Rote Armee Fraktion

Bundesanwaltschaft ermittelt im Fall Herrhausen

Der Generalbundesanwalt beschäftigt sich wieder mit dem Fall Alfred Herrhausen. Der Bankier war am 30. November vor 20 Jahren ermordet worden. Nun sollen DNA-Spuren an Bekennerschreiben der Rote-Armee-Fraktion untersucht werden. Eine ähnliche Untersuchung im Fall der Ermordung von Siegfried Buback hatte dazu geführt, dass die Terroristin Verena Becker in Berlin verhaftet wurde.

Genau 20 Jahre nach dem Mord an Alfred Herrhausen, dem Chef der Deutschen Bank, lässt der Generalbundesanwalt (GBA) mit neuen kriminaltechnischen Verfahren seinerzeit sichergestellte Beweisstücke untersuchen. Konkret geht es um fünf Exemplare des Schreibens, in dem sich ein „Kommando Wolfgang Beer“ der Rote-Armee-Fraktion (RAF) zum Attentat bekannt hatte. Das bestätigte ein Sprecher des obersten Anklägers Morgenpost Online.

Am 30. November 1989 waren drei dunkle Mercedes-Limousinen den Seedammweg im Kurviertel von Bad Homburg entlanggefahren. Exakt um 8.34 Uhr fuhren sie mit Tempo 50 an einem Fahrrad vorbei, das am Straßenrand vor der Taunus-Therme stand. Dann gab es einen „Wahnsinnsknall“, berichtete eine Ohrenzeugin. Die kleine Kolonne hatte einen auf dem Fahrrad deponierten Sprengsatz ausgelöst – indem sie eine Lichtschranke unterbrach.

Mit unheimlicher Präzision traf die Wucht der Explosion die mittlere der drei Limousinen. Die Spezialbombe mit sieben Kilo Sprengstoff aus industrieller Produktion schleuderte das 2,8 Tonnen schwere Auto durch die Luft, riss die beiden rechten Türen auf, katapultierte Trümmer mehr als 100 Meter weit – und tötete Alfred Herrhausen, der auf dem rechten Fondsitz saß, sofort.

Herrhausen galt als einflussreichster, aber auch als meistgefährdeter Manager Deutschlands. Der Vorstandssprecher der Deutschen Bank starb zwei Monate vor seinem 60. Geburtstag. Sein Fahrer überlebte mit schwersten Verletzungen; die Sicherheitsleute im ersten und dritten Fahrzeug blieben unverletzt.

In der Nähe fanden Ermittler des Bundeskriminalamts wenig später, eingeschweißt in eine Klarsichtfolie, ein Blatt mit dem RAF-Symbol und dem Schriftzug „Kommando Wolfgang Beer“. In den folgenden Tagen kamen bei Nachrichtenagenturen Bekennerschreiben an. In ihnen hieß es unter anderem: „Am 30. November 1989 haben wir mit dem ,Kommando Wolfgang Beer‘ den Chef der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, hingerichtet.“

Auf Spuren an diesen Bekennerschreiben hofft die Bundesanwaltschaft nun, um das Attentat doch noch aufzuklären. An der Briefmarke, mit der eine solche Selbstbezichtigung zum Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback 1977 verschickt wurde, waren in diesem Jahr DNA-Spuren der Terroristin Verena Becker sichergestellt worden. Das hatte für einen Haftbefehl gegen Becker gereicht, die im Jahr 1989 von Bundespräsident Richard von Weizsäcker begnadigt und aus der Haft entlassen worden war.

Rund 3500 einzelne Indizien und Hinweise hat das Bundeskriminalamt bis heute im Fall Herrhausen ausgewertet, doch nichts davon erwies sich als „heiße Spur“. Das lag wahrscheinlich auch an der 1989 verglichen mit heute noch schlecht entwickelten Kriminaltechnik. So wurden Fingerabdrücke mit Chemikalien behandelt, die sie verzehrten. Auch ein sichergestelltes Haar kann mit neuesten Methoden nicht mehr ausgewertet werden, weil es seinerzeit mit Tesafilm gesichert wurde.

Nach Angaben von Oberstaatsanwalt Frank Wallenta, dem Sprecher des Generalbundesanwalts, beschäftigen sich derzeit noch zwei Referate der Behörde mit Ermittlungen gegen die RAF. Insbesondere die Taten der sogenannten dritten Generation der Terrorgruppe, die 1984 bis 1993 Anschläge verübte, sind zum größten Teil bis heute nicht aufgeklärt. „In Wochen oder Monaten“ sei mit Ergebnissen der Untersuchungen zu rechen, heißt es in Karlsruhe. Ob auf diese Weise auch das „relativ perfide Vorgehen“ vom Herrhausen-Mord aufgeklärt werden könne, sei aber offen.

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