Mubarak-Rücktritt

Ägypter in Berlin verfolgen Machtwechsel mit Sorge

Ausgelassener Jubel in Ägpyten - verhaltene Freude in Berlin. Auch wenn sie froh sind, dass Präsident Husni Mubarak zurückgetreten ist, so machen sich viele Ägypter in Berlin auch Sorgen: Es entstehe noch mehr Ungewissheit.

Tagelang marschierten die Ägypter in Kairo und forderten nur eins: Mubarak, tritt zurück! Am Freitag war es endlich so weit, ihre Bitten wurden erhört. Mubaraks Stellvertreter Suleiman verkündete am späten Nachmittag den Rücktritt des ägyptischen Staatspräsidenten. Wer nicht selbst auf dem Tahrir-Platz dabei sein kann, verfolgt das Geschehen gebannt auf den Fernsehschirmen oder im Internet. In Berlin leben Schätzungen zufolge zwischen 5000 und 8000 Ägypter, die derzeit um die Entwicklungen in ihrem Heimatland am Nil bangen.

Viele unter ihnen haben mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen: Einer von ihnen ist Abdel Khalek el-Beltagi, Vorsitzender der Ägyptischen Gemeinde in Berlin. „Wir kleben am Bildschirm, ich bin total durcheinander und fertig“, sagt er. Seit Wochen habe er gebetet, dass Mubarak endlich seinen Rücktritt verkünden würde. Dass es nun endlich so weit ist, kann el-Beltagi noch nicht wirklich fassen. Für Feiern sei es jetzt noch zu früh. „Erst einmal müssen wir abwarten, wie sich vor Ort alles entwickelt“, sagt er. Es gebe viel zu tun, die Verfassung müsse geändert und die Vorbereitung auf die Wahlen müssten getroffen werden. El-Beltagi gibt zu bedenken, dass die Opposition in seinem Heimatland seit Jahrzehnten unterdrückt worden sei. „Die müssen sich also erst organisieren, die Opposition ist noch nicht vorbereitet auf die Wahlen.“ El-Beltagi macht sich keine Sorgen, dass jetzt das Chaos in Ägypten ausbricht. Die Armee werde für Stabilität sorgen.

Abdel Khalek el-Beltagi ist pensionierter Elektrotechniker, er kam 1962 nach Deutschland – zuerst nur für sein Studium, geblieben ist er aber dann doch für immer. „Ich habe eine deutsche Frau geheiratet, unser Sohn ist auch hier in Berlin und arbeitet als Apotheker“, sagt er. Sein Lebensmittelpunkt ist natürlich Deutschland, sein Herz aber fühlt zurzeit mit seinen Verwandten in Ägypten. Jeden Tag telefoniert er mit seinem Bruder in Kairo, der dort als Chirurg arbeitet und im Operationssaal derzeit Überstunde um Überstunde schiebt.


Auch wenn die Revolution noch im Gange sei, verändert habe sich trotzdem auch jetzt schon alles. „Die ganze Welt hat gesehen, dass wir nicht nur ungebildete Kameltreiber sind“, sagt Abdel Khalek el-Beltagi. Der Protest in Ägypten, der sich vor allem über soziale Netzwerke wie Facebook und über die Handynetze organisiert, habe bewiesen, dass Ägyptens Jugend schlau sei. Sein Heimatland werde nun zur Demokratie finden.

Auch die ägyptischen Christen in Berlin blicken gebannt nach Kairo. Per Handy habe er vom Rücktritt Mubaraks erfahren, sagt Ramses Ibrahim, stellvertretender Vorsitzender der Koptischen Gemeinde in Berlin-Lichtenberg. Die Ereignisse hätten sich überschlagen, niemand habe den Überblick behalten können. „Jetzt entsteht noch mehr Ungewissheit“, sagt der Ägypter. Zwar haben sich die orthodoxen Christen bislang nicht an Demonstrationen in Berlin beteiligt, zu politischen Entwicklungen wollen die Kopten keine Stellung nehmen und geben sich zurückhaltend. Als Privatperson ist Ibrahim allerdings besorgt. „Ich befürchte chaotische Zustände“, sagt er. Noch seien die Mubarak-Gegner geeint, nach dem Rücktritt des Staatspräsidenten dürften Konflikte ausbrechen unter den vielen politischen Interessengruppen. Die Macht in Ägypten liege nun beim Militär – laut Ibrahim keine guten Vorzeichen für die junge Demokratiebewegung im Land am Nil. Für die orthodoxen Kopten in Berlin-Lichtenberg gelte nun zunächst: „Abwarten und Tee trinken.“