Missbrauchsskandal

Kirche will bis Sommer erste Opfer entschädigen

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Foto: picture-alliance / Uwe S. Mesche

Die katholische Kirche hat einen Entschädigungsplan für Missbrauchsopfer an ihren Einrichtungen vorgelegt. Betroffenen sollen demnach bis zu 5000 Euro gezahlt werden.

Die Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs in Deutschland tritt in ihre schwierigste Phase: Es geht ums Geld und um Gesetze. Am Mittwoch tagte im Rahmen des von der Bundesregierung eingesetzten Runden Tisches die Arbeitsgruppe, die sich mit finanziellen Hilfen und Rechtsfragen befasst. Während bei Letzteren an den Staat Forderungen nach längeren Verjährungsfristen im Straf- und Zivilrecht sowie nach einer Ausweitung des Opferentschädigungsgesetzes erhoben werden, richtet sich die Aufmerksamkeit beim Geld auf Kirchen und Vereine, in denen Missbrauch begangen wurde. Konkret geht es um Wiedergutmachungszahlungen an die Opfer der meist längst verjährten Verbrechen, um Therapiekosten sowie das Geld für Mittel zur künftigen Verhinderung des Missbrauchs.

Hierzu hat die katholische Kirche als am stärksten betroffene Institution auf der Sitzung am Mittwoch einen Plan für ihren eigenen Bereich vorgelegt. Sie will erstens einen Präventionsfonds mit 500.000 Euro einrichten, der die Vorbeugung gegen Kindesmissbrauch „innerhalb und außerhalb der katholischen Kirche“ ermöglichen soll. Zweitens sollen den Opfern die Kosten für Einzeltherapien von bis zu 50 Stunden Dauer sowie für Paartherapien von bis zu 25 Stunden Dauer erstattet werden, „sofern die Krankenkasse oder ein anderer Träger diese nicht übernimmt“.

Drittens soll laut dem Plan der Deutschen Bischofskonferenz „eine materielle Leistung“ erbracht werden, wenn Opfer dies wünschen und „wegen der eingetretenen Verjährung kein durchsetzbarer Anspruch auf Schadensersatz und Schmerzensgeld besteht“. An sich zwar soll diese Entschädigung „der Täter persönlich erbringen“. Wenn von dem aber nichts kommt, soll die Kirche „bis zu einem Betrag von 5000 Euro“ einstehen. Voraussetzung für alle Zahlungen, die vom 10. März an möglich sein sollen, ist eine eidesstattliche Erklärung des Opfers zu Täter sowie Ort und Zeit des Missbrauchs, die dann durch eine zentrale Koordinierungsstelle geprüft wird.

Mit der Zahlungsbereitschaft „bis zu einem Betrag von 5000 Euro“ bleibt die Kirche unter dem Angebot des Jesuitenordens, der pauschal 5000 Euro versprochen hatte. Zu niedrig findet beides die FDP. Ihr parlamentarischer Fraktionsgeschäftsführer im Bundestag, Christian Ahrendt, sagte der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, er halte einen Spielraum bis „mindestens“ 25.000 Euro für angemessen. Als „Unverschämtheit“ bezeichnete der Sprecher der Opfer-Gruppe „Eckiger Tisch“ das Angebot der Katholiken. Es sei „schäbig, wie die reichste Kirche der Welt versucht, sich aus der Affäre zu ziehen“, sagte Matthias Katsch der „Frankfurter Rundschau“.

Indes ist die katholische Kirche bislang die einzige betroffene Institution, die überhaupt einen derart konkreten Plan vorgelegt hat. Zudem sind die Bischöfe bereit, ihre Lösung in einen Gesamtfonds des Staates und aller Institutionen mit einheitlichen Standards und Zahlungszusagen zu überführen. Einen solchen Gesamtfonds nach dem Muster der Entschädigungen für die in den 50er- und 60er-Jahren misshandelten Heimkinder fordert die unabhängige Beauftragte der Bundesregierung zum Thema Missbrauch, Christine Bergmann. Doch weil ein solcher Fonds umstritten ist, hat die katholische Kirche nun ihren eigenen Plan vorgelegt, der zumal bei Therapien sofort umgesetzt werden könne.

Bergmann mahnte nach der Arbeitsgruppensitzung zur Nüchternheit bei Entschädigungszahlen: „Es wäre fatal, wenn wir jetzt falsche, unrealistische Erwartungen wecken.“ Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) kündigte an, für das Ausloten des konkreten finanziellen Rahmens werde eine eigene Arbeitsgruppe gegründet, die noch im März zusammenkommen soll. Den katholischen Plan begrüßten sowohl Bergmann als auch Leutheusser-Schnarrenberger. Die Ministerin sprach von einem „guten und sehr zu diskutierenden Vorschlag“, warb aber weiter für den gemeinsamen Fonds: „Man kann das eine tun, sollte aber auch das Gemeinsame nicht lassen.“

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