Flüchtlings-Welle

Italiens Regierung prangert Untätigkeit der EU an

Italien schlägt wegen der tunesischen Bootsflüchtlinge Alarm und kritisiert die EU. Doch droht wirklich eine Wanderungswelle?

Im Flugzeug von Rom nach Lampedusa sitzen neben Journalisten und Kameraleuten gut 40 Polizisten, kurzfristig zum Dienst berufen. Weitere Kollegen sollen folgen, sagen sie. Manche von ihnen waren schon mal auf Lampedusa im Einsatz, früher, als hier ständig Flüchtlinge aus Afrika anlandeten. Aber dann: „Lange nicht mehr.“ Es war ruhig geworden.

Nun ist es wieder anders, und in den kommenden Wochen, so fürchtet zumindest Italiens Innenminister Roberto Maroni, wird man wieder öfter von Lampedusa hören. „Das ist der Fall der Mauer“, sagte er, umgeben von einem Kranz von Mikrofonen, „wir sind Zeugen eines biblischen Exodus.“ Zehntausende Menschen, so meint er, warteten in Tunesien nur darauf, ins Boot zu steigen und über das Mittelmeer Lampedusa zu erreichen, Italien, die Europäische Union.

Salim ist einer, der es geschafft hat, 19 Jahre alt, Kapuzenpulli, darüber eine schwarze Jacke. Etwa 15 Stunden war er auf dem Meer unterwegs, mit 50 anderen, 2000 Euro hat die Überfahrt gekostet, einfache Fahrt in ein neues Leben. Jetzt ist er auf Lampedusa. „In Tunesien ist Chaos, ich habe alles zurückgelassen. Sobald es ruhig ist, gehe ich zurück“, sagt er der Zeitung „Giornale di Sicilia“. Nidal, ein anderer Tunesier, kam mit seinem Bruder übers Meer. Er wolle nur arbeiten, sagt er. „Ich studiere Informatik, in dem Chaos, wie es jetzt in Tunesien herrscht, habe ich keine Hoffnung, Arbeit zu finden.“ Die meisten der etwa 5000, die in den letzten Tagen kamen, sind junge Männer wie Salim und Nidal.

Nun harren sie aus im „Centro d’accoglienza“, dem Aufnahmelager: Zwischen hohen Pinien liegen so gut es geht freundlich gestaltete Häuser. Hier werden sie zunächst versorgt, dann wird entschieden, in welches Auffanglager auf dem Festland sie kommen. Es ist wieder voll im Lager. Ein Jahr lang kamen keine Boote, das Lager wurde geschlossen, nur der raue Wind vom Meer wehte hier durch. Eine private Initiative überlegte, das Aufnahmelager in ein Museum umzubauen über die Geschichte der Immigration in die Festung Europa.

Dass es um Lampedusa ruhiger wurde, lag an der italienischen Politik: Mit dem bisherigen tunesischen Machthaber Ben Ali gab es ein Abkommen, dann auch mit Libyen. Die Länder sollten Bootsflüchtlinge daran hindern, das Meer zu überqueren, im Tausch für finanzielle und personelle Unterstützung. Es war ein Erfolg für Berlusconi, wenn auch keiner, für den man Menschenrechtspreise bekommt. Hilfsorganisationen und die Opposition schimpften zwar über den Pakt mit den Despoten, aber die Boote verschwanden.

Mit ihrer Rückkehr ist auch Bernardino De Rubeis wieder in den Medien, der Bürgermeister von Lampedusa, der vor einem Jahr noch sagte, jetzt könne Lampedusa endlich zur europäischen Ferieninsel werden. Nun steht er mit schwarzer Jacke am Hafenbecken und blinzelt in die Sonne im Süden – dort, wo die Boote starten.

„Es ist eine tragische, eine dramatische Situation für Lampedusa“, sagt er, „unsere Insel braucht Hilfe.“ Als Tunesiens Ben Ali stürzte, habe er sich keine Sorgen gemacht. „Jetzt ist die Revolution gelungen, sie haben doch ihr Ziel erreicht“, wundert er sich. Warum sollten die Menschen dann noch kommen? Es hindert sie einfach niemand mehr. Italien spürt als erstes Land die Folgen der nordafrikanischen Revolutionen: Mit dem Fall der Regime sind alte Abmachungen obsolet, und die jungen Nordafrikaner fassen Mut, ihre Zukunft in die Hand zu nehmen. Die tunesische Übergangsregierung schloss den von Rom angebotenen Einsatz italienischer Beamter im eigenen Land aus. Am Montag wollte Italiens Außenminister Franco Frattini nach Tunis reisen und verhandeln.

Angst vor Kriminellen

Italien ist schlecht vorbereitet. Am Wochenende wurden Hunderte Einwanderer auf den Fußballplatz von Lampedusa gebracht. Die Notlösung erinnerte an die Bilder von Tausenden Albanern im Fußballstadion von Bari im August 1991. Diesmal ist die Angst vor Kriminellen unter den Flüchtlingen noch größer, weil in den Unruhen zahlreiche Häftlinge aus Gefängnissen flohen, wie das Innenministerium warnt. Von der EU fühlt man sich alleingelassen. Die regierungsnahe Zeitung „Il Giornale“ drohte am Montag: „Die Tausenden, die heute auf Lampedusa sind, sind mit dem Zug in zwei Tagen in Deutschland oder Frankreich.“

Am Nachmittag sitzen Sami und Saleh unter einem Baum am Flughafen von Lampedusa, ein Flugzeug soll sie nach Porto Empedocle an der Südküste Siziliens bringen. Sie haben keine Frauen, keine Kinder, sie haben lange gespart, um nach Europa zu kommen. Nun sei die Gelegenheit günstig gewesen, sagen sie. Das sei kein „Exodus“, wie es der Minister nennt: „Wer fahren wollte, hat es schon gemacht“, sagt Sami. Tatsächlich kam bis Montagnachmittag kein Boot mehr. Aber vielleicht lag das auch am raueren Seegang.

>>>Lesen Sie hier mehr dazu, warum Angela Merkel die Aufnahme von Flüchtlingen ablehnt<<<