Ende des Hausarrests

Suu Kyi bleiben in Freiheit die Hände gebunden

Die Frau, die Birmas Generäle fürchten, steht nicht mehr unter Hausarrest. Doch der Weg ihres Landes zur Freiheit ist immer noch weit.

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Die Militärregierung von Myanmar, dem früheren Birma, hat Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi aus ihrem Hausarrest freigelassen. Die Nobelpreisträgerin begrüßte daraufhin Tausende jubelnde Anhänger vor ihrem Haus in Rangun.

Video: Reuters
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„Nutzen Sie ihre Freiheit, um unsere voranzubringen." – so appellierte Aung San Suu Kyi einst an die internationale Staatengemeinschaft. Denn eines weiß Birmas Demokratie-Ikone allzu genau: Freiheit ist relativ. Selbst wenn sie nun nach 18 Monaten Hausarrest wieder „frei” ist, so sind ihr doch die Hände gebunden. In ihrer Heimat, dafür sorgen die Militärmachthaber, wird auch in Zukunft jeder ihrer Schritte, ihrer Worte und ihre Wirkung genau bewacht. „Frei” werden auch weiterhin nur ihre Gedanken sein.

15 der letzten 21 Jahre hatten die Generäle Aung San Suu Kyi weggesperrt. Aus den Augen, aus dem Sinn, hoffte die regierende Militärjunta, die das südostasiatische Land seit 48 Jahren mit eiserner Faust regiert. Und so versteckten sie die charismatische „Lady” entweder im berüchtigten Insein-Gefängnis in Rangun oder in ihrem einst hübschen Haus am Inya-See, das langsam verfällt.

Die graziöse Frau mit dem schmalen Gesicht und dem kerzengraden Rücken ist für Birmas omnipotenten Generallissimo Than Shwe und seine Getreuen die größte Bedrohung. Sie symbolisiert alles, was die dem Volk vorenthalten: Demokratie und Selbstbestimmung. Mit leisem, höflichen Lächeln trotz sie der Übermacht und hat mit ihrem gewaltlosen stillen Widerstand das Volk auf ihrer Seite. Die Menschen beten sie an.

Das mußte die Junta 2002 erfahren, als sie den Hausarrest der Nobelpreisträgerin aufhob. Wo sie ging und stand wurde sie von jubelnden Massen begrüßt. Die Militärs witterten Aufruhr und Aufstand und sperrten Suu Kyi schon nach einem Jahr kurzerhand wieder ein.

Von der Wissenschaftlerin zur Symbolfigur des Widerstands

Wie wurde die 65-jährige Oxford-Absolventin zur Symbolfigur des Widerstands? Ihr Vater war Birmas Unabhängigkeits-Held General Aung San. Er war von einem politischen Gegner ermordet worden, als Suu Kyi gerade mal zwei Jahre alt war. Ihre Mutter, eine Diplomatin, hatte daraufhin das Land verlassen und Suu Kyi hatte ihre halbes Leben außerhalb Birmas verbracht - nicht als politische Aktivistin, sondern als Wissenschaftlerin, Ehefrau und Mutter. In Oxford hatte sie ihren Mann Michael Aris kennengelernt, einen britischen Tibetologie-Professor. Sie bekam zwei Söhne und führte ein ruhiges Akademikerdasein, als ihre Mutter einen Schlaganfall erlitt. Und so kehrte Suu Kyi 1988 nach Birma zurück, um sie zu pflegen.

Dort aber geriet sie mitten in die von Studenten initiierte Demokratiebewegung und stellte sich an deren Spitze. „Als Tochter meines Vaters kann es mir nicht gleichgültig sein, was hier geschieht", sagte sie bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt im August 1988. Die Herzen flogen ihr zu. So wurde die Wissenschaftlerin zur Aktivistin. Sie begann, sich einzumischen, forderte Demokratie und Menschenrechte und bot den Militärmachthabern furchlos die Stirn.

Für ihr Land war Suu Kyi kein Opfer zu groß

Die Proteste wurden blutig niedergeschlagen. Man stellte Suu Kyi und einige Mitstreiter unter Hausarrest, viele Demonstranten wurden inhaftiert und gefoltert. Im selben Jahr benannte die Junta Birma in Myanmar um. Suu Kyi blieb, für ihr Land, und kein Opfer war zu groß. Als ihr Mann 1999 eine hoffnungslose Krebsdiagnose erhielt, erlaubten ihr die Militärmachthaber, zu ihm nach England zu fliegen. Doch sie ging nicht, weil sie wußte, dass man ihr die Rückkehr nach Birma verweigern würde. Er starb und wurde beerdigt, ohne dass sie sich noch einmal gesehen hätten. Ihre Söhne wuchsen ohne die Mutter auf, tausende von Kilometern entfernt. Ein Leben für den Wandel und die Freiheit von der Diktatur.

Sie gründete die Nationale Liga für Demokratie (NLD), und unter ihrer Führung gelang der Partei 1990 ein sagenhafter Sieg bei den Parlamentswahlen – den das Militärregime niemals anerkannte. Damals stand Suu Kyi bereits das erste Mal unter Hausarrest. Jahrzehnte der Isolation folgten, unterbrochen nur von kurzen Etappen in Freiheit. Immer wieder fanden die Generäle gegen alle Proteste der Weltöffentlichkeit neue Vorwände, um ihre lästige Oppositionsführerin einzusperren.

Die endlosen Jahre ihrer Arreste verbrachte Suu Kyi mit Meditation und Klavierspielen und dem Studium von Französisch und Japanisch. Oft sagte sie, die Zeit des Hausarrestes habe sie nur entschlossener gemacht.

Die Junta fürchtet Suu Kyi noch immer

Eigentlich sollte ihre Gefangenschaft schon vor 18 Monaten enden. Doch wieder einmal fand die Junta einen bizarren Grund, sie weiterhin festzuhalten: sie hatte einen amerikanischen Eindringling, der sich von Gott gesandt wähnte, zwei Tage auf ihrem Grundstück geduldet. „Bruch der Haftauflagen”, urteilten die Richter, und der Hausarrest wurde erneut verlängert. Damit konnte Suu Kyi nicht an den ersten Parlamentswahlen seit zwanzig Jahren am vergangenen Sonntag teilnehmen, bei denen die Generäle ihre Macht mit allen Tricks zementierten. Gleichzeitig fanden sie einen Vorwand, Suu Kyis Partei zu zerschlagen, sodass sie nun, endlich wieder frei ist, von vorn beginnen muss.

Kritiker fragen inzwischen, wie relevant die Person Aung San Suu Kyi nach all den Jahren der Abwesenheit heute noch für Birmas politische Landschaft sein kann. Der britische Botschafter in Rangun Andrew Heyn hat darauf eine deutliche Antwort: „Ein Regime, das sie immer noch fürchtet, ist Beweis genug für ihre Relevanz”.

Aung San Suu Kyi wird die Menschen von Birma weiterhin inspirieren, mobilisieren und vereinen – egal, ob sie in Freiheit aktiv sein kann oder unter Arrest steht. „Wirkliche Freiheit ist für mich die Freiheit von Angst”, hat sie einmal gesagt, „Solange Sie in Angst leben, können Sie kein menschenwürdiges Leben führen". Der Weg zur Freiheit in Birma ist immer noch weit.