Mubarak zurückgetreten

Das ägyptische Volk feiert mit einer Eilmeldung

18 Tage lang haben sie protestiert, nun kann der politische Wandel in Ägypten kommen: Präsident Husni Mubarak ist zurückgetreten. Das Volk ist stolz auf seine durch Facebook und Twitter angestoßene Revolution und teilt seine Botschaft passender Weise als überdimensionale Eilmeldung mit.

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Mit Feuerwerk und Jubelrufen haben die Menschen im Zentrum der ägyptischen Hauptstadt Kairo den Rücktritt von Präsident Husni Mubarak gefeiert.

Video: Reuters
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Die gesamte Nacht über haben die Ägypter den Rücktritt von Präsident Husni Mubarak gefeiert. Am frühen Samstagmorgen wurde die Stimmung kurzzeitig besinnlicher, als die Demonstranten gemeinsam auf dem zentralen Tahrir-Platz in Kairo beteten. Unklar ist, wie lange die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz, dem Zentrum der Demokratiebewegung in Kairo, noch ausharren werden.

In der Nacht hatten die Menschen weiter ihre Revolution mit Triumphgesängen, Hupkonzerten, Autokorsos und Feuerwerk gefeiert. Mubarak hatte nach 18-tägigen Protesten dem Druck von Millionen Demonstranten nachgegeben und seinen Rückzug erklären lassen. Das Militär übernahm die Macht. Das Militär sagte am Freitag zu, der Ausnahmezustand werde aufgehoben, wenn die Umstände es zuließen. Der Oppositionspolitiker und Friedensnobelpreisträger Mohammed El Baradei sagte laut BBC: „Das ist der schönste Tag meines Lebens.“

„Das ist der glücklichste Tag für meine Generation“, jubelte Al al Tajab. Der Demonstrant erinnerte sich aber bei aller Freude an die Kameraden, die bei Zusammenstößen mit der Polizei und Mubarak-Anhängern getötet wurden. „An alle Märtyrer: Das ist Euer Tag!“

Am Präsidentenpalast in Kairo machten feiernde Menschen das Victory-Zeichen und riefen: „Seid glücklich, Ägypter, heute ist ein Festtag“ und „Er ist zurückgetreten.“ Ein Demonstrant rollte in Ekstase über den Rasen, andere verteilten Süßigkeiten. Viele Menschen beteten auch und verkündeten: „Gott ist groß!“.

Mittelpunkt der Feiern bis in die Morgenstunden war der Tahrir-Platz, seit fast drei Wochen der zentrale Versammlungsort der Protestbewegung. Auf dem Platz wurde ein riesiges Poster aufgehängt mit der Botschaft: „Eilmeldung: Das Volk hat das Regime gestürzt“.

„Ägypten ist frei“, schrie Mahmud Elhetta, einer der Organisatoren der Proteste. „Wir sind ein großes Volk, und wir haben Großes vollbracht. Dies ist das erwartete Ende des Diktators.“

"Wir haben noch eine Menge zu tun"

In all den Jubel mischten sich aber auch warnende Stimmen. „Wir haben noch eine Menge zu tun, um die Dinge wieder in Ordnung zu bringen“, mahnte der Demonstrant Hala Abdel Rasek. „Was das Mubarak-Regime ruiniert hat, muss jetzt repariert werden. Mir müssen mit dem Wiederaufbau beginnen, mit der Hilfe der jungen Leute.“

Einige Soldaten, die den Platz bewachten, ließen sich von der allgemeinen Feierlaune anstecken. Sie schlossen sich der Menge an, und jubelnde Demonstranten nahmen sie auf die Schulter. Andere Soldaten blieben auf ihren Posten und beobachteten das Geschehen auf dem Platz mit Argwohn. Viele Menschen ließen sich mit den Uniformierten vor den Panzern fotografieren, Kindern mit Fahnen kletterten auf die Kettenfahrzeuge.

Die Barrikaden, die die Demonstranten rund um den Platz aufgebaut hatten, wurden abgebaut. Auch die Zugangskontrollpunkte, an denen die Ausweise überprüft und Taschen durchsucht wurden, wurden entfernt.

Obama vergleicht Situation mit Mauerfall

Vizepräsident Omar Suleiman hatte am Freitag im staatlichen Fernsehen verkündet, Mubarak sei zurückgetreten und habe die Führung des Landes in die Hände der Streitkräfte gelegt. Mubarak selbst setzte sich nach Scharm al-Scheich auf den Sinai ab.

US-Präsident Barack Obama begrüßte den Rücktritt. Die Stimme des Volkes sei gehört worden. „Aber dies ist kein Ende, das ist ein Anfang“, sagte Obama in Washington. Er verglich die Vorgänge in Ägypten mit dem Fall der Berliner Mauer. Man könne nicht anders, als Echos der Geschichte zu hören – etwa das Echo der Deutschen, als sie die Mauer niederrissen oder das von Gandhi, der sein Volk auf den Pfad der Gerechtigkeit geführt habe, sagte Obama nach dem Rückzug Mubaraks. Es stünden sicher schwierige Tage bevor, an deren Ende „echte“ Demokratie stehen müsse, sagte der US-Präsident und rief das ägyptische Militär auf, die Rechte des Volkes zu achten. Er forderte die Aufhebung des Ausnahmezustandes sowie Verfassungsänderungen, die den Weg zu freien und fairen Wahlen ebneten.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) äußerte sich sehr erfreut. „Wir sind alle Zeugen eines historischen Wandels“, sagte sie in Berlin. Sie wünsche den Ägyptern eine Gesellschaft „ohne Korruption, Zensur, Verhaftung und Folter“. Die Entwicklung in Ägypten müsse jetzt unumkehrbar gemacht und friedlich gestaltet werden. „Am Ende der Entwicklung müssen freie Wahlen stehen.“ Bundesaußenminister Guido Westerwelle sagte in New York: „Wir freuen uns, dass der Weg frei ist für einen politischen Neuanfang.“ Die Bundesregierung sei bereit, im Rahmen einer engen Partnerschaft beim demokratischen Wandel zu helfen. Auch die EU zeigte sich erleichtert. Mubarak habe auf das ägyptische Volk gehört, betonte die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton und sicherte Unterstützung zu.

Die israelische Regierung hofft auf einen Übergang „ohne Erschütterungen“ in Kairo. Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad sagte, bald werde ein Naher Osten „ohne Amerika und das zionistische Regime“ entstehen.

Militärischer Gruß für die Toten

Nach Mubaraks Rücktritt übernahm am Freitagabend der Oberste Militärrat unter dem bisherigen Verteidigungsminister Mohammed Hussein Tantawi die Macht. Tantawi grüßte am Abend vor dem Präsidentenpalast in Kairo feiernde Demonstranten. Das Oberkommando der Streitkräfte werde Regierung und Parlament entlassen, berichtete der arabische Nachrichtensender Al-Arabija. In einer Erklärung versicherte ein Sprecher des Obersten Militärrats im Fernsehen, dass das Militär den Willen des Volkes erfüllen wolle. Er dankte dem zurückgetretenen Präsidenten Husni Mubarak. Den Menschen, die bei den Protesten getötet wurden, bezeugte er mit einen militärischen Gruß Respekt. Sie hätten ihr Leben für die Freiheit Ägyptens gegeben.

Am Donnerstag hatten die Demonstranten stundenlang hoffnungsvoll auf eine Erklärung Mubaraks gewartet und waren dann enttäuscht worden. Der 82-Jährige hatte nach fast 30 Jahren im Amt einen Rücktritt erneut abgelehnt. Dass Vizepräsident Omar Suleiman einen Teil der Vollmachten Mubaraks übernahm, ging der Opposition nicht weit genug. Der Rücktritt zeichnete sich am Freitagmittag ab, als Augenzeugen berichteten, ein Hubschrauber sei vom Präsidentenpalast im Kairoer Stadtteil Heliopolis aus abgeflogen. Wenig später landete Mubarak im Badeort Scharm el Scheich. Mehrfach war in den vergangenen Tagen die Möglichkeit ins Spiel gebracht worden, dass sich Mubarak dorthin zurückziehen könnte.

Die Schweiz reagierte auf ihre Weise: Die Regierung will nun mögliche Konten des Mubarak-Clans ausfindig machen und dann sperren. Eine entsprechende Verordnung sei von der Regierung angeordnet worden, sagte Außenministerin Micheline Calmy-Rey am Freitag. Nach Medienberichten soll der Mubarak-Clan mehr als 40 Milliarden Dollar angesammelt haben. Wie viel davon auf Schweizer Banken gelandet ist, bleibt noch ungewiss.

In Algerien schlugen Sicherheitskräfte eine spontane Kundgebung von Regimegegnern nieder. Nach Angaben der Oppositionspartei RCD wurden dabei am Freitagabend zehn Demonstranten verletzt. RCD-Anhänger hatten sich nach dem Mubarak-Abgang spontan zu einem Protestmarsch entschlossen und auf Arabisch gerufen:„Mubarak ist gestürzt. Wir hoffen, dass Bouteflika der nächste ist!“ Für diesen Sonnabend haben Gegner des autoritären algerischen Präsidenten Abdelaziz Bouteflika trotz eines Demonstrationsverbots zu einem Protestmarsch aufgerufen.