Historischer Tag in Kairo

Ägypten hofft, verzweifelt, kämpft – und siegt

| Lesedauer: 11 Minuten
Amira El-Ahl und Birgit Svensson

Es waren zwei Tage, in denen die Bevölkerung am Nil mit ihrem Tyrannen rang. Und dazwischen stand die größte Armee des Nahen Ostens.

Der Mann küsst den Boden vor dem Präsidentenpalast, ein anderer rollt sich im Gras: Grenzenloser Jubel ertönt in der ägyptischen Hauptstadt, es ist ein wahrer Jubelrausch. Unzählige Menschen hat der Rücktritt von Staatspräsident Husni Mubarak in einen unbeschreiblichen Zustand der Freude versetzt. „Das Volk hat das Regime gestürzt!“, rufen die Demonstranten. Überall sind Schüsse und Autohupen zu hören. In den Gesichtern der Menschen laufen Freudentränen, am Himmel erscheint Feuerwerk. „Endlich sind wir frei“, sagte der 60-jährige Safwan Abu Stat. „Von jetzt an, wird jeder, der das Land regieren wird, wissen, dass diese Menschen großartig sind.“ Der Demonstrant Mohammed El Masri sagt weinend: „Wir gehen auf den Tahrir-Platz, um zu feiern. Wir haben es geschafft.“

Es ist ein Rücktritt auf Raten gewesen. Seit 18 Tagen befindet sich Ägypten im Ausnahmezustand. Dann, endlich, überstürzen sich die Ereignisse. Zuerst verkündet das ägyptische Militär, die seit 30 Jahren geltenden Notstandsgesetze sollten aufgehoben werden. Dann verkündet Präsident Husni Mubarak (82) endlich seinen Rücktritt. Noch 23 Stunden zuvor hatte er eine Rede gehalten, in der er das Gegenteil angekündigt hat. Doch die Wut der Menschen ist einfach zu groß. Nach den Freitagsgebeten setzen sich erneut Millionen Menschen zu Protesten in Bewegung. Sie beharren darauf: Mubarak muss weg.

Tatsächlich verlässt der angeschlagene Präsident mitsamt seiner Familie am Nachmittag die Hauptstadt in Richtung Rotes Meer, nach Scharm al-Scheich, wo er eine Villa besitzt. Und am frühen Abend schließlich sendet das Staatsfernsehen die befreiende Nachricht: Der ägyptische Vizepräsident Omar Suleiman verkündet Mubaraks Rücktritt. Suleiman erklärt, er habe die Führung des Landes in die Hände der Armee gegeben. Jubelfeiern, Autokonvois – nicht nur in Kairo, sondern in allen arabischen Ländern. Selbst israelische Politiker zeigen sich erfreut.

Stilles Beten auf dem Tahrir-Platz

Es ist ein dramatisches Ende, aber es ist ein Ende, das Millionen Demonstranten die meiste Sicherheit gibt, nach zwei Tagen, in denen das Volk fast physisch mit seinem Tyrannen ringt – und dazwischen: die größte Armee des Nahen Ostens.

Der letzte Tag des Regimes Mubarak beginnt in unglaublicher Anspannung: Am frühen Freitagmorgen sind Tausende auf dem Tahrir-Platz im Herzen Kairos. Als am Mittag das Freitagsgebet beginnt, ist der Platz so voll, dass die Männer kaum Platz zum Beten finden, nicht mal die paar Zentimeter, die sie für die rituellen Niederwerfungen und Erhebungen der Schahada bräuchten. Viele bleiben einfach auf ihren Decken unter den aufgespannten Planen sitzen, beten still. Wer nicht betet, findet einen Platz, an dem er stehen kann. Die Menschen drängen sich so sehr, dass man kaum atmen kann. Die Ereignisse des vergangenen Abends scheinen noch mehr Ägypter davon überzeugt zu haben, gegen Mubarak auf die Straße zu gehen.

Am Donnerstag glauben und hoffen die Menschen erstmals, sie hätten endlich ihr Ziel erreicht. Ein ranghoher Armeegeneral tritt vor die Masse am Tahrir-Platz und ruft durchs Megafon gerufen, die Forderungen der Demonstranten würden erfüllt. Wenig später sagt der Generalsekretär der Regierungspartei NDP, er erwarte, dass Mubarak in einer Rede am Abend Zugeständnisse machen, gar abtreten würde. Allein diese Ankündigung genügt, um das Land zu elektrisieren. „Wir sind sofort wieder zum Tahrir gefahren, um mit den Menschen zu feiern“, sagt Fatma, die seit Tagen täglich mit ihrer 16-jährigen Tochter zu dem Platz unweit des Nil kommt. „Wir hatten den ganzen Tag dort verbracht und waren gerade wieder zu Hause, als wir die Nachricht hörten.“

Wer die Menschenmasse auf dem Platz erlebt, spürt die unermessliche Anspannung. Die Nacht ist hereingebrochen, aber von den hohen Häuserfronten rund um den ovalen Platz werfen Scheinwerfer ihr gleißendes Licht. Die Menschen warten darauf, dass es endlich 22 Uhr wird und Mubaraks Rede beginnt. Durch die Menge gehen immer mehr Gerüchte, dass Mubaraks Abdankung schon feststehe, dass er es gleich, in wenigen Minuten, sagen werde. Fast zwei Millionen Menschen füllen den Platz bis zum Bersten. Es ist das dritte Mal seit Beginn der Proteste, dass Mubarak eine Rede angekündigt hat. Jetzt, heute, muss er doch gehen, sind alle überzeugt. Die unglaubliche Masse seines Volkes, diese Kraft, die sich hier aufgebaut hat wie eine Naturgewalt, all das zeigt doch, dass es Zeit ist. Das kann keiner ignorieren. Mubarak kann.

Er beginnt mit einer Beileidsbekundung für die Toten der Proteste und während die Menschen auf dem Platz zuhören, wissen sie nicht, ob es wirklich eine Reverenz ist oder eine Täuschung: „Ich wende mich an die Jugend Ägyptens auf dem Tahrir-Platz und überall im Land“, hebt Mubarak an. „Ich spreche zu euch aus tiefstem Herzen, wie ein Vater mit seinem Sohn spricht oder mit seiner Tochter.“ Er sei stolz auf die neue Generation Ägyptens, die nach einem Wandel zum Besseren rufe und die die Zukunft gestalten wolle.

Dann gesteht er ein, dass jede Regierung Fehler mache. Und dass der Tod jener, die in den vergangenen Wochen umkamen, untersucht und gesühnt werden müsse. „Sie sind nicht vergebens gestorben“, sagt Mubarak mit ernstem Blick in die Kamera. Will er nachgeben? Oder ist das zynische Heuchelei? Doch die Rede zieht sich, Mubarak spricht vom demokratischen Dialog und sagt nichts über seine eigene Zukunft. Dann ein langer und umständlicher Satz, der aber der entscheidende ist: Er will bis zum September im Amt bleiben. Er will bei der Präsidentschaftswahl die Macht an einen Nachfolger übergeben. Als brauche es ein geordnetes Verfahren, um seine seit Jahrzehnten unrechtmäßigen Herrschaft zu beenden.

Gewaltige Wut bricht sich Bahn

Die Menschen auf dem Platz verstehen, dass sie betrogen wurden. „Misch mumkin“, rufen einige – das kann doch nicht wahr sein! Es werden Sprechchöre laut, tosendes Geschrei. Mubarak erklärt noch, er werde in Ägypten sterben, das Land niemals verlassen. Auf dem Tahrir-Platz bricht sich gewaltige Wut Bahn. Die Menschen sind fassungslos. „Es ist grotesk, wie starr dieser alte Mann auf seinem Stuhl klebt“, kommentiert der Rechtsanwalt Abu Saeda die Rede. Er ist ein Veteran der Opposition und zwar jener, die nicht in Mubaraks scheindemokratischem Parlament saß. „Sieht Mubarak denn nicht, was hier geschieht?“ Wütende Menschen laufen scheinbar orientierungslos auf der Straße herum, manche gehen nach Hause, manche wollen zum Präsidentenpalast, manche das Staatsfernsehen stürmen. Die Ägypter seien noch nicht reif für eine Demokratie, sagt Vizepräsident Omar Suleiman in einer Ansprache, die nach der von Mubarak gesendet wird. „Wir sind reif für die Demokratie“, ruft Abu Saeda, fast schon verzweifelt. „Deshalb sind wir hier!“

Inzwischen scheint es einen Machtkampf zwischen der Armee und der Regierung zu geben. Den ganzen Donnerstag und Freitag über tagt das Oberkommando der ägyptischen Streitkräfte. Mit Spannung warten die Ägypter auf die Erklärungen der Armee. Am Donnerstagabend teilen die Militärs mit, sie wollten die Sicherheit des Landes und der Bevölkerung wahren. Diese Verlautbarung wird von den Demonstranten so verstanden, dass sich die Armee im Zweifelsfall für das Volk und gegen Präsident Mubarak entscheiden würde.

Am Freitag Vormittag folgt dann eine zweite Verlautbarung; sie lehnt sich stark an Aussagen Mubaraks vom Vorabend an: Die Armee wird die Notstandsgesetze aufheben, sobald es die Situation zulässt. Die Armee garantiert die Reformen, die Mubarak zugesagt hat. Die Armee verspricht freie und faire Wahlen; Demonstranten werden nicht strafrechtlich verfolgt. Hat sich da heimlich ein Militärputsch ereignet? Konkrete Angaben gibt es nicht, einen Zeitplan für all diese Versprechen erst recht nicht.

Seid glücklich, Ägypter, heute ist ein Fest

Die Menschen in Ägypten, die seit knapp drei Wochen auf den Straßen des Landes gegen das Regime Mubarak demonstrieren, wollen keine Militärherrschaft herbeiführen. Sie wünschen sich einen zivilen, säkularen Staat, der vom Militär verteidigt wird. Ein Coup, der in den vergangenen Tagen immer wieder als Möglichkeit genannt wurde, um Präsident Mubarak aus dem Amt zu drängen, kommt für die meisten Ägypter als Lösung nicht in Frage. Doch was bedeutet es, wenn im bevölkerungsreichsten Land der arabischen Welt nun ein Militärrat unter Führung des Verteidigungsministers die Macht übernimmt?

Es ist nicht das erste Mal in Ägypten, dass die Armee die Macht übernimmt. Als König Fuad 1936 stirbt und sein Sohn Faruk den ägyptischen Thron besteigt, versinkt Ägypten in Misswirtschaft und Korruption. Erst 1952 stürzt eine Koalition von jungen Offizieren, angeführt von Gamal Abdel Nasser, den König. Seither kamen alle Präsidenten der Republik aus dem Militär. Als Nasser 1970 stirbt, übernimmt Anwar al-Sadat. Auch deshalb scheint es dem Militär in der jetzigen Situation schwer zu fallen, den Präsidenten, Ex-Militär und Oberbefehlshaber der Streitkräfte zu stürzen. In den vergangenen drei Wochen hat die Armee weitgehend die Rolle eines Beobachters und Schlichters eingenommen. Sie hat versucht, sich aus dem Konflikt aktiv herauszuhalten. Jetzt hat sie die Macht übernommen.

„Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, aber ich habe den festen Glauben, dass die Armee hinter uns steht“, sagt Fatma, und aus ihrer Stimme ist die Unsicherheit zu spüren. Das Militär ist im Volk hoch angesehen und niemand kann sich vorstellen, dass die Armee das eigene Volk angreifen könnte. Aus den Lautsprechern am Tahrir-Platz und den Megafonen, mit denen die Demonstranten durch die Stadt ziehen, zum Fernsehgebäude am Nil und dem Präsidentschaftspalast in Heliopolis im Nordosten der Stadt, dröhnen deshalb auch immer wieder die gleichen Sprüche: „Madaneyya, madaneyya, misch eiyzenha azkeriyya“, was übersetzt bedeutet: „Zivil, zivil, wir wollen keine Militärherrschaft“ und „Al-Schaab wa al-Geisch Id wahda“, „Das Volk und die Armee sind eine Hand“.

Vor dem Präsidentenpalast versammeln sich Demonstranten zu Tausenden. Einige von ihnen machen mit der Hand das V-Zeichen für „Victory“. „Seid glücklich, Ägypter, heute ist ein Fest“, sagen sie. „Er ist zurückgetreten.“