Hochschulen

Neue Studenten-Generation erobert die Unis

Der Altersdurchschnitt der Erstsemester sinkt weiter. Die neue Generation ist jünger, ehrgeiziger, geht bereits mit 21 auf Jobsuche und macht den "Normalstudenten" ordentlich Konkurrenz.

Foto: Amin Akhtar

Katharina Johann versucht, locker zu bleiben. Obwohl in ihrem Studiengang Jura an der Humboldt-Universität noch nie so viele Erstsemester wie jetzt mit dem Studium begonnen haben. Obwohl alle Vorlesungen im Audimax stattfinden und dieser trotz seiner 430 Plätze rappelvoll ist. Obwohl sie weiß, dass sie auf dem Arbeitsmarkt mit Tausenden konkurrieren wird. „Ich nehme das wahr, mehr nicht“, sagt Katharina Johann. Sie ist 19 Jahre alt, war in der Schule zielstrebig, hat nicht getrödelt zwischen Abi und Studienanfang.

Schon jetzt gibt es Studenten, die jünger sind als Katharina. Die dank früher Einschulung mit fünf Jahren und achtjährigem Gymnasium mit 17 Jahren anfangen zu studieren. Noch sind diese Kommilitonen Ausnahmen, über die Katharina hinwegsehen kann, bei denen sie mit den Schultern zuckt. Sehr bald aber werden diese extrem jungen Studenten die Regel sein; an Unis, die schon jetzt vollkommen überfüllt sind. 2010 gab es so viele Studienanfänger wie nie zuvor. Um mehr als vier Prozent ist die Quote gegenüber dem Vorjahr gestiegen, auf 442.600 Erstsemester, wie das Statistische Bundesamt berechnet hat. 2009 waren es 424.300. Der Anteil der Studienanfänger an der gleichaltrigen Bevölkerung wuchs auf 46 Prozent.

Noch mehr Studienanfänger

Er wird noch weiter wachsen. Im kommenden Jahr werden in Bayern und Niedersachsen zwei Jahrgänge gleichzeitig ihr Abitur machen. 2012 passiert das Gleiche in Baden-Württemberg, Brandenburg, Berlin und Bremen. 2013 in Nordrhein-Westfalen, 2016 in Schleswig-Holstein. Das Gymnasium dauert ab dann fast überall nur noch acht Jahre. Einmalig kommen im Jahr 2011 diejenigen hinzu, die wegen der Aussetzung von Wehr- und Zivildienst sofort studieren können, zwischen 40.000 und 60.000 werden es sein, so die Schätzungen. Der Altersdurchschnitt der Studenten beträgt derzeit 24 Jahre. Er wird schnell sinken. 17- und 18-Jährige werden künftig die Hochschulen bevölkern. Das stellt Unis wie Studenten vor enorme Herausforderungen.

Die Studenten merken, dass da etwas auf sie zukommt. Deshalb suchen sie sich Verbündete: ihre Eltern. „Wir haben in den letzten Jahren bemerkt, dass die Studenten selbstverständlicher mit ihren Eltern kommen“, sagt Stefan Grob, Sprecher des Deutschen Studentenwerks. Doch nicht nur, wenn es um die Unterschrift unter einen Mietvertrag fürs Wohnheim oder um die Studienberatung geht, sind die Eltern dabei. „Bei der Erstsemesterbegrüßung sehen wir immer mehr reife Gesichter – und das sind keine Altstudenten“, sagt Elisabeth Hoffmann von der TU Braunschweig. „Helicopter parents“ werden diese Eltern von amerikanischen Soziologen genannt – wie ein Überwachungshubschrauber kreisen sie über ihren Schützlingen.

Katharina Johann hat in ihren Erstsemesterveranstaltungen an der HU noch keine Studenten gesehen, die mit ihren Eltern kamen. Sie kann sich aber vorstellen, dass das zur Regel wird, wenn die Erstsemester noch zwei Jahre jünger sind als sie. Die Eltern seien dennoch wichtige Ratgeber. „Das Studium ist zu einer Familienangelegenheit geworden. Die junge Studentengeneration ist behüteter, braver, aber auch konstruktiver“, sagt Elisabeth Hoffmann von der TU Braunschweig – eine Erfahrung, die auch die Berliner Hochschulen gemacht haben. „Es ist eine eher farblose Generation mit wenig Ecken und Kanten“, fügt der Soziologe Tino Bargel hinzu: „Sie denkt bewusst an ihre Zukunft und passt sich an.“

Haben sich frühere Generationen mit dem Abitur vom Elternhaus abgenabelt, verschiebt sich dieser Prozess auf die Zeit nach dem Studium. Zum einen, weil sich das Verhältnis Eltern – Kind heute trotz Pubertät weniger konfrontativ gestaltet. Zum anderen sind Eltern als Bildungsplaner ein wichtiger Faktor. 12000 Studiengänge gibt es seit der Einführung von Bachelor und Master. Vor zehn Jahren waren es wenige Hundert. Dass 17- oder 18-Jährige, deren Persönlichkeit noch im Werden ist, angesichts dieser Fülle mit der Wahl des richtigen Studienfachs überfordert sind, überrascht nicht.

Turbo-Jugendliche sollen sie sein, aber gleichzeitig nicht überhitzen: jung die Schule abschließen, jung und schnell studieren, jung auf den Arbeitsmarkt kommen. „Die heutigen Studenten machen sich mehr Druck als frühere“, sagt Soziologe Bargel. Dazu gehört auch der ständige Vergleich mit Kommilitonen. Angesichts des unterschwelligen Gefühls von Unsicherheit und Überforderung sind die heutigen Studenten überaus empfindlich, wenn es um ihre späteren Mitbewerber geht: „Wenn ich mir anschaue, wie jung die Erstsemester sind, fühle ich mich schon ziemlich alt“, sagt zum Beispiel Beatrix Massig von der HU. Sie ist 25 Jahre alt und steht kurz vor dem Examen. Das ist für Jura nicht schlecht, dennoch gibt es auch an ihrer Hochschule Kandidaten für die juristische Abschlussprüfung, die ein oder zwei Jahre jünger sind.

Das führt dazu, dass die Studenten wütender als noch vor Jahren auf Institutionen reagieren, die ihnen den Weg zur Karriere erschweren. Die Studentenproteste, die sich gegen knauserige Bundesländer und schlecht organisierte Hochschulen richteten, waren nicht (nur) Proteste arbeitsscheuer Hedonisten; sondern Demonstrationen von willigen, erfolgsbewussten Menschen, die sich nicht ausbremsen lassen wollen. „Läuft“, hat das Magazin „Unicum“ herausgefunden, ist eine der am meisten gebrauchten Redensarten an den Universitäten – auch, wenn Studenten wie Beatrix Massig jeden Tag sehen, dass es an ihrer Uni nicht überall „läuft“. „Die Hörsäle und die Bibliotheken sind überhaupt noch nicht vorbereitet“, sagt sie. „Wenn ich um acht nicht in der Bibliothek bin, bekomme ich den ganzen Tag keinen Platz mehr“, sagt ihre Kommilitonin Katrine Manecke.

„Die Zeit hab ich nicht“

Das ängstliche Schielen auf Konkurrenten und deren Lebensläufe lässt viele von einem freiwilligen sozialen Jahr oder einem Auslandssemester Abstand nehmen. „Da heißt es dann oft, „Die Zeit habe ich nicht“, sagt Andreas Quasten, der zum Wintersemester in Berlin mit dem Masterstudium begonnen hat. Sein Mitbewohner hat nach dem Abi eine Zeit im Ausland verbracht. „Das merkt man schon, der hat eine ganz andere Lebenserfahrung als andere Erstsemester“, sagt Andreas Quasten. Er weiß, wie sehr es zu Beginn des Studiums nervt, wenn die Kommilitonen noch nicht begriffen haben, dass studieren nicht bedeutet, zu jedem Thema etwas zu sagen, nur damit es so aussieht, als beteilige man sich. „Es gibt unheimlich viele Studenten, die noch total im Schuldenken drin sind und immer mit dem Finger schnipsen“, sagt der 24-Jährige.

Die Auszeit nach der Schule ist ganz klar auch eine Geldfrage, aber nicht nur: Je höher der Bildungsgrad der Eltern ist, desto seltener steigen die jungen Leute direkt nach der Schule in ein Studium oder eine Ausbildung ein. Das belegt eine aktuelle Studie des Deutschen Jugendinstituts in München. Kinder von Akademikern können es sich offenbar finanziell und sozial erlauben, sich Zeit zu lassen.

Wettbewerbsvorteil bei der Jobsuche

Diese Lebenserfahrung außerhalb der Uni könnte, wenn extrem junge Absolventen der Normalfall geworden sind, zum Wettbewerbsvorteil bei der späteren Jobsuche werden. Noch aber freuen sich die Arbeitgeber auf die Anfang 20-Jährigen, ob nun mit Bachelor oder Master. „Für viele Unternehmen ist es wichtig, dass sie formbare Mitarbeiter bekommen“, sagt Henning Dettleff von der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände. Lebenslanges Lernen würde wichtiger, Weiterbildung essenziell.

Gleichzeitig stellen Berliner Studenten wie Beatrix Massig fest, dass den Absolventen mit 22 oder 23 Jahren vielfach Skepsis entgegenschlägt. „Ich habe eine Freundin, die im Vorstellungsgespräch gesagt bekam, sie erfülle alle Voraussetzungen“, sagt die HU-Studentin, „einziges Problem: Ihr fehle die Erfahrung für den Job.“ Andreas Quasten hat im Freundeskreis ähnliche Geschichten gehört. „Wir sind gerade in einer Phase, in der viele Unternehmen noch Bedenken haben, einen 23-Jährigen für einen verantwortungsvollen Posten einzustellen“, sagt der junge Mann. Er glaubt, dass er in jedem Fall einen Job findet; dass es egal ist, ob er seinen Master in vier oder in fünf Semestern macht. „Es kommt auf das Profil an, nicht auf mein Alter“, sagt der Student.

Mehr Stoff in weniger Schul- und Studienzeit: Das lässt inzwischen einige Unternehmen an der Qualität ihrer Bewerber zweifeln. Schon jetzt beklagen sie mangelnde Mathematikkenntnisse ihrer Bewerber.

Mangelhafte Vorbereitung

„Wir werden eine Qualitätsdiskussion bekommen“, sagt Heinz-Peter Meidinger, Chef des Deutschen Philologenverbandes. Einige Hochschulen böten bereits Vorkurse an, um die Abiturienten studierfähig zu machen, so zum Beispiel die FH Aachen. Durch die Umstellung auf das achtjährige Gymnasium seien Hunderte Stunden weggefallen, kritisiert Meidinger. In Sprachen, auch in Mathematik. 9500 Stunden hat ein Abiturient in Deutschland nach zwölf Jahren etwa absolviert, in Frankreich sind es im gleichen Zeitrum 12.000, in den USA 11.000. „Ich war durch meine Schule gut auf das Studium vorbereitet“, sagt Studentin Katharina Johann. „Aber ich erlebe nicht wenige, die das nicht sind.“

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