Medizinische Versorgung

Berliner Patienten müssen auf Behandlung warten

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Stefan von Borstel und Nina Trentmann

Foto: Christian Kielmann

Auch in Berlin lehnen Ärzte Behandlungen ab, wenn ihr Jahresbudget erschöpft ist. Termine werden verschoben, Therapien ausgesetzt.

Ein Wartezimmer in einer Arztpraxis in Friedenau. Renate Kurzer-Hoppe, Anfang 50, blättert in einem Magazin. Im Türrahmen steht ihr Hausarzt Stefan Bernhardt. „Sie kommen dran, sofort“, sagt er und bittet eine andere Patientin ins Behandlungszimmer. Renate Kurzer-Hoppe nickt und liest weiter. Sie kann warten. Hauptsache, sie bekommt gleich das richtige Rezept. Mehrfach schon hat sie es bei Ärzten erlebt, dass sie zum Ende des Jahres nur noch kleine Packungen verschrieben haben, weil das Budget aufgebraucht ist. „Das stimmt, das kommt immer öfter vor“, sagt ihr Arzt Stefan Bernhardt. Bei ihm, bei befreundeten Ärzten.

Mehr als die Hälfte der Ärzte in Deutschland gibt im Gesundheitsreport des Finanzdienstleisters MLP an, schon einmal eine Behandlung hinausgezögert zu haben, weil das Geld fehlte. Zwölf Prozent haben sogar mehrfach auf Behandlungen verzichtet. „Bei Notfällen mache ich das natürlich nicht“, sagt Stefan Bernhardt. „Wer ein Antibiotikum braucht, bekommt es.“ Das Problem ist auch der Ärztekammer Berlin bekannt. „Diese weiche Rationierung haben wir in anderen Städten genauso wie in Berlin“, sagt der Präsident der Ärztekammer, Günther Jonitz. Das bestätigt die Umfrage unter rund 1800 Bürgern und 500 Ärzten: 42 Prozent haben Angst, im Krankheitsfall auf eine notwendige Behandlung verzichten zu müssen. 38 Prozent glauben, schon jetzt sinnvolle Behandlungen vorenthalten zu bekommen.

Zunehmender Kostendruck

MLP-Chef Uwe Schroeder-Wildberg erklärte bei der Vorstellung der Studie, medizinischer Fortschritt und die demografische Entwicklung führten zu einem zunehmenden Kostendruck im Gesundheitswesen. Schon jetzt bekämen viele Versicherte Kostenexplosion und Ärztemangel zu spüren. Was das konkret bedeutet, kann Erich Freisleben seit mehreren Jahren in der eigenen Praxis beobachten. Seit 1986 ist er als hausärztlicher Internist in Wedding tätig. Die Zahl der Fachärzte im Bezirk ist zuletzt stark zurückgegangen, sagt er: „Es ist mindestens die Hälfe abgewandert, meist nach Mitte oder in andere vermögendere Stadtteile“, sagt der Mediziner.

Das führt dazu, dass er häufig Patienten hat, die streng genommen zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt oder zum Gynäkologen müssten. „Die kommen entweder zu mir oder gehen in die Notaufnahme ins Krankenhaus.“ Der Weggang der Fachärzte in lukrativere Viertel bedeutet für Hausärzte wie Erich Freisleben, dass er weniger Zeit für seine Patienten hat und trotz mehr Patienten weniger verdient. „Vor einigen Jahren bin ich mit 500 Patienten im Quartal ausgekommen. Heute brauche ich 1000, damit sich die Praxis rechnet“, sagt er.

Die Ärztekammer Berlin stellt auch in anderen Bezirken einen Mangel an Fachärzten fest: „In Marzahn, Hohenschönhausen und in Neukölln haben wir einen massiven Mangel an Kinder- und Jugendpsychiatern“, sagt der Präsident der Kammer, Günther Jonitz. Ähnlich sehe es in diesen Bezirken mit Magen-Darm-Spezialisten aus.

Lange Wartezeiten

Viele der Patienten von Erich Freisleben in Wedding beklagen sich, dass sie für Termine beim Facharzt lange Vorlaufzeiten einplanen müssten. „Das verunsichert die Leute sehr.“ Freisleben weiß von Kollegen, die aufgrund der knappen Budgets manchen Patienten nur noch einen Termin pro Quartal geben. „Das gibt es, ganz klar.“ Der Grund dafür: Die Angst der Mediziner vor Regressforderungen durch die Kassen. „Wenn Sie Ihr Budget überschreiten, werden alle Ausgaben überprüft“, weiß Stefan Bernhardt aus Friedenau. Er erzählt von einem befreundeten Arzt, der aus dem Grund eine Regressforderung über mehrere Hunderttausend Euro bekam. „Da bekommen Sie erst mal richtig Stress“, sagt Bernhardt. Der Arzt muss in diesen Fällen beweisen, dass die Mehrausgaben medizinisch gerechtfertigt waren; ein Aufwand, den nach Einschätzung von Stefan Bernhardt viele Kollegen scheuen. „Die schwimmen lieber mit der Masse.“ Mit der Folge, dass Patienten wie Renate Kurzer-Hoppe auf den kommenden Januar vertröstet werden, wenn es um ein Medikament geht.

Sorgen bereitet der 51-Jährigen auch der Gedanke an die Zukunft. „Ich werde lange leben. Ob meine medizinische Versorgung in 20 Jahren noch gut ist?“ Sie zieht die Stirn kraus, rückt die schwarze Hornbrille zurecht, die Zweifel sind ihr anzusehen. Damit teilt sie die Bedenken von vielen Befragten des MLP-Gesundheitsreports. 77 Prozent gaben an, sie seien skeptisch, ob es der Politik langfristig gelingen wird, eine gute Gesundheitsversorgung zu sichern. Bei den befragten Ärzten war der Anteil der Skeptiker mit 81 Prozent sogar noch höher als bei den befragten Bürgern. „Meine Patienten fragen sich: Ist dieser Standard noch zu halten?“, sagt Stefan Bernhardt. „Wenn ich ehrlich bin, muss ich das verneinen.“ Mit der Vielzahl an Reformen in den vergangenen Jahren sei für ihn als Unternehmer keine Investitionssicherheit mehr gegeben. „Es wird experimentiert. Das merken Ärzte, das merken Patienten.“

73 Prozent der befragten Ärzte sprechen sich im Gesundheitsreport dafür aus, jeden Versicherten einen Teil der Kosten selbst tragen zu lassen. Stefan Bernhardt sieht hier praktische Grenzen. „Wie soll ich einem Schlaganfallpatienten erklären, dass er die bessere Behandlung nur bekommt, wenn er zuzahlt?“, fragt er. Er schlägt vor, den Patienten den tatsächlichen Preis ihrer Behandlung zu nennen, um das Kostenbewusstsein zu erhöhen. „Bislang weiß der Patient nicht, was seine Behandlung kostet“, sagt Bernhardt. Eine Einschätzung, die die Berliner Ärztekammer teilt. „Es gibt eine weitverbreitete Grundhaltung, dass man mit seiner Versichertenkarte Anspruch auf all-inclusive hat“, sagt Kammerpräsident Jonitz. „Das stimmt schon lange nicht mehr mit der Realität überein.“

70 Prozent der Ärzte geben daneben an, es komme häufiger vor, dass Patienten ohne Notwendigkeit zum Arzt gingen. Die Ärztekammer warnt allerdings, dass diese Einschätzung gerade die Falschen vom Arztbesuch abhalten könne. „Da bleiben die zu Hause, denen man eigentlich helfen müsste“, sagt Günther Jonitz. Erich Freisleben hat in seiner Praxis in Wedding nicht den Eindruck, dass die Patienten häufiger kommen, als sie müssten. „Es setzt sich doch niemand drei Stunden bei mir ins Wartezimmer, wenn es nicht nötig ist“, sagt er. Auch Stefan Bernhardt aus Friedenau sieht das so. „Ich kenne höchstens einen Patienten, mehr nicht, die das machen.“ Renate Kurzer-Hoppe lacht, als sie die Frage hört: „Sehe ich aus, als wäre ich freiwillig hier?“