Gleichberechtigung

Frauen-Union fordert eine weiblichere CDU

Maria Böhmer, Vorsitzende der Frauen-Union, spricht über Alice Schwarzer, Quotenregelungen und die Rolle der Hausfrau.

Vor dem Wahlparteitag der CDU bringen sich in der Partei die Frauen in Stellung. Maria Böhmer, Staatsministerin im Kanzleramt und Vorsitzende der Frauen-Union, sieht ihre Partei als Wegbereiterin der Frauenbewegung. Das Frauenquorum sei eine Erfolgsgeschichte, sagt Böhmer. Auch die Wirtschaft müsse mit einer Frauenquote rechnen, wenn sie nicht rasch mehr weibliche Führungskräfte vorweisen könne.

Morgenpost Online: Frau Staatsministerin, Alice Schwarzer wirft ihrer Parteifreundin, Bundesfamilienministerin Kristina Schröder, Verrat an der Frauenbewegung vor. Gibt es in der CDU eigentlich überzeugte Feministinnen?

Maria Böhmer: Die Vorwürfe von Alice Schwarzer treffen einfach nicht zu. Zwar ist unbestritten, dass Alice Schwarzer einen hohen Anteil an der positiven Entwicklung gehabt hat. Doch die Frauenbewegung war wesentlich breiter aufgestellt und die CDU hat dabei kräftig mitgemischt. Schließlich war Rita Süßmuth die erste Frauenministerin der Bundesrepublik. Geschaffen hatte das Ressort übrigens Helmut Kohl. Das Gleichstellungsgesetz wiederum wurde von Angela Merkel in ihrer Zeit als Frauenministerin auf den Weg gebracht – alles CDU-Mitglieder.

Morgenpost Online: Wären solche und andere Verbesserungen für Frauen in den vergangenen Jahrzehnten auch ohne Schwarzer und Co. gekommen?

Böhmer: Die radikaleren Vorkämpferinnen haben zweifellos manches in Gang gesetzt, von dem Frauen insgesamt profitieren. Doch heute gehen wir einen partnerschaftlichen Weg. Und wir sollten auf keinen Fall in die Konfrontation zwischen Männern und Frauen zurückfallen.

Morgenpost Online: Die CSU hat auf ihrem Parteitag kürzlich erst nach zähen Ringen und mit knapper Mehrheit eine Frauenquote beschlossen. Funktioniert es nur mit Zwang?

Böhmer: Das Beispiel der CSU zeigt, dass es allein mit Freiwilligkeit nicht geht. Genau die gleiche Erfahrung hatten wir in der CDU auch gemacht und deshalb schon vor 14 Jahren das Quorum eingeführt. Schließlich gibt es in der Politik eine Menge heimlicher Quoten, sei es für die Regionen, für Berufsgruppen, für Junge und Alte. Die Quote ist ein Hebel, mit dem sichergestellt wird, dass Frauen nicht übergangen werden können. Schließlich geht es um Machtfragen. Wir Frauen sind kompetent und lösungsorientiert. Die Partei profitiert davon, wenn wir angemessen an Ämtern und Mandaten beteiligt sind.

Morgenpost Online: In der CSU waren gerade junge Frauen vielfach strikt dagegen. Ist die Quote ein Hut von gestern?

Böhmer: Überhaupt nicht. Mich hat aber keineswegs überrascht, dass die jungen Frauen dagegen waren. Auch diese Erfahrung wiederholt sich. Die jungen Politikerinnen haben den Eindruck, dass ihnen alle Türen offenstehen. Erst im Laufe der Zeit merken sie, dass es jede Menge Hindernisse auf dem Weg nach oben gibt und es oft eben nicht nur nach Qualifikation und Eignung geht. Viele derjenigen CDU-Politikerinnen, die früher vehement gegen die Quote waren, sind deshalb heute Verfechterinnen dieses Weges.

Morgenpost Online: Die CDU hat das Quorum – was ist der Unterschied zur Quote?

Böhmer: Das ist eher Semantik. Unser Quorum besagt, dass ein Drittel der Führungspositionen mit Frauen besetzt werden müssen. Das ist eine bindende Regelung. Wenn diese Zielmarke beim ersten Wahlgang nicht erreicht wird, muss er wiederholt werden.

Morgenpost Online: Wäre Merkel ohne Quorum heute nicht Kanzlerin?

Böhmer: Die Debatte um das Quorum hat den Boden dafür bereitet.

Morgenpost Online: Reicht Ihnen als Vorsitzende der Frauen Union das Erreichte oder muss die CDU noch weiblicher werden?

Böhmer: Der Anteil der Frauen in der Partei ist mit etwa 26 Prozent zu gering. Die CDU muss noch weiblicher werden. Immerhin liegt der Anteil bei den Neumitgliedern schon höher. Begünstigt wurde diese positive Entwicklung davon, dass Angela Merkel nicht nur als erste Frau in der CDU den Partei- und Fraktionsvorsitz besetzt hat, sondern auch die erste Bundeskanzlerin Deutschlands ist. Darüber hinaus steht mittlerweile in drei Landesverbänden der CDU eine Frau an der Spitze. Auch das wäre vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen. Am Ziel sind wir deshalb aber noch nicht. Einen weiteren Schritt wollen wir jetzt auf dem bevorstehenden Bundesparteitag gehen: Mit Ursula von der Leyen und Annette Schavan kandidieren erstmals zwei Frauen für den Stellvertretenden Parteivorsitz und für das Präsidium bewerben sich mit Annegret Kramp-Karrenbauer und Julia Klöckner zwei Frauen. Um Frauen in eine bessere Startposition zu bringen, hat die Frauen Union ein Mentoringprogramm aufgelegt, bei dem erfahrene Politikerinnen Nachwuchskräfte, die beispielsweise für ein Bürgermeisteramt kandidieren, unterstützen. Wir Frauen brauchen solche Netzwerke.

Morgenpost Online: Kämpfen Sie auch für eine Frauenquote in der Wirtschaft? Familienministerin Schröder hält Sie nicht für nötig.

Böhmer: Wir brauchen solche Instrumente. Die Wirtschaft muss wissen, dass die Quote kommt, wenn der Anteil der Frauen in Führungspositionen nicht rasch steigt. Wir wollen erreichen, dass zeitnah mindestens ein Drittel der Aufsichtsratsposten an Frauen geht. Längerfristig streben wir einen Anteil von 40 Prozent an. Die Wirtschaft selbst will mehr Frauen in führenden Positionen. Eine Quote hilft, schnell den Frauenanteil zu erhöhen. Zunächst ist jetzt aber die Wirtschaft am Zug. Wenn es nicht vorangeht, wird der Gesetzgeber handelt. Es ist interessant, dass nach Norwegen jetzt auch in Frankreich eine konservative Regierung eine Quote beschlossen hat.

Morgenpost Online: Wie schnell muss sich in der Wirtschaft etwas tun?

Böhmer: Rasch! In den nächsten zwei Jahren brauchen wir konkrete Ergebnisse.

Morgenpost Online: Worin unterscheidet sich die Frauenpolitik der Union überhaupt noch von der der SPD, der Grünen oder der Linken?

Böhmer: Anders als die Parteien links von der CDU setzen wir auf Vielfalt und Partnerschaft. Wir schreiben den Menschen nicht vor, wie sie zu leben haben, sondern akzeptieren unterschiedliche Lebensmodelle. Wir wollen Männer und Frauen nicht gleichmachen.

Morgenpost Online: Und doch ist heute auch in der Union viel von den beruflichen Karrierechancen der Frauen die Rede. Hat die Hausfrau in der Union keine Heimat mehr?

Böhmer: Die Arbeit von Müttern und Vätern wird in der Union nach wie vor hoch geschätzt. Schließlich war es die Union, die durchgesetzt hat, dass Familienarbeit bei der Rente und in der Pflege berücksichtigt wird. Frauen wollen heute im Beruf erfolgreich sein. Deshalb wollen wir nicht nur die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtern – das ist heute schon selbstverständlich –, sondern auch von Karriere und Familie. Die Frauen sollen auch in der Politik und in der Wirtschaft an der Spitze präsent sein. Auch das muss mit Familie vereinbar sein.

Morgenpost Online: Die CDU befindet sich seit Monaten im Umfrage-Tief: Verliert die Union mit ihrer Ausrichtung auf die großstädtischen Karrierefrauen ihre Attraktivität bei den Männern und bei Konservativen insgesamt?

Böhmer: Nein, den Eindruck habe ich überhaupt nicht. Wir haben ein modernes Familien- und Frauenbild, das keineswegs gegen die Männer ausgerichtet ist. Wir haben auf diesem Feld in den vergangenen Jahren viel Boden gut gemacht.

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