kaufen oder ein mutiges kleines Geschäft aufbauen). Genauso geht man davon aus, dass Investmentbanken aus einer Laune heraus mit undurchschaubar komplexen Finanzprodukten auf Gewinne wetten. Ihre Angestellten seien hauptsächlich Händler, die in Boomzeiten mit gewaltigen Boni überbezahlt werden und die jammern, wenn diese Zahlungen in einem Abschwung ausfallen.

Die Irritation über die Summen, die an Investmentbanker gezahlt werden, ist verständlich in einer Zeit großer finanzieller Probleme. Doch die Realität ist, dass die meisten Privat- und Geschäftsbanken eine Vielzahl von Tätigkeiten ausüben für die Privat- und Geschäftskunden, die sie bedienen. Das müssen sie auch. Denn sonst würden die Kunden woanders hingehen.

Wenn zu Beispiel ein Unternehmen seine Devisen absichern will, muss dies über die Geschäftsbank möglich sein. Wenn dies möglich ist, mag es dazu eines komplexen Finanzinstruments bedürfen. Ab einem bestimmten Niveau wird dieses Instrument aber so komplex, dass es an eine Investmentbank transferiert werden muss. Wer will diesen Vorgang regeln und kontrollieren? Ganz ähnlich: Ab wann wird die Betreuung privater Konten zum Vermögensmanagement? In der Praxis kann der Privat- und Geschäftskundenbereich nicht vom Investmentbanking getrennt werden.

Regierungen vertrauen Arbeit von Investmentbanken

Genauso wenig ist Risikomanagement dasselbe wie auf Rot oder Schwarz zu setzen. Es ist absurd, die Aktivitäten der Investmentbanken mit dem Spiel in einem Kasino gleichzusetzen. Regierungen auf der ganzen Welt vertrauen der Arbeit von Investmentbanken, das gilt auch für die größten und bedeutendsten Konzerne. Sie waren ein notweniges Element bei der Ausweitung des Welthandels in den vergangenen 30 Jahren. Und es gibt keinen Hinweis, dass diese Vollbanken riskanter gehandelt haben als Banken, die nur in einer einzigen Nische aktiv sind.

Da gibt es einen noch aussagekräftigeren Vorteil der Universalbanken. Sie entstanden und wuchsen, weil sie die ganze Palette der Leistungen anboten, die von den multinationalen Finanzinstitutionen nachgefragt wurden, von kleinen und mittelständischen Unternehmen genauso wie von Regierungen. Außerdem bieten sie die Streuung von Anlagen, Krediten, Finanzierungsrisiken und ein Kapitalmanagement an.

Die Aufteilung von Vollbanken mit dem Ziel, ein ähnliches Problem in der nächsten Krise zu verhindern, hält auch einer historischen Analyse nicht Stand. Die Erfahrungen mit ökonomischen Ab- und Aufschwüngen der letzten 250 Jahre sagen uns, die einzig sichere Vorhersage die wir machen können ist, dass das nächste Bankenproblem nicht durch dieselben Ursachen entstehen wird, die die aktuelle Krise ausgelöst haben. Wer so tut, als ob die nächste Krise so sein wird wie die gegenwärtige, handelt etwa so wie die Franzosen, die mit dem Bau der Maginot-Linie die offensichtlichen militärischen Fehler des ersten Weltkriegs beheben wollten. Und so wie der Glass-Steagle-Akt später als eine unangemessene Überkorrektur nach dem Crash von 1929 gesehen wurde, würde es eine vergleichbare Maßnahme heute.

Schließlich beschwört die juristische Zergliederung von Vollbanken in Privat- und Geschäftskundenbanken und Investmentbanken die Gefahr herauf, dass diese ihren Hauptsitz in ein Land verlegen, in dem eine solche Teilung nicht verlangt wird. Das wären traurige Umstände. Diese Institutionen rufen durch ihre Arbeit die Nachfrage nach vielen Leistungen in ihren Heimatmärkten hervor, sie fördern den Finanzsektor und machen ihn zu einem florierenden Geschäft. Dadurch zahlen sie eine Menge Steuern. Es muss also erstrebenswert sein, die größten Finanzinstitutionen der Welt in den bedeutendsten Handelszentren der Welt zu haben.

Dublin, Liechtenstein, Monaco, und die niederländischen Antillen haben alle ihren Charme. Wir aber wollen unsere wichtigsten Finanzinstitutionen in Frankfurt, London, New York und Tokyo. Einige von ihnen sollten Vollbanken sein.

Professor Sir Andrew Likierman ist der Dekan der London Business School. Er war Aufsichtsratsmitglied der Bank of England und ist jetzt Aufsichtsrat der Barclays Bank.

Übersetzt von Günther Lachmann