EU-Lateinamerika-Gipfel

Krisen-Europa trifft auf kraftstrotzende Latinos

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Hildegard Stausberg

Foto: AFP

Vor Jahren noch lächelten die Europäer über das wirtschaftlich rückständige Lateinamerika. Jetzt verzeichnen die Länder dort Wachstumsraten um die fünf Prozent, von Krise ist keine Spur. Auf dem Gipfel in Madrid traten die Staatschefs selbstbewusst den von der Furcht um den Euro geschwächten Europäern entgegen.

Seit Monaten hatte die Regierung in Madrid auf dieses Treffen hingearbeitet: Die Länder der Europäischen Union und die Staaten Lateinamerikas und der Karibik sollten sich in unter der spanischen Ratspräsidentschaft zu einem neuen EU-Lateinamerikagipfel treffen. Und natürlich sollte das sechste Treffen dieser Art einen neuen Höhepunkt in den Beziehungen zwischen Europa und den Latinos darstellen. Und natürlich sollten dabei auch die besonderen Beziehungen Spaniens zur dieser Region ins richtige Licht gestellt und die spanische Vermittlerrolle zwischen EU und Lateinamerika befestigt werden.

Aber die Krise des Euros machte einen Strich durch diese Rechnung. In Madrid traf eine sichtlich geschwächte spanische Regierung und ein mit der Lösung einer tiefen Eurokrise beschäftigtes Europa auf ein kraftstrotzendes, dynamisches Lateinamerika. Denn die Latinos haben die Krise der letzten beiden Jahre erstaunlich gut gemeistert. Luis Alberto Moreno, Präsident der Interamerikanischen Entwicklungsbank (BID), sieht für dieses Jahr ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum voraus von mindestens vier Prozent, die Weltbank hält sogar bis 5 Prozent für möglich. Ähnliches wird für 2011 prognostiziert. Damit gehört Lateinamerika – anders als die Vereinigten Staaten, Europa oder Japan - eindeutig zu den Boom-Regionen der Welt.

Ein Positionspapier des Lateinamerika Vereins Hamburg erklärt dies damit, dass die Region die Jahre vor der Krise zum Aufbau hoher Devisenreserven und zum Abbau der Schulden genutzt habe. Auch sei die Mittelschicht breiter geworden und Lateinamerika sei sowohl ein spannender Absatzmarkt wie auch ein attraktiver Produktionsstandort.

An der Spitze steht unbestritten Brasilien mit seinem Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva. Das Magazin Time hatte ihn in seinem Ranking der wichtigsten 100 Persönlichkeiten der Welt erst vor kurzem auf den ersten Platz befördert – drei Plätze vor dem auf Rang vier stehenden Barack Obama.

In Madrid tritt Lula aber nicht nur auf als der wichtigste Präsident Lateinamerikas, sondern als ein Staatsmann von internationalem Zuschnitt, schließlich kommt er gerade aus Teheran. Was immer man von seinen Verhandlungen mit dem iranischen Staatschef Ahmadinedschad halten mag: Für viele Schwellenländer trägt Lula nun die Aureole eines Friedensstifters. Übrigens nimmt der türkische Staatspräsident Erdogan ebenfalls am EU-Lateinamerikagipfel teil: Seit längerem schon baut Ankara seine wirtschaftlichen Beziehungen zu Lateinamerika systematisch aus.

Und beim „Familienfoto“ begrüßt Lula den hinter ihm stehenden griechischen Staatspräsidenten Papandreou mit einer herzlichen Umarmung, schließlich haben die Brasilianer dem Internationalen Währungsfonds fast 300 Millionen Dollar für den griechischen Rettungsfonds zur Verfügung gestellt. Lula weiß im Übrigen, dass viele europäische Staaten größtes Interesse daran haben, an den Milliardenschweren Megaprojekten zur Vorbereitung der Fußballweltmeisterschaft 2014 und der Olympiade 2016 beteiligt zu sein. Beide sollen in Rio de Janeiro stattfinden, eine gigantische Herausforderung für die Millionenstadt am Zuckerhut.

Das sieht man vor allem auch auf deutscher Seite. Der für Außenminister Guido Westerwelle am Gipfel teilnehmende Staatsminister Werner Hoyer sagte Morgenpost Online ONLINE: „Diese sportlichen Großereignisse eröffnen riesige Chancen gerade für deutsche Unternehmen, und die deutsche Wirtschaft hat dem mit der Einrichtung eines Brazil-Boards auch Rechnung getragen“. Brasilien sei Deutschlands wichtigster Handelspartner in der Region und Deutschland sei für Brasilien der viertwichtigste Handelspartner nach den Vereinigten Staaten, China und Argentinien, so Hoyer.

Ein wichtiges Ergebnis des Madrider Gipfels ist die Wiederaufnahme der Verhandlungen zwischen der EU und den Staaten der südamerikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Mercosur, Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay. Sie wurden 2004 unterbrochen; eine Wiederaufnahme scheiterte bisher immer wieder an der von Paris verteidigten protektionistischen Agrarpolitik der EU. Und so ließ es sich die argentinische Staatspräsidentin Cristina Fernandez de Kirchner in ihrer Rede zur Eröffnung des Gipfels natürlich nicht nehmen, den Protektionismus der Industrieländer zu geißeln.

Als Erfolge des Gipfels können schon jetzt die beiden Assoziierungsabkommen der EU mit Peru und Kolumbien gelten, beides Länder mit starkem Wirtschaftswachstum und soliden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Sie beinhalten sowohl ein Freihandelsabkommen wie auch engere Konsultationen auf politischer und wissenschaftlicher Ebene.

Nicht vertreten war hingegen in Madrid Venezuelas Präsident Hugo Chávez: Er sagte im letzten Moment ab, Kubas Präsident Raúl Castro hatte das von Anfang an getan. Beim EU-lateinamerikanischen Unternehmergipfel, der in Madrid zum dritten Mal stattfand und nun in der spanischen Hauptstadt mit einem eigenen Sekretariat verankert werden soll, hatte allerdings Noel Alvarez, Präsident des venezolanischen Unternehmerverbandes (Fedecamaras), ein düsteres Bild der venezolanischen Wirtschaftslage gezeichnet: Mit einer Inflation, die sich dieses Jahr der 50 Prozent Marke nähert und einem immer aggressiveren Vorgehen gegen die Privatwirtschaft stünde ein kompletter Kollaps der venezolanischen Wirtschaft bevor.

Eindeutig spürte man bei diesem Treffen in Madrid die wachsende Kluft zwischen dem Kreis der marktwirtschaftlich ausgerichteten Länder wie Brasilien, Chile, Kolumbien und Peru und denjenigen, die Chávez zu seiner Staatengruppe „Alba“ zusammengebunden hat und dem neben Venezuela auch Bolivien, Ecuador und Nicaragua angehören.

Chávez hatte übrigens auch erreicht, dass das Thema Honduras bei den Vorbereitungen des Gipfels noch einmal eine Rolle spielen sollten: Er rief – unterstützt auch von Brasilien, Argentinien und Mexiko – dazu auf, den Gipfel zu boykottieren, sollte der Ende letzten Jahren gewählte Präsident Porfirio Lobo daran teilnehmen. So wird Lobo erst am Mittwoch anwesend sein, wenn die EU mit den sechs Ländern Mittelamerikas ein Freihandelsabkommen unterzeichnet.

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