Brennpunkt Tankstelle

Wie der Biosprit die Berliner verunsichert

Eine große Informationskampagne soll Autofahrern die Angst vor dem neuen Biosprit nehmen. In Berlin ist davon noch nichts angekommen. An den Tankstellen werden Zapfhähne abgewogen und bizarre Diskussionen geführt.

Foto: © JÖRG KRAUTHÖFER

Stefan Pohle gehört zu einer neuen Generation Autofahrer: der Generation Biosprit. Vor einer Woche hat er sich einen schwarzen Seat Leon gekauft und den bisher nur mit dem neuen E10 befüllt. Der Händler hatte ihm dazu geraten, doch so richtig überzeugt ist der 32 Jahre alte Doktor der Biotechnologie noch nicht.

Jetzt jedenfalls steht er zum letzten Mal an einer Berliner Tankstelle gegenüber der Technischen Universität am Ernst-Reuter-Platz. "Morgen ziehe ich mit dem Wagen um nach Konstanz", sagt der gebürtige Lichtenberger. Er tritt dort eine Stelle an. Als Wissenschaftler ist er es gewöhnt abzuwägen, aber während er E10 tankt, gibt er zu, dass er noch keine klare Meinung zum Biosprit hat. "Es gibt einfach zu wenig Informationen", sagt er.

Diese Unsicherheit an den Tankstellen teilen viele. Auch im dritten Monat nach der Einführung des sogenannten Biosprits, der statt fünf jetzt zehn Prozent Ethanol aus Getreide und Zuckerrüben enthält, diskutieren Politiker mit Autoherstellern auf der einen - und Autofahrer mit Tankstellenpächtern auf der anderen Seite. Während sich Bundesregierung und Automobilindustrie am Mittwoch nach dem E10-Gipfel zufrieden zeigten mit der neu beschlossenen "Informationsoffensive", sind Verbraucherschützer hingegen enttäuscht, weil zum Beispiel noch nicht klar sei, wer zahle, wenn E10 ein Auto beschädige. Allgemein sollen nur zehn Prozent der Autos in Deutschland den Sprit nicht vertragen. Welche, soll eine Liste der Deutschen Automobil-Treuhand (DAT) deutlich machen, die an Tankstellen ausliegen soll.

Wer sehen will, wie ratlos die Autofahrer auch in Berlin sind, muss sich nur in Berlin ein paar Minuten an den Rand einer Tankstelle stellen und zuschauen: Zielsicher und "fein raus", wie sie selbst sagen, sind nur die Diesel-Tanker - zu denen auch Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) gehört. Alle anderen starren verwirrt auf die Zapfsäulen, werfen ihre Hände in die Luft oder schütteln den Kopf. Greifen erst nach der "Super"-Zapfpistole, dann nach der mit "E10"-Aufdruck, als ob es einen Unterschied im Gewicht gebe. Doch die meisten entscheiden sich auch in Berlin bisher noch für das alte Super. Dass der Liter rund zehn Cent teurer als E10 ist, fällt für sie dabei weniger ins Gewicht. "Ich gehe lieber auf Nummer sicher", sagt Paula Dabros aus Charlottenburg. Die 23-Jährige hat sich den Lancia nur geborgt, und die Berichte, die sie bisher in den Fernsehnachrichten dazu gesehen hat, sind ihr zu ungenau.

Doch egal, ob das Auto geliehen ist oder nicht - die wichtigste Frage für die Verbraucherverbände bleibt auch nach dem E10-Gipfel unklar: Wie rechtsverbindlich wird diese DAT-Liste in den Tankstellen sein? Wirkt sie wie eine Garantie für den Kunden, dass sein Auto auch mit E10 läuft? "Aus der Liste allein lässt sich für Verbraucher kein Schadenersatzanspruch ableiten", sagt ein Sprecher des Verbraucherzentrale-Bundesverbands (VZBV). Schließlich existiere kein Vertrag zwischen der DAT und dem Autofahrer, sondern zwischen dem Hersteller und seinem Kunden. Zum Zweiten seien viele Hinweise auf der Liste noch zu allgemein. So hat der VZBV eine erweiterte schriftliche Garantieerklärung der Hersteller gefordert - die sich auf dem E10-Gipfel nicht durchsetzen konnten.

"Nie wieder dieses Zeug"

Doch derzeit gibt es noch nicht einmal diese Liste - und Autofahrer, die schon jetzt einen Schaden feststellen, fühlen sich betrogen. Einer von ihnen ist der Neuköllner Cengiz Köktürk. Der 37-Jährige hatte vor vier Wochen E10 in seinen Renault Clio getankt, in dem Glauben, er tue etwas für die Umwelt und spare außerdem bares Geld. Dann ist er nach Dresden gefahren, um gegen einen Aufmarsch von Neonazis zu demonstrieren. "Auf der Rückfahrt dann begann der Motor, Schwierigkeiten zu machen", sagt er. "Die Zylinder waren kaputt, und in der Werkstatt sagten sie mir, dass ich mal besser nicht diesen Biosprit getankt hätte." Die 150 Euro für die Reparatur hat er selbst bezahlt. Wenn es nach ihm ginge, sollten Politiker diesen Biosprit verbieten. "Nie wieder kommt mir dieses Zeug in den Tank."

Die Unsicherheit der Kunden kennen auch die Mitarbeiter verschiedener Tankstellen. "Wir bekommen den Ärger schon zu spüren", sagt einer. "Vor allem die Ratlosigkeit, weil letztlich auch uns niemand genaue Informationen gibt." Doch wirklich zu dem neuen Biosprit raten wollen auch die Mitarbeiter nicht. "Es fehlen einfach die Langzeitstudien", sagen sie dann - ein Wort, das inzwischen zu jeder Tankstelle gehört wie der Benzingeruch und das Rauchverbot: Langzeitstudien. Weil sie fehlen, werden die Diskussionen der Autofahrer zum Teil schon bizarr. Einer sagt, er habe gehört, dass E10, wenn es auf das Auto tropft, auch den Autolack beschädige. Eine andere sagt, sie habe gehört, das neue Benzin sorge für "Brandblasen" auf den Ventilen.

Ähnlich vage äußern sich viele Autofahrer beim Mehrverbrauch. Gefühlt ist ein Wort, das sie häufig benutzen: Gefühlt müssten sie öfter tanken, wenn sie mit E10 fahren. Björn Luban aus Brandenburg ist da genauer. "Ich fahre für einen Pizza-Lieferservice", sagt er, "und verbrauche rund doppelt so viel Sprit, wenn ich E10 getankt habe." Er habe das zweimal ausprobiert und steige deshalb jetzt wieder auf Super um. "Die Ersparnis hat sich bei mir jedenfalls ins Gegenteil verkehrt."

Solche Diskussionen an Berliner Tankstellen zeigen, wie nötig die jetzt beschlossene "Informationsoffensive" zu diesem Thema ist. Doch schon jetzt machen sich Zweifel breit, ob das reiche, um die Autofahrer noch zum E10 zu bewegen. Die Gipfelteilnehmer hätten letztlich nur ein "Weiter so" mit mehr Broschüren vereinbart, erklärte der Leiter Verkehrspolitik beim Auto Club Europa (ACE), Matthias Knobloch.

Tanken mit Blick auf die Preistabelle

Die Einführung von E10 sei lange geplant gewesen. Die drängendsten Fragen der Verbraucher hätten bereits im Vorfeld geklärt werden können, sagte er weiter. Die Autofahrer werden nach wie vor mit ihren Problemen alleingelassen. "Es kann nicht sein, dass sich die Verantwortlichen die Schuld zuspielen und der Verbraucher an der Zapfsäule dafür bezahlen muss." Knobloch schlug als Beitrag der Regierung eine Steuerermäßigung für den erhöhten Bio-Anteil vor.

Das zumindest könnte einige Kunden an den Zapfsäulen interessieren. Denn viele drehen sich noch einmal nach der Preistabelle um, wenn sie verunsichert nach einer Zapfpistole greifen. Valeria Löwen machte das leider erst, nachdem sie getankt hatte. "Hätte ich früher gesehen, dass ich zehn Cent pro Liter sparen könnte", sagt die 21 Jahre alte Schönebergerin, "hätte ich dem E10 schon einmal eine Chance gegeben." Sie fährt einen neuen VW Polo, der verträgt E10.

Stefan Pohle, der mit seinem neuen Seat Leon jetzt rund 620 Kilometer nach Konstanz zurücklegen wird, ist heute den ganzen Tag auf der Autobahn. Es ist seine erste große Fahrt mit Biosprit im Tank - und damit Teil einer ganz persönlichen Langzeitstudie. Wenn er auf der Strecke tanken muss, will er Super ausprobieren - und sich dann entscheiden.