Plagiatsvorwurf

Guttenberg kann sich den Titel nicht selbst entziehen

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Noch immer gibt es keine festen Regeln für Dissertationen. Doch erfahrene Hochschullehrer müssen erkennen, wenn Doktorarbeiten aus dem Ruder laufen.

Was Karl-Theodor zu Guttenberg nun vorgenommen hat, ist ein taktisches Manöver, das in der Sprache seines Hauses Frontbegradigung heißt. Niemand ist verpflichtet, den wohlerworbenen Doktorgrad auch zu führen. Er ist allerdings, einmal erworben, Bestandteil des Namens und begleitet den Träger wie sein Schatten. In einem Wort, es ist nicht ganz einfach, den Doktorgrad, schafft er Verdruss, wieder loszuwerden ohne noch größeren Verdruss. Am einfachsten ist es noch, zwischen der Fakultät und ihrem in Bedrängnis geratenen Doktor ein Gentlemen’s agreement zu finden. Denn keine Universität hat ein Interesse daran, nachhaltig ins Gerede zu kommen.

Schon als der Staatsminister Dr. von Goethe den Doktor Faustus auf die Bühne hob, sorgte der Doktorgrad vor dem Namen, wie und wo auch immer erworben, in deutschen Landen für Ansehen. Auch Werbeanzeigen selbst in seriösen Zeitungen, die schon mal einen Discount-Doktor aus fernen Landen anbieten, die Dienste eines Ghostwriters oder sonstige diskrete Beschaffungsmaßnahmen beweisen nur, dass der Herr Doktor noch immer höher rangiert als der Herr ohne Doktor. Das gilt zumindest für Deutschland und die Republik Österreich, auch für Italien.

Eigentlich ist der Doktorgrad nicht wichtig für das praktische Leben, es sei denn für den Weg zum ordentlichen öffentlichen Hochschulprofessor. Und natürlich – bedeutsamer noch als der weiße Kittel – für Autorität und Heilerfolg des Herrn Doktor oder der Frau Doktor. Beide bestehen deshalb auf dem Zusatz „med“, so wie die Absolventen altehrwürdiger Technischer Hochschulen auf dem Dr. Ing. Und dann gibt es den Dr. honoris causa, der hierzulande an strenge wissenschaftliche Anforderungen geknüpft ist, in einigen Bundesländern mehr, in anderen weniger.

Der Volksmund weiß, es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Akademische Doktorarbeiten sind von Fach zu Fach unterschiedlich, von Fakultät zu Fakultät, vom reformdeutschen Fachbereich zum neuhochdeutschen Department, vom Doktorvater zur Doktormutter. Manche Dissertationen sind eindrucksvoller als andere. Manche kommen elegant und gehaltvoll daher, manche brauchen Hunderte von Seiten, um zum Punkt zu kommen und sind eine Heimsuchung für akademische Prüfer. Andere erinnern an dass Bohren dünner Bretter. Es gibt in den Satzungen, was den Umfang betrifft, weder Minimum noch Maximum. 450 Seiten liegen nahe an der oberen Grenze des Zumutbaren. Akademische Tradition, Selbstachtung aller Beteiligten und praktische Vernunft haben da noch immer einen Platz.

Für Dissertationen gibt es bis heute wenig feste Regeln

Die Zeiten sind vorbei, da Brauseköpfe von Karl Marx bis Max Weber nach wenigen Semestern ihre Dissertation präsentierten und nach Doktorprüfung und Doktorschmaus davonkamen. Doch noch immer gibt es wenig feste Regeln. Das Doktorwerden ist in dem verschulten Hochschulsystem von heute noch Raum halbfreier Gestaltung und erfordert deshalb einen gewissen Unternehmungsgeist. Man muss sich schon selbst motivieren, nach der Regelstudienzeit von acht oder mehr Semestern noch weiter im Zustand des Scholaren zu existieren. Die Generation Praktikum braucht nicht nur Geld, um zu überleben – manchmal hilft auch ein Doktorandenstipendium oder ein bezahlter ganzer oder halber Arbeitsplatz beim Max Planck-Institut, vor allem aber eine tragfähige Idee.

Heute, anders als früher, empfiehlt es sich, mit einem guten ersten Studienabschluss an die Tür des erwünschten Doktorvaters zu klopfen. Da müssen Doktorvater und Doktorsohn respektive Doktortochter einander finden. Das ist im Massenbetrieb nicht einfach. Kleine Universitäten mit interessanten Orchideenfächern neigen weniger zur fabrikmäßigen Herstellung von Doktoranden als große. Ein werdender Doktorvater verlangt erst einmal ein Exposé, und darin erwartet er eine Leitfrage.

Denn noch immer gilt, dass die Dissertation Neuland erschließen muss, entweder in der Sache oder in der Methode. Nur den Stand der Dinge zusammenschreiben, reicht nicht. Wohl aber muss der Doktorand den Stand der Wissenschaft darlegen – und dann Ort und Richtung seines eigenen Bemühens. Da wird zitiert, paraphrasiert, argumentiert – und fleißig belegt, woher die ganze Weisheit stammt, entweder als Zitat oder in indirekter Rede. Das erfordern der Comment, die wissenschaftliche Redlichkeit, aber auch die Ehrlichkeit. Denn Wissenschaftler, jung oder alt, müssen wissen, dass sie auf den Schultern anderer stehen.

Hochschullehrern müssen Ungereimtheiten auffallen

Was nun die Originalität des Produkts angeht, so gibt es dafür kein vorgeschrieben Maß und Gewicht. Doch gibt es akademische checks and balances. Zuerst der Doktorvater. Der sollte seine Pappenheimer kennen, am besten, wenn sie im Oberseminar auseinander genommen werden von den Kommilitonen. Dann der Koreferent beim Gutachten. Und endlich die ganze Fakultät, deren Mitglieder eingeladen sind, in Monatsfrist das im Dekanat ausliegende Manuskript zu prüfen – was selten geschieht, schon aus praktischen Gründen. So ist es überall, so ist es auch in Bayreuth. Ein erfahrener Hochschullehrer muss die Warnzeichen sehen, wenn die Leitfragen im verbalem Bombast untergehen, wenn eine Dissertation Jahr um Jahr nicht fertig wird oder wenn deutliche Brüche der Argumentation und des Stils zu erkennen sind: Das schärfte auch schon zu Zeiten, da die elektronische Inquisition noch nicht erfunden war, den Verstand.

Der Minister zu Guttenberg ist zu klug, diese Regeln nicht zu kennen. Frontbegradigung ist ratsam, ob militärisch oder zivil, wenn eine vorgeschobene Stellung nicht mehr zu halten ist. Es hat in deutschen Landen schon früher fragwürdige Dissertationen gegeben, die meisten blieben unaufgeräumt. Öffentlichen Skandal gibt es nur, wo ein großer Name, eine schöne Frau oder ein Würdenträger der Republik im Spiel ist. Zahllos sind mittlerweile wahrscheinlich die akademischen Grade, die dem Internet mehr als dem Genie zu verdanken sind.

In dieser Causa hat niemand eine gute Figur gemacht. Schadensbegrenzung ist angesagt. Nach aller Erfahrung wird auch die Universität Bayreuth das nicht anders sehen.

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