Attentat in Baghlan

Afghane tötet Bundeswehr-Soldaten im eigenen Lager

Ein Einheimischer hat in Afghanistan zwei Bundeswehr-Soldaten erschossen. Guttenberg warnt davor, die Zusammenarbeit mit den Afghanen in Frage zu stellen.

Es war so ruhig geworden in letzter Zeit. In wochenlangen harten Gefechten hatte es Soldaten der Internationalen Afghanistan-Schutztruppe Isaf seit Herbst 2010 geschafft, die Taliban aus vielen Dörfern der Unruheregion Baghlan zu vertreiben. Sogar einheimische Kräfte kämpften an ihrer Seite mit.

Am Morgen des 18. Februar kam der Rückschlag: Im deutschen Beobachtungsposten „OP North“ starben ein 30-jähriger Hauptfeldwebel und ein 22-jähriger Stabsgefreiter aus Bayern, als ein afghanischer Soldat mit einer Maschinenpistole um sich schoss. Vier deutsche Soldaten wurden bei dem Angriff schwer verwundet, einige von ihnen lebensgefährlich. Das bestätigte die Bundeswehr. Vier weitere Kameraden erlitten leichte Verletzungen. Der Täter wurde bei dem Schusswechsel getötet. Der 30-Jährige erlag kurze Zeit später seinen Verletzungen. Die Verwundeten wurden inzwischen mit Rettungshubschraubern zur Behandlung nach Kundus und Masar-i-Scharif ausgeflogen.


Damit kamen seit Beginn des Afghanistan-Einsatzes vor rund neun Jahren bereits 47 deutsche Soldaten ums Leben. 28 von ihnen starben im Gefecht oder bei Anschlägen. Der jüngste Zwischenfall ereignete sich nur einen Tag, nachdem Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) bei seinem Blitzbesuch auf eben diesem gefährlichsten Stützpunkt der Bundeswehr in Afghanistan übernachtet hatte.

Der Schütze eröffnete am Freitag gegen 12 Uhr Ortszeit (8.30 Uhr mitteleuropäischer Zeit) völlig überraschend und aus kurzer Distanz das Feuer auf eine Gruppe deutscher Soldaten, die gerade mit Wartungsarbeiten an einem Fahrzeug beschäftigt waren. Wie General Rainer Glatz, der Leiter des Einsatzführungskommandos in Potsdam, bestätigte, gehörte der Täter definitiv der afghanischen Nationalarmee ANA an, die nach dem „Partnering“-Konzept der Isaf im laufenden Gefechtsbetrieb – Schulter an Schulter – trainiert werden. Die Soldaten des Kandaks (Bataillon), das zum Tatzeitpunkt zur Außensicherung des Postens zuständig war, seien inzwischen ausgewechselt worden, sagte Glatz.

Die Deutschen haben im vergangenen Jahr zwei Ausbildungs- und Schutzbataillone aufgestellt, in denen das „Partnering“ praktiziert wird. Das eine, die Task Force Masar-i-Scharif, ist größtenteils auf dem „OP North“ eingesetzt. Obwohl viele das Zusammenspiel von Einheimischen, teils auch rückkehrwilligen Taliban, und eigenen Kräften als risikoreich ansehen, hatten die Deutschen bisher keine schwerwiegenden Probleme. Eher lobten die Verantwortlichen den Mut und den Einsatzwillen ihrer Partner. Bei anderen Verbündeten, etwa US-Truppen im Süden, kam es schon vor, dass ein Afghane auf amerikanische Ausbilder schoss.

Guttenberg: "Miteinander birgt Risiken"

Nun habe ein solcher Vorfall erstmals auch zu deutschen Opfern geführt, sagte Guttenberg am Abend. Dieses tragische Ereignis dürfe aber nicht dazu führen, dass die Zusammenarbeit mit der afghanischen Armee eingeschränkt werde, sagte der Minister. Wer die Zusammenarbeit infrage stelle, spiele dem Gegner in die Hände. Die Kooperation mit den afghanischen Soldaten sei bisher erfolgreich gewesen. „Allerdings birgt dieses Miteinander auch Risiken.“

Auch der Sprecher der Internationalen Schutztruppe, Josef Blotz, warnte davor, aus solchen Vorfällen den Schluss zu ziehen, alle Afghanen seien unzuverlässig. „Man weiß nie, ob sich nicht ein Krimineller eine ANA-Uniform besorgt hat“, sagte der deutsche Brigadegeneral „Morgenpost Online“.

Für den Grundsatz des „Partnering“ habe der jüngste Zwischenfall keine Konsequenzen. „Gerade deswegen, weil wir keine andere Wahl haben, als die afghanischen Soldaten und Polizisten zahlenmäßig so aufzubauen, dass sie bis Ende 2014 selbst die Verantwortung für die Sicherheit in ihrem Land übernehmen könnten.“

Trotzdem müsse sich die Isaf intensiv der Frage widmen: „Wie stellen wir sicher, dass wir auch die richtigen Leute mit an Bord nehmen?“ Eine wichtige Stellschraube sei die biometrische Erfassung und die genaue sonstige Überprüfung von Soldaten, die sich schon erheblich verbessert habe. „An dieser Schraube kann und muss man drehen, eventuell auch an der Ausbildung.“

Soldaten reagieren mit Unverständnis auf Bundeswehr-Debatten

Derzeit sind in Nordafghanistan mehr als 5000 deutsche Soldaten stationiert. Ende 2011 soll – so steht es im neuen Mandat des Bundestags – mit dem Abzug begonnen werden. Dieser Termin steht unter dem Vorbehalt, dass die Bedingungen dies auch tatsächlich zuließen. „Allerdings ist das Ziel bei Weitem noch nicht erreicht“, sagte Guttenberg nun. Der Isaf-Oberbefehlshaber, US-General Petraeus, hatte erst vor wenigen Tagen vor einem Aufflammen der Gewalt in Afghanistan gewarnt.

Vor dem Hintergrund der täglichen Bedrohung nehmen viele deutschen Soldaten, die derzeit am Hindukusch ihren Dienst tun, die diversen Bundeswehr-Debatten in der Heimat mit Unverständnis auf. Das gilt für Berichte über geöffnete Feldpost, für Spekulationen über Schikane an Bord der „Gorch Fock“ sowie über die Plagiatsvorwürfe gegen Guttenberg. „Ich bin wirklich nicht sehr glücklich, dass diese sogenannten Affären überschattet haben, wie gut unsere Soldaten und die zivilen Mitarbeiter hier ihren Job machen“, sagte Generalmajor Hans-Werner Fritz, Regionalkommandeur der rund 11.000 Isaf-Soldaten in Nordafghanistan, „Morgenpost Online“.

Was passiert sei, sei nicht in Ordnung, die Bundeswehr kümmere sich darum. Man solle aber nie vergessen, „was auf der anderen Seite geleistet wird“, so Fritz. „Unter welch harten Bedingungen unsere Leute hier einen parlamentarischen Auftrag ausführen. Das machen sie verdammt gut.“