Massendemonstration

"Flash-Mob" im Iran macht das Mullah-Regime nervös

Vorbild Ägypten und Tunesien: Im Iran demonstrieren Menschen gegen den geistlichen Führer Ali Chamenei. Das Regime greift hart durch.

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Im Iran sind Sicherheitskräfte mit Tränengas gegen Demonstranten vorgegangen. US-Außenministerin Hillary Clinton hat die Vorgänge verurteilt.

Video: Reuters
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Teheran am Montagabend – es sind Szenen, die an die Proteste nach der gefälschten Präsidentenwahl von 2009 erinnern. Aber sie sind härter, denn beide Seiten wissen, womit sie zu rechnen haben. Die jungen Demonstranten rufen Slogans gegen den geistlichen Führer Ali Chamenei, die direkt an die erfolgreichen Umstürze in Ägypten und Tunesien anknüpfen – etwa: „Mubarak, Ben Ali und jetzt unser Herr Ali!“ Und sie haben Straßensperren errichtet: Brennende Autoreifen und Feuer in metallenen Müllkörben sollen die Einsatzkräfte des Regimes aufhalten. Sie halten eilig geschriebene Pappschilder hoch mit Aufschriften wie: „Chamenei ist ein Mörder! Seine Herrschaft ist illegal und wir erkennen sie nicht mehr an!“ Wenn es nach dem Regime in Teheran ginge, dann wären diese Bilder im Westen nie zu sehen. Doch eine Kontaktperson in Teheran hat sie „Morgenpost Online“ zugespielt. So wird die Entschlossenheit des Protestes sichtbar – und die Gewalt, die ihm begegnet.

Doch die brennenden Blockaden nützen nichts: Kurze Zeit später rast eine ganze Armee von Motorrädern an, darauf Bassidsch, regimetreue Milizen, die für ihre Brutalität gegen Demonstranten berüchtigt sind. Auf jedem Fahrzeug sitzen zwei Mann, einer lenkt, einer drischt mit einer Eisenstange um sich – und nach Videoaufnahmen, die „Morgenpost Online“ vorliegen, sind es bemerkenswert viele Bassidsch, die da im Einsatz sind: Der langgezogene Schwarm von Motorrädern, der durch die enge Straße im Teheraner Zentrum braust, reißt kaum mehr ab. Haben die Bilder aus Ägypten und Tunesien die Mullahs nervös gemacht?

Die Demonstrationen wurden organisiert wie ein „Flash-Mob“ – bei dieser Art der internet-gestützten Aktion verabreden sich Teilnehmer online an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Tat. Sie reisen unerkannt an, beginnen plötzlich ihre Aktion und verschwinden unerkannt wieder in verschiedene Richtungen. Eine Verabredung, die für Montag im Internet kursierte, lautete: um 15.00 Uhr in der Teheraner Innenstadt. „Dann, auf dem Enghelab-Platz im Zentrum, rief eine junge Frau plötzlich: ,Allahu Akbar! Allahu Akbar!‘ und obwohl ,Gott ist groß‘ eine religiöse Formel ist, wusste jeder, dass es als Schlachtruf gegen die Mullahs gemeint war“, erzählt ein junger Oppositioneller, der dabei war. Schlagartig hätten immer mehr Menschen sich den Rufen angeschlossen und dann, so der junge Mann, schienen plötzlich überall in der Innenstadt Menschen zu protestieren.

Auf bis zu 100.000 Menschen schätzen Oppositionelle die Zahl der Teilnehmer. Aber niemand weiß, ob das nicht eine Übertreibung ist, die dem eigenen Lager Mut machen soll. Nachrichtenagenturen sprechen vage von „Tausenden“. Sicher ist hingegen, dass die Gegenwehr des Regimes massiv war: Einsatzkräfte schossen Tränengasgranaten in die Menge und wie ein Augenzeuge „Morgenpost Online“ berichtete, wurde auch mit Gummi ummantelte Stahlmunition gegen die Demonstranten eingesetzt. Und von Anfang an scheint auch der Protest der zumeist jungen Protestierer robuster gewesen zu sein, als noch 2009.

„Was in Ägypten und Tunesien geschehen ist, hat uns gezeigt, dass man jeden Diktator stürzen kann“, sagt ein Teilnehmer der Proteste. „Und jetzt haben wir ein paar Vorteile gegenüber 2009: Wir wissen jetzt, dass sich dieses Regime nicht aus sich selbst heraus reformieren wird. Es gibt keinen Grund mehr abzuwarten.“

Andere Stimmen berichten hingegen von anhaltender Resignation unter Sympathisanten der Opposition. Dazu dürfte auch die Hinrichtungswelle beigetragen haben, mit der das Regime die Opposition und ihre Anhänger gerade in den letzten Wochen besonders häufig bestrafte. Während die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit voll auf den Nahen Osten und Nordafrika konzentriert war, exekutierte das Mullah-Regime bis Mitte Januar mehr als 50 Menschen, viele davon Teilnehmer der Proteste gegen die Wahlfälschung vor fast zwei Jahren, mit der sich der konservative Präsident Mahmud Ahmadinedschad eine weitere Amtszeit sicherte.