Zu Muslimen übergelaufen

Österreicher nehmen "Retter von Sarajewo" fest

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Im Bosnienkrieg wechselte der serbische General Jovan Divjak die Seiten und verteidigte Sarajewo. Nun ließ Serbien den Kriegshelden in Wien festnehmen.

Kein Serbe wird von den Muslimen in Bosnien so verehrt wie er: Jovan Divjak, General im Ruhestand, der im Bosnienkrieg die Seiten wechselte und die Verteidigung des von Serben belagerten Sarajewo übernahm. Nun wurde er in Wien aufgrund eines serbischen Haftbefehls festgenommen. Der 73-Jährige traf am Donnerstagabend per Flugzeug aus Sarajevo kommend in Wien ein und wartet nach seiner Festnahme auf eine Anhörung, teilten österreichische Behörden mit. Belgrad wirft ihm Kriegsverbrechen vor und fordert seine Auslieferung.

Die Festnahme Divjaks habe einen politischen Hintergrund, kritisierte der kroatische Vertreter im bosnischen Staatspräsidium, Zeljko Komsic, am Freitag. Es sei nur eine Frage der Zeit, wann er wieder in Sarajevo sei, ergänzte der muslimische Vertreter, Bakir Izetbegovic. Die Gesellschaft für bedrohte Völker forderte Österreich auf, den „Retter von Sarajevo“ sofort freizulassen. Die Verhaftung Divjaks sei „eine Schande für Europa“. Während die Regierungen nahezu aller europäischer Staaten, auch Deutschlands, dem Völkermord an den Bosniern tatenlos zugesehen hätten, habe Divjak die Einwohner der bosnischen Hauptstadt gegen die serbischen Belagerer verteidigt. Divjak ist der einzige Serbe, der im Bosnienkrieg in den überwiegend muslimischen Streitkräften bis zum General aufstieg. Der Offizier sagte nach dem Krieg von 1992 bis 1995, aus den jugoslawischen Streitkräften zu desertieren und sich den Muslimen anzuschließen sei der einzig mögliche moralische Weg gewesen.

Der am Donnerstagabend festgenommene Divjak bleibe wahrscheinlich mindestens zwei Wochen in österreichischer Haft in Korneuburg bei Wien, bis ein Gericht über seine Auslieferung entscheide, sagte Richterin Christa Zemanek. Es gebe genug Hinweise auf mögliche Kriegsverbrechen, um ihn in Haft zu behalten.

Dagegen werde er aber mit großer Wahrscheinlichkeit Berufung einlegen. In Sarajevo forderten in der Nacht zum Freitag mehrere hundert Demonstranten vor der österreichischen Botschaft Divjaks Freilassung.

Unter dem selben Vorwurf war vor einem Jahr der frühere bosnische Spitzenpolitiker Ejub Ganic in London festgenommen worden. Ein britisches Gericht lehnte seine Auslieferung an Serbien später aber ab, da ein Prozess gegen ihn „politisch motiviert“ sein könnte. Nach serbischer Darstellung sind Divjak und Ganic für den Angriff auf abrückenden Einheiten der serbisch kontrollierten Jugoslawischen Volksarmee (JNA) im Mai 1992 in Sarajevo verantwortlich. Bosnische Muslime hätten den Konvoi angegriffen, obwohl der Armee zuvor ein ungehinderter Abzug zugesichert worden sei. Die Details der Militäraktion und die genaue Zahl der Opfer liegen im Dunkeln. Nach serbischen Angaben kamen 43 Soldaten ums Leben.

Der Den Haager UN-Sondergerichtshof für Verbrechen im ehemaligen Jugoslawien hat wegen des Angriffs keine Anklagen erhoben. Jugoslawien war 1991 auseinandergebrochen. In der Folge kam es zu einem jahrelangen Krieg zwischen Serben, Kroaten und Muslimen.

( APD/str )