Ägypten

"Das sind alles Mubarak-Männer"

Die ägyptische Feministin Nawal al-Saadawi glaubt: Die Überreste des Mubarak-Regimes sind in Ägypten noch an der Macht.

Nawal al-Saadawi (79) ist Ägyptens bekannteste Frauenrechtlerin. Die Ärztin und Schriftstellerin kämpft seit Jahrzehnten für die Menschenrechte, insbesondere die der Frauen. Für ihre Überzeugungen und ihre Texte saß sie im Gefängnis und lebte einige Jahre im Exil. Während des Aufstands in Ägypten war Nawal al-Saadawi jeden Tag am Tahrir-Platz in Kairo, um gegen das Mubarak-Regime zu demonstrieren.

Morgenpost Online: An der Protestbewegung, die zum Sturz Husni Mubaraks führte, waren Frauen und Männer aus allen Gesellschaftsschichten beteiligt, jung und alt. Haben Sie das erwartet?

Nawal al-Saadawi: Ich war darüber nicht überrascht, ebenso wie mich die Revolution selbst nicht überrascht hat. Ich war jeden Tag auf dem Tahrir-Platz und habe dort mit Jugendlichen gesprochen, auch mit Mitgliedern der Muslimbruderschaft. Die Revolution hat die Menschen zusammengebracht, aber es gibt viele, die diese Revolution beenden und unterdrücken wollen: das Verfassungskomitee, das vom Hohen Rat der Streitkräfte eingesetzt wurde, um die Verfassung zu ändern.

Morgenpost Online: Aber war das nicht eine der Forderungen der Demokratiebewegung, nämlich Verfassungsänderung?

Al-Saadawi: Nein, ich bin völlig gegen diese Komitee. Dieses Komitee verrät alle Grundsätze dieser Revolution.

Morgenpost Online: Warum?

Al-Saadawi: Weil dieses Komitee all die Mängel in sich trägt, die wir am alten Regime beklagt haben. Zum einen sitzen in diesem Komitee nur alte Männer, allesamt Juristen. Wir brauchen einen kompletten Umbruch des Systems. Die Männer des Militärrats sind alles Mubaraks Generäle. Zweitens müssen alle Menschen, die an der Revolution beteiligt waren, auch Frauen und Jugendliche, in einem solchen Komitee gleichberechtigt vertreten sein. Drittens reicht es nicht, allein Rechtsexperten in einem solchen Komitee sitzen zu haben. Es müssen Intellektuelle, Denker, Sozialwissenschaftler und Wirtschaftexperten beteiligt sein. Frauen, Jugendliche und Arbeiter müssen sich jetzt organisieren. Ich persönlich werde zuerst daran arbeiten, die ägyptische Frauen-Union zu gründen.

Morgenpost Online: Das Verfassungskomitee hat angekündigt, schon in wenigen Tagen die überarbeiteten sechs Artikel der Verfassung vorzulegen, und in zwei Monaten soll dann in einer Volksabstimmung darüber entschieden werden.

Al-Saadawi: Das ist absolut lächerlich. Die Überreste des Mubarak-Regimes sind immer noch an der Macht.

Morgenpost Online: Was bedeutet das für die Revolution, für Ägyptens politische Zukunft?

Al-Saadawi: Es ist sehr gefährlich. Premierminister Ahmed Shafiq und alle Minister sind Mubarak-Männer. Die Opposition, die traditionellen Parteien, egal ob links oder rechts, die Baradei-Gruppe, die Mussa-Gruppe sind alle Heuchler, Opportunisten.

Morgenpost Online: Es gibt Initiativen von Akademikern, die dem Militär Vorschläge für eine Übergangsregierung machen wollen, in der hauptsächlich Technokraten vertreten sein sollen.

Al-Saadawi: Ich bin völlig dagegen, wir wollen keine Technokraten, auch nicht für die Übergangszeit. Das gesamte Mubarak-Regime war gespickt mit Technokraten und Geschäftsmännern. Wir brauchen eine Regierung mit Intellektuellen, die Weitblick haben, politisch, wirtschaftlich, sozial und moralisch.

Morgenpost Online: Glauben Sie, dass es in sechs Monaten freie und faire Wahlen geben wird, wie von der Protestbewegung gefordert?

Al-Saadawi: Ganz und gar nicht. Der Anfang lässt sich schon sehr schlecht an. Dieser Verfassungsrat wird uns eine Verfassung schneidern, die hauptsächlich islamisch ausgerichtet sein wird. Sie werden zum Beispiel Artikel 2 der Verfassung beibehalten, der festlegt, dass der Islam Staatsreligion ist.

Morgenpost Online: Sie fordern, dass er aufgehoben wird?

Al-Saadawi: Auf jeden Fall. Alle Artikel, die sich auf die Scharia berufen oder an sie anlehnen, sollten entfernt werden. Die Verfassung sollte 100 Prozent säkular sein. Tarek al-Bischri, Vorsitzender des Verfassungsrats, gilt als islamischer Reformdenker. Mit ihm sind solche Änderungen sicherlich nicht vorstellbar. Deshalb glaube ich, dass die Revolution unterdrückt werden soll. Wir dürfen das nicht stillschweigend hinnehmen.

Morgenpost Online: Sind die angestrebten Änderungen in der Verfassung nicht immerhin ein guter Start?

Al-Saadawi: Sie ändern die Artikel, die zum Beispiel die Amtszeit des Präsidenten festlegen. Sie beschäftigen sich mit oberflächlichen politischen Dingen. Aber die Ungerechtigkeiten der Verfassung, egal ob in Bezug auf Frauen oder Christen, werden nicht geändert. Artikel 2 der Verfassung bedeutet Diskriminierung gegenüber Christen. Wenn das Familienrecht nicht säkular ist, wenn Polygamie, die sexuelle Promiskuität der Männer im Namen der Religion und die Herrschaft der Männer in der Familie nicht abgeschafft werden, was werden wir verändert haben? Die Kultur, die Normen und die Moral müssen sich ändern. Und wer soll das nun tun – Tarek al-Bischri? Es gibt nicht eine einzige Frau in diesem Verfassungsrat.

Morgenpost Online: Was genau muss in der Verfassung geändert werden, um die Rechte der Frauen zu stärken?

Al-Saadawi: Die gesamte Verfassung muss geändert werden, um die Vorherrschaft des Mannes zu beenden. Sie sollte nicht patriarchalisch, nicht kapitalistisch sein. Wir brauchen eine Verfassung, die auf Gerechtigkeit basiert. Wir haben auf den Straßen für Gerechtigkeit, Würde und Freiheit geweint. Wo sind diese Prinzipien der Revolution? Sie verschwinden.

Morgenpost Online: Sie haben einmal gesagt, dass jeder korrumpiert wird, der im jetzigen System Präsident wird, egal, wie gut seine Absichten sind.

Al-Saadawi: Das stimmt. Sogar ein Engel wird durch absolute Macht korrumpiert. Absolut jeder. Deshalb wollen wir ein demokratisches System mit einem Parlament, das den Präsidenten und die Minister kontrolliert.

Morgenpost Online: Das ganze System muss umgekrempelt werden?

Al-Saadawi: Die Regierung, der Premierminister und die Minister sollten die ausführende Gewalt sein, und es sollte eine Trennung zwischen der ausführenden Gewalt und der Judikative geben. All das muss in der Verfassung festgehalten werden, und es sollten die jungen, ehrlichen Menschen der Revolution sein, die an dieser Verfassung mitarbeiten.

Morgenpost Online: Würde es nicht viel zu lange dauern, jetzt schon die gesamte Verfassung zu ändern?

Al-Saadawi: Es braucht natürlich Zeit, aber warum haben wir es so eilig? Die Revolution muss jetzt beginnen.