Schärferes Waffenrecht

Schweizer stimmen über Gewehr im Kleiderschrank ab

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Agnès Pedrero

Foto: REUTERS

Bei Selbstmorden mit einer Schusswaffe hält die Schweiz den Rekord in Europa. Am Sonntag wird über ein schärferes Waffenrecht abgestimmt.

Xavier Schwitzguébel hat so viele Waffen in seiner Wohnung gehortet, dass es viel zu lange dauern würde, sie alle auf den Tisch zu packen. Der 21-jährige Student ist Mitglied der Jungen Schweizer Volkspartei (SVP) und war während seines Wehrdienstes Offizier. Mit Plakaten, auf denen er nackt mit einer Waffe vor dem Intimbereich posiert, macht er derzeit gegen die Volksinitiative gegen Waffengewalt mobil. Diese will den aktiven und ehemaligen Soldaten ihre Waffen wegnehmen und so ein Zeichen setzen im Kampf gegen häusliche Gewalt und Suizide. Am Sonntag wird abgestimmt – und die Eidgenossen sind sich uneins.

Zahlen des Verteidigungsministeriums zufolge kommen auf gerade einmal gut sieben Millionen Schweizer zwei Millionen Feuerwaffen. Weitere 240.000 Waffen sind nicht registriert. Die Schweizer Armee besteht aus 200.000 Soldaten, tausende davon sind Reservisten. Zudem funktioniert das Schweizer Militär nach dem Milizsystem.

Das bedeutet, dass die meisten Armeeangehörigen einen normalen Beruf haben und nur zu jährlichen Ausbildungs- und Wiederholungskursen antreten. Daher dürfen sie ihre Waffen im heimischen Kleiderschrank aufbewahren. Ex-Militärs dürfen ihre Waffen behalten. Und nicht zuletzt erlaubt das Gesetz unter Bedingungen jedem Volljährigen, eine Waffe zu besitzen.

Den Initiatoren des Referendums sind das ein paar Waffen zu viel im häuslichen Bereich. Mit einem umgestürzten Teddybär mit Schusswunde in der Brust werben vor allem linksgerichtete Parteien, aber auch zahlreiche Friedens- und Frauenorganisationen für den Schutz der Familie und ein „Ja“ am Sonntag. „Jährlich kommen in der Schweiz rund 300 Menschen durch Schusswaffen ums Leben. Das sind 300 zu viel“, wirbt die Initiative mit Plakaten und auf ihrer Website. Bei Selbstmorden mit einer Schusswaffe hält das Land den Rekord in Europa.

Drei Forderungen

Die Initiatoren haben drei Forderungen: Alle Militärwaffen sollen ins Zeughaus, ein nationales Waffenregister soll eingerichtet werden und wer unbedingt eine Waffe braucht, soll einen Bedarfs- und Fähigkeitsnachweis erbringen.

„Wir wollen mit der Initiative Familien schützen und selbstmordgefährdete Menschen vor sich selbst“, sagt Anne-Marie Trabichet von der beteiligten Gruppe Stop Suicide. Demnach ist die Rate an Suiziden mit Feuerwaffen in der Schweiz so hoch wie nirgendwo sonst in Europa. Das Vorhaben hat namhafte Unterstützer, etwa den Komiker Marco Rima: „Wer Ja stimmt, rettet Leben“, findet er. Der Schweizer Autor Martin Suter wird auf der Website mit den Worten zitiert, dass Schusswaffen nicht in die Wohnung gehörten. „Gelegenheit macht Tote.“

Unsere Armee ist unsere Verlobte

Heftiger Gegenwind bläst den Unterstützern nicht nur erwartungsgemäß von Jägern und Schützenvereinen entgegen. Auch die Schweizer Regierung ist dagegen und sieht in dem Waffenbesitz die Basis für eine solide Armee, die im Zweifel einsatzbereit ist. Die rechten Parteien verweisen zudem auf die hohen Kosten der Einführung eines Zentralregisters.

Schwitzguébel sieht gleich die gesamte Schweizer Kultur den Bach heruntergehen, sollten die Eidgenossen am Sonntag mit Ja stimmen. „Dann könnte das ganze Land zerstört werden“, sagt er. „'Unsere Armee ist unsere Verlobte', das bringen sie uns schon in der Ausbildung bei“, fügt der Jung-SVPler hinzu und verweist darauf, dass die Schweizer Gesellschaft auf dem Vertrauen zwischen ihren Bürgern und dem Staat beruht. „Wenn wir die Waffen wegnehmen, die dieses Vertrauen repräsentieren, brechen wir mit dieser heiligen Verbindung.“ Seiner Ansicht nach hält eine fehlende Waffe einen Suizidwilligen ohnehin nicht von seinen Plänen ab.

Damit das Referendum durchkommt, muss die Mehrheit der Schweizer am Sonntag mit Ja stimmen. Eine Umfrage des Instituts gfs von Anfang Februar zeigte: 47 Prozent wollen mit Ja stimmen, 45 Prozent mit Nein. Acht Prozent sind noch unsicher, ob Waffen in Schweizer Kleiderschränke gehören.

( AFP )