Agenten-Austausch

Wien – Hauptstadt der Spione und Spitzel

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Elisalex Henckel

Foto: picture-alliance / ALI SCHAFLER / picture-alliance / ALI SCHAFLER/picturedesk.com

Der spektakuläre Agentenaustausch zwischen USA und Russland passt perfekt in Wiens Geschichte als Spionagemetropole.

Es ist viel Zeit gegangen, seit Orson Welles in die Wiener Kanalisation hinabstieg, und rein äußerlich hat die österreichische Hauptstadt heute nicht mehr viel mit der Kulisse des „Dritten Mannes“ gemein, doch Spione aus Ost und West scheint das nicht zu stören – Wien hat auch 20 Jahre nach Ende des Kalten Kriegs seine Anziehungskraft für ausländische Geheimdienste nicht verloren.

„Österreich ist nach wie vor ein bedeutender Einsatzraum für fremde Nachrichtendienste und fungiert als logistischer Knotenpunkt“, heißt es nüchtern im aktuellen Bericht des österreichischen Verfassungsschutzes. „Die Zahl der an diplomatischen Vertretungen und Internationalen Organisationen stationierten Nachrichtendienstoffizieren bewegt sich international weiterhin auf einem überproportional hohen Niveau.“

Der Grazer Geheimdienstexperte Sigfried Beer schätzt ihre Zahl auf 2000 bis 3000. Es habe ihn nicht verwundert, dass Amerikaner und Russen Wien als Schauplatz für den Austausch ihrer Agenten gewählt haben, sagt der Historiker und Leiter des Österreichischen Zentrums für Geheimdienst, Propaganda und Sicherheitsstudien an der Universität Graz da: „Die großen Dienste leben in einer Tradition, und da hat sich seit dem Kalten Krieg garnicht so viel verändert: Viele der Leute, die damals sozialisiert wurden, sitzen immer noch am Ruder, denken Sie nur an Putin. Das alte Denken ist immer noch weit verbreitet.“

Gleichzeitig liegt Österreich geopolitisch immer noch günstig und hält trotz EU-Mitgliedschaft an seiner Neutralität fest, so ist Wien geblieben, was es seit dem 19. Jahrhundert war: ein dankbarer Ort für Transaktionen aller Art. Wien ist bereits unter den Habsburgern zu einem Zentrum der europäischen Spionage aufgestiegen. Freund wie Feind der Monarchie hätten in der Hauptstadt des Vielvölkerstaates versucht, ihre Interessen auch under Cover zu vertreten, sagt Geheimdienst-Forscher Beer, und viele von ihnen seien aus Sorge vor einer Restauration der Habsburger in der Zwischenkriegszeit zurückgekommen. Die Nazis observierten von hier aus Ost- und Südosteuropa, nach dem Krieg bauten die Alliierten Wien zur Hauptstadt der Geheimen aus. Nach ihrem Abzug sorgte Wiens Aufstieg zur dritten Uno-Stadt, dass die Spitzel kaum weniger wurden.

Der österreichische Experte Beer unterscheidet drei Gruppen: Geheimdienstleute, die offiziell bei Botschaften, Luftlinien oder große Konzerne arbeiten; daneben Informanten, die im Zeitalter digitaler Kommunikation jedoch an Bedeutung verloren hätten – und Agenten im klassischen Sinne, die nach einer Spezialausbildung auch fremde Identitäten annehmen oder als Schläfer eingeschleust würden. Menschen wie jene also, die gestern und vorgestern aus Russland und den USA am Flughafen Schwechat eingetroffen sein sollen.

Dass da 10 Spione der Russen gegen vier US-Agenten getauscht werden sollten, verrate einiges über die Bedeutung der Betroffenen, sagt Beer: „Die Spione der Amerikaner waren sicher wichtiger.“ Der Historiker vermutet, dass Offiziere des jeweils gegnerischen Dienstes die Agenten begleitet hätten und zumindest die österreichischen Geheimen, später wohl aber auch Innen- und Verteidigungsministerium, über die Aktion informiert gewesen seien. Anders wäre ein so reibungsloser Ablauf innerhalb von nur eineinhalb Stunden garnicht möglich gewesen. „Wir sind gute Kooperateure“, sagt Beer.

Der Austausch ist der Erste auf österreichischem Boden, von dem die Öffentlichkeit erfährt, und die vielleicht spektakulärste Geheimdienstoperation der jüngeren Vergangenheit, aber keineswegs das einzige Mal, dass Spitzel im Dienste fremder Staaten an der Donau für Aufsehen sorgen: Im Januar 2009 wurde ein tschetschenischer Flüchtling auf offener Straße erschossen, der österreichische Verfassungschutz hat inzwischen Ramsan Kadyrow, den Präsidenten der russischen Teilrepublik, als Drahtzieher für das Verbrechen identifiziert. Vergangenen Sommer beschäftigte sich ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss unter anderem mit den Manövern, mit denen der kasachische Geheimdienst den in Ungnade gefallenen Ex-Botschafter Rakhat Alijew zurückzubringen wollte.

Dazu gehörten der Innenministerin zufolge auch drei gescheiterte Versuche, Vertrauensleute Alijews zu entführen, sowie Bemühungen, über Parlamentarier an Informationen über den Kasachen zu kommen. Aber auch westliche Dienste gehen mitunter wenig zimperlich vor: 2004 sollen CIA-Männer eine nordkoreanische Bank in Wien laut „Kurier“ so auffällig observiert haben, dass die Staatspolizei die „Diplomaten“ bat, auszureisen. Vielmehr haben die ausländischen Spitzel offenbar nicht zu befürchten. „Wir sind ziemlich lax in der Ahndung von Spionage“, sagt Beer, „solange nicht zum Schaden Österreichs spioniert wird oder es sich wegen schwerer Verbrechen nicht mehr ignorieren lässt.“ Doch selbst dann, würden die Dinge in der Regel „sehr diplomatisch“ gehandhabt.

Neben Tradition, Neutralität, geographischer Lage und der Diskretion der Österreicher hat Spionage-Experte Beer aber noch einen weiteren Grund für die Beliebtheit Wiens bei den Geheimen ausgemacht: Sie würden einfach gerne in dieser Stadt leben, sagt er. So gerne sogar, dass nicht wenige als Rentner bleiben oder zurückkehren, „in nostalgischer Erinnerung an ihre Heldenzeiten“.

So viel jedoch dafür spricht, dass Wien ein Tummelplatz der Spitzeln bleibt, so fraglich ist es, ob sie in näherer Zukunft wieder angekündigt und mit solchem Getöse aus der Deckung kommen werden. Wer in die Stadt kommt, um etwas „Dritter Mann“-Atmosphäre zu erhaschen, wird also vermutlich weiterhin durch einen engen Schacht am Karlsplatz in den Kanal klettern müssen. Der hat sich seit Orson Welles vermutlich am wenigsten verändert.

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