Berlin-Besuch

Bill Gates wirbt für die wasserfreie Toilette

Der Microsoft-Gründer wirbt in Berlin für "erfolgreiche Entwicklungspolitik" – mit der ultimativen Toilette. Über die deutsche Atompolitik lächelt er.

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Der Microsoft-Gründer will die Zusammenarbeit zwischen der Bill&Melinda Gates-Stiftung und dem Entwicklungshilfeministerium verbessern

Video: Reuters
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Als Bill Gates in Berlin landet, denkt er nicht an seine Treffen mit dem Bundespräsidenten und der Bundeskanzlerin und schon gar nicht an die Handvoll Chefredakteure und Reporter, die er zu einem Dinner in die Bibliothek des Adlon eingeladen hat. Der Microsoft-Gründer, zweitreichster Mensch der Erde und Kopf der größten privaten Stiftung der Welt denkt daran, die Toilette neu zu erfinden.

Ein ungewöhnliches Gesprächsthema für ein edles Essen. Andererseits: Wir nutzen Wasser, eine knappe Ressource auf unserem Planeten. Unglücklicherweise sei das Wasserklosett der „Goldstandard“ unter den Toiletten und weltweit ein Symbol der Zivilisation, sagt Gates. Er hat ein Team von Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen beauftragt, eine Toilette zu erfinden, die ohne Wasser funktioniert: „Die ultimative Toilette.“

Denken wie ein Entwickler

Der Mann, der mit Software die Welt der Arbeit veränderte, arbeitet seit 2008 daran, die Welt der Armen zu verändern. Er tut das wie ein Entwickler: Zerlegt ein Problem in seine Bestandteile, schaut, was er verbessern kann. Armut etwa, ist für ihn die verhängnisvolle Kombination von mangelnder medizinischer Versorgung mit Fehlen von Bildung und schlechter Infrastruktur. Straßen bauen dauert lange, für Bildung braucht man Regierungen, also setzt er bei der medizinischen Versorgung an.

Weil Ärzte ausbilden und Krankenhäuser bauen langwierig und schwierig ist, konzentriert er sich auf das Einfache: Impfungen. „Riesige Wirkung bei minimalen Kosten: Die beste Investition überhaupt!“ lobt Gates am Mittwoch bei einem Vortrag im Ritz-Carlton am Potsdamer Platz. Durch weltweite Impfkampagnen sei es gelungen, die Pocken komplett und die Kinderlähmung zu 99 Prozent auszurotten. Bei Diphtherie und Masern sei man mit einem Rückgang um 93 Prozent auf dem richtigen Weg. Gates ist optimistisch, dass innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre auch ein wirksamer Impfstoff gegen den Malaria-Erreger entwickelt ist.

Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) verspricht ihm, den deutschen Beitrag für die internationale Impfinitiative „Gavi“ um 14 Millionen Euro aufzustocken. Gates' Stiftung legt den gleichen Betrag dazu. Solche Koppelgeschäfte liebt Gates: Drei Milliarden Dollar bewegen private Stiftungen für die Armutsbekämpfung im Jahr, 55 Milliarden Dollar die Staaten und ihre multilateralen Organisationen. Gates erhebt den Anspruch, auch dieses Hilfsgeld (mit)zusteuern.

Dabei knirscht es auch einmal heftig. So hat Minister Niebel etwa den deutschen Beitrag von 200 Millionen Euro jährlich für den „Globalen Funds zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose“ wegen Korruptionsvorwürfen eingefroren – sehr zum Ärger von Gates. Öffentlich sagt Gates am Mittwoch in Berlin, Korruption in begrenztem Umfang gebe es in allen großen Organisation: „Der Global Fund hat gute Arbeit geleistet, diese aufzudecken.“ Beim Dinner am Vorabend hat er den Journalisten die Faustformel gesagt, jedes Statement über Korruption müsse eine Zahl enthalten. Sonst sei es schlicht idiotisch.

Das Thema Global Fund spielt auch in Gates wichtigstem Gespräch am Mittwoch eine Rolle: Kanzlerin Angela Merkel (CDU) mahnt er, Deutschland solle seine Blockade aufgeben. Auch, um dem US-Kongress keinen Anlass zu geben, seinerseits Geld zu streichen. Weiter redet er der Regierungschefin ins Gewissen, dass Deutschland sich verpflichtet habe, bis 2015 mindestens 0,7 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes für Entwicklungshilfe auszugeben, derzeit aber nur 0,38 Prozent zahlt. Dafür lobt Gates die professionelle Arbeit der deutschen Entwicklungsorganisationen.

Aber er will auch öffentlich wirken: Bei Bundespräsidenten Christian Wulff trifft Gates junge Leute, von der deutsch-amerikanischen Handelskammer AmCham nimmt er eine Ehrung entgegen. Gemeinsam mit der Organisation „One“ stellt er die Kampagne „living proof“ vor, die Bewusstsein für die Erfolge der Entwicklungshilfe wecken soll.

Lieblingsregion Nordnigeria

Ein Tag zwischen Nobel-Hotel und Regierungsviertel, bei dem Gates von Deutschland und den Deutschen nicht allzu viel mitbekommt. Dennoch hat der Weltreisende, der in dieser Woche schon in Paris und Straßburg gewesen ist, der als Lieblingsregion aktuell Nordnigeria nennt und der Lagos als den aktuell wohl gefährlichsten Ort der Welt einschätzt; Zeit gefunden, sich zu wundern. Im Adlon kommt das Gespräch am Dienstagabend auf die Kriterien von „ethischem Investment“, also einer Anlage, die sich auf Unternehmen konzentriert, die wahlweise nicht mit Waffen, nicht mit Öl, nicht mit Glücksspiel, nicht mit Atomkraft oder mit nichts von alledem Geld verdienen.

Der Philanthrop, dessen Stiftung Milliarden angelegt hat, kann mit dem hierzulande populären Ansatz wenig anfangen: Welchen Unterschied mache es, wenn jemand etwas nicht tue? Welche Veränderung würde es bewirken? Wie viele Leben konkret retten? Die deutschen Gesprächspartner, erfahren in Debatten, wie Außenpolitik ohne Krieg und Ernährung ohne Fleisch funktionieren könnte, schweigen kurz. Dass die Deutschen ihre Atomkraftwerke abschalteten, halte er für ein „wahres Zeichen von Wohlstand“, sagt der zweitreichste Mann der Welt – und lächelt.