Terrornetzwerk

Al-Qaida rät Ägyptern zum Gottesstaat

Al-Qaida bricht sein Schweigen zu den arabischen Revolutionen: Bin Ladens Stellvertreter rät Ägyptern in einer Tonbandnachricht zum islamistischen Gottesstaat.

Foto: Flade

Zum ersten Mal seit Beginn der Protestwelle in Nordafrika, hat sich die Führungsspitze des Terrornetzwerkes al-Qaida zu den politischen Unruhen zu Wort gemeldet. Die Medienabteilung "As-Sahab Media" der Terrororganisation veröffentlichte eine Tonbandbotschaft des Al-Qaida-Vize-Chefs Dr. Ayman al-Zawahiri. Die 35-minütige Aufnahme, die „Morgenpost Online“ vorliegt, wurde auf einschlägigen Internetseiten veröffentlicht und gilt als authentisch. Sie trägt den Titel: "Botschaft der Hoffnung an das ägyptische Volk".

Zawahiri erklärt in der Tonbandbotschaft, in Ägypten herrsche ein vom Islam abgewandtes, korruptes Regime. Einzig der islamische Staat sei eine bessere Alternative für die Ägypter. "Die ägyptische Regierung herrscht über ihr Volk mit unterdrückerischen Kräften und gefälschten Wahlen, korrupten Medien und ungerechten Gesetzen", so der ägyptische Terrorist.

"Ein unterdrücktes Regime"

"Ägyptens aktueller Staat ist einer, der sich vom Islam abgewendet hat (...) voller Korruption, Unmoral, Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Abhängigkeit", so der Al-Qaida-Vize. "Die Verfassung des Regimes in Ägypten behauptet demokratisch zu sein. Aber die Wahrheit ist, dass es ein unterdrückendes Regime ist."

Ägypten sei ein Staat, der "durch die Speere und Kanonen der Besatzer und angeführt geführt, mit der Peitsche und den Gefängnissen ihrer Agenten", erklärt Zawahiri. "Im Gegensatz dazu, basiert ein islamisches Regime auf der Gleichheit zwischen Muslimen, der Zusammengehörigkeit ihrer Heimatländer, im Schatten des Kalifats."

"Ägypten ist ein autoritäres System"

An einer Stelle der als Video veröffentlichen Audiobotschaft erscheint eine Tabelle mit einer Gegenüberstellung des ägyptischen Systems und der von al-Qaida angestrebte Gottesstaat-Vorstellung. Ägypten sei ein säkulares System, während ein islamischer Staat ein "göttliches System" sei, in dem eine Shura, ein Gelehrtenzirkel mit der Sharia-Rechtssprechung über die Ummah richtet. Zudem sei Ägypten ein "autoritäres System, basierend auf einem Nationalstaat, der den Plan von Sykes-Picot umsetzt".

Das Sykes-Picot-Abkommen vom 16. Mai 1916 war eine geheime Übereinkunft zwischen Großbritanniens und Frankreichs. Sie legte die Einflussgebiete beider Staaten im Nahen Osten nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches fest.

Die Botschaft von Dr.Ayman al-Zawahiri wurde offenbar bereits vor dem endgültigen Rücktritt des ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak aufgezeichnet. Es finden sich keinerlei Hinweise darauf, dass sie nach dem 11.Februar entstanden ist.

Protestwelle in Ägypten befeuern

Nach „Morgenpost Online“-Informationen wurde das Video am 15. Februar fertig gestellt, die Tonbandaufzeichnung von Zawahiri dürfte noch weiter zurückliegen. Der Inhalt lässt darauf deuten, dass al-Qaida plante, mit der Botschaft des Bin Laden Stellvertreters die Protestwelle in Ägypten zu befeuern, und möglicherweise religiöse Kräfte zu mobilisieren.

Angeblich handelt es sich bei der aktuellen Aufnahme um den ersten Teil einer Serie, die eventuell von al-Qaida nach dem Sturz des tunesischen Präsidenten Ben Ali produziert wurde, um in Ägypten einen ähnlichen Volksaufstand auszulösen.

Ayman al-Zawahiri, der Ende der 1990er Jahre zusammen mit dem saudischen Milliardärssohn Osama Bin Laden das Terrornetzwerk al-Qaida gründete, wurde 1951 im Kairoer Stadtviertel Maadi geboren. Er entstammt einer Ärzte und Diplomatenfamilie und studierte Medizin. Als Student entwickelte sich Zawahiri zu einem politischen Aktivisten und wurde Mitglied einer islamistischen Untergrundzelle des Dschihad al-Islami, der in den 1970er Jahren den Sturz des ägyptischen Regimes plante.

Nummer zwei des Terrornetzwerks

Als im Februar 1981 der damalige ägyptische Machthaber Anwar Sadat von islamistischen Attentätern erschossen wurde, inhaftierten ägyptische Sicherheitskräfte Zawahiri und weitere religiöse Oppositionelle. In der anschließenden dreijährigen Haft, erlebte Zawahiri angeblich am eigenen Leib schwere Folter.

Nach seiner Haftentlassung reiste der Ägypter über Saudi-Arabien nach Pakistan, wo er als Arzt in den Flüchtlingslagern an der afghanischen Grenze tätig war. Dort lernte er Osama Bin Laden kennen, zu dessen Leibarzt er wurde und mit dem er später al-Qaida gründete.

Zawahiri gilt heute als Nr.2 des Terrornetzwerks und ist einer der meistgesuchten Terroristen der Welt. Auf den ägyptischen Terrorführer haben die USA ein Kopfgeld in Höhe von 25 Millionen US-Dollar ausgesetzt. Geheimdienste vermuten ihn in der afghanisch-pakistanischen Grenzregion.