Regierungssprecher

Steffen Seibert betritt die Welt der Intriganten

Steffen Seibert beginnt heute als Merkels Regierungssprecher. Kann er sich unter Ränkeschmieden und Strippenziehern bewähren?

In den späten 60er-Jahren hielt laut Umfragen eine Mehrheit der Deutschen den „Tagesschau“-Chefsprecher Karl-Heinz Köpcke auch für den offiziellen Regierungssprecher. So exakt im Detail, so unbeteiligt in Ton und Mimik, das musste ein Behördenmensch sein. Als er eines Tages mit einem Oberlippenbart erschien, gab es einen Zuschaueraufstand, denn ein Mensch mit unkontrolliertem Haarwuchs war an dieser Stelle nicht erwünscht. Der Nachrichtenmann Steffen Seibert würde sich wohl nie einen Schnauzer stehen lassen, aber mit Köpcke teilt er den sonoren Gleichmut, mit dem er kurz und präzise die Welt da draußen ins Wohnzimmer transportierte. Und Sprecher der Bundesregierung wird er mit dem heutigen Tag tatsächlich.

Und nicht nur das. Wer in seinem Vorzimmer anruft, dem wird etwas von einem Faststaatssekretär Seibert erzählt, der sich gerade diverse Wohnungen anschaut, außerdem den ganzen Tag Gespräche führt. Am Telefon ist er später nur kurz zu fassen: Er freue sich sehr auf das neue Amt, arbeite sich in die Tiefen der wichtigsten Politikfelder ein, treffe Menschen. Heute wird ihm Kanzleramtsminister Ronald Pofalla (CDU) die Ernennungsurkunde überreichen, erst am Montag kommt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) aus ihrem Sommerurlaub zurück, dann wird er erstmals an jenem Mikrofon in der Bundespressekonferenz sitzen, an dem die Sicht des Bundeskanzleramts auf die Geschehnisse der Welt geschildert wird. Von Afghanistan bis Zwist in der Koalition, also fast alles so wie beim „Heute-Journal“. Nur andersherum.

Schon häufig wurde Journalisten dieses Amt übertragen, aber nie war einer schon bei Amtsantritt in einer großen Öffentlichkeit so populär – und so beliebt – wie Seibert. Er verdankt das einer ZDF-Vorzeigekarriere, wie sie so nur sehr wenige hinbekommen. Vom Volontariat über „Heute“-Redakteur zum „Morgenmagazin“, dann runter in der Programmleiste zur Boulevard-Schiene mit „Hallo Deutschland“, weiter zu den „ZDF-Reportern“, hinein in Wahlsondersendungen und schließlich wieder zu „Heute“ und vertretungsweise aufs Zentralmassiv des Nachrichtenwesens der Anstalt, ins „Heute-Journal“.

Er gehört einer neuen Generation der öffentlich-rechtlichen Journalisten an, die kaum mehr darauf erpicht war, sich selbst stärker als die Nachricht zu transportieren (vielleicht mit Ausnahme Claus Klebers). So kommen einerseits keine erinnerungswürdigen Sternstunden zustande, nichts, was in Rückblicken auf Fernsehjahrzehnte eine Einblendung wert wäre. Was kam, wurde souverän wegmoderiert, etwa so, wie es die Pilawas und Geißens der TV-Welt im Unterhaltungsbereich auch machen. Gepaart mit einer steten Grundfreundlichkeit, einem jungen Charme, transportiert von warmen Augen und weich geschwungenen Lippen, ist Seibert andererseits wie geschaffen für den Flachbildschirm und das hochauflösende Fernsehen.

Er geht gern in die Oper (wobei er Wert darauf legt, dass er dort – anders als oft geschrieben – noch nie geweint hat), lebt mit der Familie in Wiesbaden, weit weg von den Strippenziehern und Ränkespielen der Berliner Republik, in die er jetzt im Schnelldurchgang eintauchen muss. Der ganze Apparat ist ihm fremd, ein eigenes Sekretariat, sauber gekennzeichnete Mappen, die auf seinen Tisch wandern. „Vorgänge“ eben, die es im Journalismus so nicht gibt. Da gibt es Geschichten. Wie jene des Aufsteigers Philipp Rösler (FDP), der als Bundesgesundheitsminister gerade stark in der Kritik. Einer, der viele Vorgänge produziert. Mit ihm traf sich Seibert zum Kennenlerngespräch, um die Sicht der Dinge aus der Welt der anderen Seite, die jetzt plötzlich auch seine ist, zu erfassen.

Stärkere journalistische Unabhängigkeit von Parteien

Seibert stand als Journalist für eine Generation, die eine stärkere journalistische Unabhängigkeit von Parteien pflegt. Eine Einstellung, die sich aber nicht unbedingt aus einer bewussten Zuwendung zum Ethos des Berufs speist, sondern Ausweis einer neuen Wahrnehmung von gesellschaftlichen Prozessen ist. Anders als jene, die noch wegen oder trotz Willy Brandt & Co. diesen Beruf gewählt haben, ist Seibert in der Kohl-Ära in den Beruf eingestiegen und konnte bald erkennen, dass spätestens nach dem Mauerfall die Bedeutung des Lagerdenkens nachließ und globale Themen das Leben stärker bestimmen als der Beschluss eines Parteitags in einer muffigen Stadthalle. Seibert, der ein eher alternatives Gymnasium in Hannover besucht hatte und später den Zivildienst absolvierte, hat sich selbst als Wechselwähler zu erkennen gegeben, der außer der Linkspartei schon überall mal sein Kreuz gemacht hätte. Und wichtig ist ihm, Vater von drei Kindern, außerdem sein Engagement für Unicef, der Blick über den Tellerrand also. Als „geruchsneutral“ hat ihn die „Zeit“ wegen dieser adretten Unbestimmtheit bezeichnet.

Angela Merkel wird gerade dieses besonders gefallen haben. Denn ähnlich wie bei den heutigen Spitzensportlern, die sich vor der Kamera nicht mehr blamieren und ihren Fokus so professionell wie nie zuvor auf ihre eigentlichen Aufgaben legen, hat der Verzicht auf die Selbstdarstellung auch Kräfte für die eigentlich wichtigen Seiten des Berufs freigesetzt.

Seibert gilt als sehr schnell im Erkennen von wichtigen Themen, seine Auffassungsgabe wird auch im zu Eitelkeiten neigenden ZDF-Kosmos allenthalben gelobt. Der studierte Historiker und Literaturwissenschaftler bereitet sich professionell auf jedes Thema vor, erkennt Zusammenhänge und entwickelt daraus die richtigen Fragen, die dem Gegenüber wenig Raum für Ausflüchte geben, ihn aber auch nicht an den Pranger stellen. Es sollen gerade jene Fähigkeiten gewesen sein, die den 50-Jährigen nach einigen gemeinsamen Veranstaltungen auf Merkels Watchlist kommen ließen.

Ein Experiment wird es für beide Seiten dennoch sein, aber gerade die Regierungschefin hat in ihrer derzeitigen Lage ohnehin kaum noch etwas zu verlieren. Und Seibert ließ sich vorsichtshalber ein Rückkehrrecht vom ZDF zusichern, für den Fall der Fälle. Der Seitenwechsler – er war auch einst als Protestant zum Katholizismus konvertiert – würde dann zwar kaum noch als politischer Journalist auftreten können, denn Parteipräferenzen werden im öffentlich-rechtlichen Rundfunk bei aller internen Bedeutung im Postengeschacher nach außen gern verschwiegen. Ein Sprecherposten oder eine andere Leitungsfunktion wäre aber allemal denkbar.

Gelassen und freundlich

Tatsächlich stehen die Chancen allerdings gar nicht schlecht, dass das Gespann Merkel/Seibert ähnlich gut funktionieren könnte wie die Vorgängerpaarung der Kanzlerin mit Ulrich Wilhelm, der den umgekehrten Weg geht und Intendant des Bayerischen Rundfunks wird. Seibert weiß, wie er die Sätze und Botschaften so formulieren muss, dass sie für die kleinen Schnittfolgen der Fernsehnachrichten ohne große Bearbeitung zu gebrauchen sind. Er ist gelassen und freundlich im Ton, was die Kollegen in seinen Redaktionen immer zu schätzen wussten. Und zumindest für eine gewisse Zeit wird er für die Zuschauer auch immer noch als der distanzierte Journalist durchgehen, den sie seit Jahren kennen. Das kann bei der Vermittlung von schwierigen Botschaften durchaus von Vorteil sein.

Den Kollegen aus dem einstigen Sender, wie etwa ZDF-Chefredakteur Peter Frey, aber auch den Redakteuren der Zeitungen, die ihm seinen Seitenwechsel etwas krummnehmen, tritt er in diesen Tagen mit einer Gegenfrage entgegen: „Was hätten Sie denn gemacht, wenn das Angebot gekommen wäre?“

Regierungssprecher und Fernsehmoderator in einem – das hat es schließlich seit Köpcke nicht mehr gegeben. Dass Seibert aber eines Tages noch höher hinaus will, muss seine neue Arbeitgeberin indes nicht befürchten. Den einzigen Flop seiner Karriere landete Seibert nämlich mit der ZDF-Show „Ich kann Kanzler“.