Machtfaktor Militär

Verteidigungsminister ist nun Ägyptens starker Mann

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Dietrich Alexander

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Mit dem Rücktritt Mubaraks übernimmt die Armee die Führung in Ägypten. Minister Hussein Tantawi könnte Präsident werden.

In der zweitgrößten ägyptischen Stadt Alexandria umzingeln wütende Demonstranten das Hauptquartier der Armee und brüllen ihre Wut hinaus: „Beschützt ihr die Menschen oder bewacht ihr den Hund?“ Womit Präsident Husni Mubarak gemeint war. Ein anderer notiert: „Omar Suleimans Rede erinnert an die Armee-Rhetorik der 60er-Jahre. Die gesamte Junta lebt in einem überholten Jahrhundert.“

Tatsächlich ist die ägyptische Armee jetzt der entscheidende Machtfaktor. Der ägyptische Journalist Hossam al-Hamalawy ist sogar der Ansicht, die Armee – gestopft mit 1,3 Milliarden Dollar jährlich aus Washington – hat das Land in den vergangenen 60 Jahren eigentlich regiert. Die Menschen hegten zwar eine gewisse Sympathie für das Militär, das gelte aber nur für die „Fußsoldaten“, keineswegs für die Obristen.

Nach Ansicht der US-Denkfabrik Stratfor ist das einzige Ziel des ägyptischen Militärs, das von Gamal Abdel Nasser gegründete Regime zu retten. Mit dem Rücktritt Mubaraks, der wohl eher einer Absetzung durch die Armee gleichkommt, hat das Militär bewiesen, wo seine Prioritäten liegen. Husni Mubarak optimierte die Militär-Kleptokratie und beförderte die Möglichkeiten hoher Offiziere, sich an Staatsfirmen, Immobilien und privatwirtschaftlichen Unternehmen zu bereichern.

Bis zum Freitag waren die Luftstreitkräfte seine wesentliche Stütze, aber auch hohe Offiziere der anderen Waffengattungen sind durch seine „Betreuung“ zu Wohlstand und Reichtum gekommen. Doch die Loyalität gegenüber dem edlen Spender hatte ihre Grenzen. Und die Armee war nicht bereit, die bisherige Toleranz gegenüber den Demonstranten aufzugeben und einen Bürgerkrieg zu riskieren. Ihre ureigensten Interessen gerieten in Gefahr.

Geheime Depeschen der US-Botschaft aus Kairo, die "Morgenpost Online“ vorliegen, legen nahe, dass das Militär den Beginn einer neuen politischen Ära nicht erlauben wird – vor allem nicht dann, wenn der künftige Präsident erstmals seit 1956 nicht aus seinen Reihen kommt. „Verteidigungsminister Mohammed Hussein Tantawi hat die Rolle des Militärs definiert“, heißt es in einer Depesche von 2008. „Es soll die Verfassung und die innere Stabilität schützen. Der Minister signalisierte, er wolle mithilfe des Militärs die Muslimbrüder kontrollieren.“ Mubarak und Tantawi werden als „altersstarr und resistent“ gegen Neuerungen beschrieben. Sie seien nur darauf bedacht, den Status quo bis zum Ende ihrer Tage aufrechtzuerhalten. „Sie haben schlicht nicht mehr die Energie, den Willen oder die Weitsicht, irgendetwas zu verändern.“

Tantawi ist nun der wirklich starke Mann, über die Rolle des Vize-Präsidenten Omar Suleiman ist noch nicht entschieden. Aber da er an den wichtigen Dauersitzungen des Obersten Militärrates gar nicht mehr teilgenommen hat und als Mann Mubaraks gilt, wird wohl auch er in Zukunft keine große Rolle mehr spielen. Tantawi ist 75 Jahre alt und trat 1956 in den Militärdienst ein, seit 1991 ist der Feldmarschall Verteidigungsminister, seit zwei Wochen zusätzlich Vizepremier. Er hat in drei Kriegen gegen Israel gekämpft, 1956 in der Suez-Krise, im Sechstagekrieg von 1967 und im Jom Kippur Krieg von 1973.

Seine politische Erfahrung und sein Rückhalt in der Armee haben zu Spekulationen geführt, er werde für das Präsidentenamt im September kandidieren – obwohl die Unterstützung für ihn vor allem in den unteren Dienstränge begrenzt ist. Viele der jüngeren Offiziere, die oft in Europa oder in den USA ausgebildet wurden und die Vorzüge demokratischer Freiheiten auch in Uniform kennengelernt haben, misstrauen Tantawi als Mann der alten Garde. Viele untere Dienstgrade sympathisieren ehrlich mit den vorwiegend jugendlichen Demonstranten und sind einer zivilen Landesführung und demokratischen Reformen gegenüber aufgeschlossen.