Spanien-Reise

Schwule wollen den Papst mit Kussorgien abschrecken

Vor tausenden Gläubigen wird Benedikt XVI. in Barcelona predigen. Doch viele Katalanen halten wenig von seiner Visite.

Foto: dpa

Ana Fernández ist wütend. “Ich kann kaum einkaufen gehen, alles ist abgeriegelt, überall im Viertel sind Polizisten und obendrein noch mehr Touristen als sonst“. Die 46-jährige Hausfrau weiß, wovon sie spricht. Sie lebt in unmittelbarer Nähe zu Barcelonas emblematischstem Bauwerk, der Sagrada Familia, das ganzjährig Tag für Tag Tausende von Besuchern anzieht. Genau dort, in der unvollendeten Kirche des genialen Architekten Antoni Gaudí, wird Papst Benedikt XVI. am Sonntag morgen eine Messe abhalten.

Es wird die erste Messe in diesem unvollendeten Jahrhundertbauwerk sein, mindestens 10.000 Gläubige werden erwartet. Die Vorbereitungen für das Zeremoniell laufen schon seit Wochen auf Hochtouren, der Papst wird zu Beginn der Messe sogar ein paar Worte in Katalanisch, dem Landesidiom sagen. Doch nicht alle Katalanen sind deshalb euphorisch, seit einigen Tagen verkehren Busse mit der Aufschrift „Jo no t’espero“ (ich warte nicht auf dich) auf den Strassen Kataloniens.

Tatsächlich sind 1,5 Millionen Katalanen Atheisten und betrachten den Papstbesuch als Verschwendung öffentlicher Gelder. Bereits im Vorfeld gab es eine Demo von Linkskollektiven und Bürgervereinigungen gegen den Papstbesuch, 3000 Personen trafen sich auf der Plaza San Jaume zur „Verteidigung des laizistischen Spaniens“. Und für den Tag des Papst-Besuchs haben Barcelonas Homosexuelle zu demonstrativen Kussorgien vor den Toren der Kathedrale a aufgerufen.

Doch das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die katholische Kirche auf der Iberischen Halbinsel noch immer eine mächtige Position inne hat, vor allem in Zentralspanien. 87,8 Prozent aller Spanier sind laut Geburtsurkunde katholisch, nur in Polen und Italien ist der Anteil der Katholiken noch höher. Die Kirche und die konfessionellen Schulen werden vom Staat jährlich mit drei Mrd. Euro gefördert.

Das ändert aber nichts daran, dass die Kirchenführung immer wieder gegen die gesellschaftlichen Reformen der sozialistischen Regierung von José Luis Rodríguez Zapatero mobil macht. Besonders seine 2006 eingeführte Blitzscheidung, die Homoeehe oder das inzwischen gelockerte Abtreibungsrecht sind den Kardinälen und Bischöfen ein Dorn im Auge. Bei ihrem Feldzug gegen die „seelenlosen Sozialisten“ wird die Kirche von Laienorganisationen wie Opus Dei oder den sogenannten „Legionäre Christis“ unterstützt, die es zusammen auf eine halbe Million Mitglieder bringen.

Immer wieder greift der Klerus auf aufsehenerregende Kampagnen zurück. „Was ist der Unterschied zwischen einem Luchs und einem Kind? Der Luchs steht unter Schutz“, mit diesem Slogan protestierte die Kirche letztes Jahr gegen die Lockerung der Fristenregelung bei der Abtreibung. „Von der spanischen Regierung trennt uns ihre Einstellung zur Familie und zum Schutz des ungeborenen Lebens“ stellte auch Federico Lombardi, Sprecher des Heiligen Stuhls in einem Interview mit der Tageszeitung „El País“ klar. Kein Wunder, dass es Zapatero vorzieht, den Papst nur kurz zu treffen, am Flughafen nach dem Besuch, wenn Benedikt wieder die Heimreise antritt.

Doch das ändert nichts daran, dass der Deutsche wie viele seiner Landsleute Spanien als Lieblingsland für seine Reisen auserkoren hat. Er will die Spanier zu ihren christlichen Wurzeln zurückführen. Mit Besorgnis dürfte der Papst auch zur Kenntnis nehmen, dass nur noch vierzehn Prozent aller Katholiken sonntags tatsächlich noch in die Kirche gehen. Hinzu kommen die gewaltigen Nachwuchsprobleme der Kirche. Fast die Hälfte der Pfarrer in Spanien ist schon jetzt 63 Jahre oder älter. Von den 23.000 Pfarreien des Landes sind nur 18.000 tatsächlich mit einem Pfarrer bestückt, oftmals teilen sich zwei oder mehrere Gemeinden einen Geistlichen.

Doch zumindest heute will sich der Papst keine Gedanken um die Zukunft der spanischen Amtskirche machen. Zum Auftakt der Spanienreise weilt er in Santiago de Compostela, einem Ort, der auf Benedikt schon immer eine „große Faszination“ ausübte, wie Lombardi es beschrieb. Santiago ist der Endpunkt des berühmten Jakobswegs, dieses Jahr feiert man dort schon wieder ein jakobinisches Jahr. Das findet immer dann statt, wenn der Namenstag des Heiligen auf einen Sonntag fällt.

„Der Papstbesuch bringt uns mehr Besucher als die Rolling Stones“ freute sich schon Santiagos Bürgermeister Xosé Sánchez, der mit 200.000 zusätzlichen Gästen für seine Weltkulturerbestadt rechnet. Der Papstbesuch, so der Stadtobere, rechnet sich dank der Zusatzeinnahmen auf jeden Fall. Benedikt dürften solche Gedankenspiele fremd sein. Er hat Spanien bereits für neue Missionen auserkoren, für August nächsten Jahres bereits ist die nächste Reise auf die Iberische Halbinsel geplant. Dann geht es nach Madrid, wo der Papst dem Weltjugendtag beiwohnen will.

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