Konflikt

Amerikaner zweifeln an Obamas Nordkorea-Strategie

Nach dem Angriff der Nordkoreaner auf den Süden reagiert US-Präsident Obama verhalten. Eine Strategie ist nicht erkennbar.

Foto: REUTERS

„Strategische Geduld“ nannten Beamte der US-Regierung Barack Obamas Politik aus Sanktionen und Gesprächsangeboten gegenüber Nordkorea. Diese Geduld endete am Dienstagmorgen um 3.55 Uhr Ostküstenzeit, als Sicherheitsberater Tom Donilon den Präsidenten mit dem Bericht über das Artilleriegefecht an der innerkoreanischen Grenze weckte. Um 4.33 Uhr lag eine strenge Verdammung der Aggression Nordkoreas aus dem Weißen Haus vor.

Doch Präsident Obama änderte sein Programm nicht: eine Rede in Indiana über Arbeitsplätze, ein TV-Interview hatten demonstrativ Vorrang, bis er am Nachmittag gegen 16 Uhr zu einer Krisensitzung mit Außenministerin Hillary Clinton und Verteidigungsminister Robert Gates und 18 weiteren Sicherheitsexperten stieß. „Schulter an Schulter“ stünden die USA mit Südkorea, versicherte Obama in einem Telefonat mit Präsident Lee Myung-bak. Was das genau bedeutet, will Nordkorea mit einer der gefährlichsten Provokationen seit 1953 wieder einmal testen.

Die Optionen der USA, Nordkorea zur Mäßigung oder zur Aufgabe seines Atomprogramms zu zwingen, sind im Grunde reduziert auf symbolische militärische Drohgebärden und verstärkten Druck auf China, seinen halbstarken Vasallen zu bändigen. Das Auslaufen des Flugzeugträgers „George Washington“ aus dem japanischen Yokosuka zu einer Seeübung mit der südkoreanischen Marine am Sonntag (bis 1. Dezember) mag die aufgeschreckten Bürger in Seoul ein wenig beruhigen.

Zugleich wird eine Rückkehr der USA zu den seit April 2009 unterbrochenen Sechs-Parteien-Gesprächen über das Ende des nordko-reanischen Atomprogramms durch den Zwischenfall noch unwahrscheinlicher. Kein US-Beamter, kein Korea-Experte, der sich (meist anonym) gegenüber den Medien äußerte, rechnet mit einer Eskalation zu einem heißen Krieg. Wie ein trotziges Kind, das sich übersehen glaubt, „randaliert sich Nordkorea zurück in die Schlagzeilen“ ("New York Times"). Ein hoher Regierungsbeamter sah das Zwangsverhalten des kommunistischen Staat als Erbkrankheit: „Sie haben eine 60jährige Geschichte militärischer Provokationen, es ist in ihrer DNS.“

Die Republikaner werden sich die vermeintliche Schwäche Barack Obamas gegenüber einem verrückt spielenden Nordkorea nicht entgehen lassen. Bruce Klinger von dem konservativen Think Tank Heritage Foundation gab die Angriffsrichtung vor: Der Präsident habe das Nordkorea-Problem sträflich vernachlässigt. Schlimmer noch: Obama habe sich auf Friedensgespräche im Nahen Osten eingelassen, „die ins Leere laufen“.

Und auf einen Abrüstungsvertrag mit Russland, „der den USA keine Vorteile bringt“. Mit diesen Schwächen und Irrtümern habe er „Botschaften an den Iran und Nordkorea gesandt, dass sie nicht auf seinem Radarschirm sind...Man könnte argumentieren, dass sie sich beide deshalb so aggressiv gebärden.“

Doch auch in der demokratischen Partei und in den linksliberalen Medien werden Zweifel an Obamas „strategischer Geduld“ geäußert. Die „New York Times“ widmet ihren Leitartikel unter der Überschrift „Ein sehr riskantes Spiel“ dem Zwischenfall. Das Blatt fragt nicht nur, wer eigentlich im südkoreanischen Militär oder in der Regierung auf die (offensichtlich törichte) Idee gekommen sei, Übungsschüsse in die grenznahen Gewässer abgeben zu lassen und so Pjöngjang den Vorwand zu geben, „zurückzuschießen“.

Man fragt auch nach der Strategie Barack Obamas: „Mr. Obama hat darauf bestanden, sich nicht von Nordkorea vorführen zu lassen, aber die Regierung hat auch die Tür offen gelassen, zu den Sechs-Partein-Gesprächen und zu bilateralen Verhandlungen zurückzukehren. Wir können keine Belege für eine ernsthafte Strategie Amerikas erkennen, dies zu ereichen.“

Jimmy Carter, 39. US-Präsident und häufig Unterhändler seiner Amtsnachfolgerin Nordkorea, meldete sich in einem langen Meinungsartikel in der „Washington Post“ zu Wort. Zwar könne niemand je mit Bestimmtheit sagen, was das Regime in Pjöngjang mit seinen Provokationen im Schilde führe, doch liege die Vermutung nahe, es wolle „die Welt erinnern, dass es Respekt verdient“. Am Ende würden die USA die Wahl haben zwischen „diplomatischen Nettigkeiten und eine Katastrophe zu verhindern“.

Der Zusammenhang mit der Urananreichungsanlage, die Nordkorea jüngst auch US-Fachleuten stolz vorführte, liege nahe. Carter erinnerte daran, dass er mehrfach als Unterhändler diente, zuletzt (erfolgreich) im Juli dieses Jahres, um die Freilassung eines Amerikaners, Aijalon Gomez, zu erwirken. Damals hätten die Nordkoreaner ihm detailliert erläutert, wie sie sich den Weg zu einer atomwaf-fenfreien Halbinsel und einen dauerhaften Waffenstillstand auf der Basis von erzielten Übereinkünften von 1996 und 2005 (bei den Sechs-Parteien-Gesprächen) vorstellen: „Wir sollten erwägen, auf dieses Angebot ein-zugehen“, notiert Jimmy Carter.

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