Wahlkampf

Österreichs Rechte machen Politik mit dem Kruzifix

Bekannt wurde Heinz-Christian Strache als Ziehsohn des verstorbenen Rechtspopulisten Jörg Haider. Als Christ ist der Chef der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) in der Vergangenheit nicht aufgefallen. Doch jetzt zieht er mit gezücktem Kruzifix für ein "Abendland in Christenhand" in den Europawahlkampf.

Foto: Manfred Werner

Bisher ist den Österreichern noch nicht ganz klar, bei wem sich Heinz-Christian Strache das mit dem hölzernen Kruzifix abgeschaut hat. Bei den Kreuzfahrern vermuten die Einen, bei den Mönchen der Gegenreformation die Anderen, bei den Vampirjägern in alten Hollywoodfilmen die Dritten. Fest steht bloß,dass der Chef der rechtsgerichteten Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) auf der politischen Bühne noch nicht als Christ aufgefallen ist, diese Rolle hat er erst für den aktuellen EU-Wahlkampf entdeckt.

Abendland in Christenhand“ fordern Strache und sein Spitzenkandidat, der freiheitliche Chefideologe Andreas Mölzer, derzeit auf Plakaten und in Zeitungsinseraten. Vertreter aller großen Glaubensgemeinschaften protestierten schon zum Wahlkampfauftakt gegen den Brachialreim, Strache legte nach. Bei einer Demonstration gegen den Ausbau eines islamischen Kulturzentrums in der Wiener Innenstadt reckte er in klassischer Exorzistenmanier ein Kreuz gen Publikum. Seine Anhänger johlten, der Rest des Landes ist sich seitdem ungewohnt einig in seiner Empörung über den blauen Kulturkämpfer.

Mittlerweile haben sich selbst die geäußert, die sich sonst qua Amt mit Kommentaren zum politischen Tagesgeschäft zurückhalten. Bundespräsident Heinz Fischer sprach von einem „Verstoß gegen unseren Konsens, dass wir Religion und Politik im gegenseitigen Respekt aber fein säuberlich getrennt halten.“ Der Erzbischof von Wien, Kardinal Christoph Schönborn, mahnte zu Christi Himmelfahrt im Stephansdom, das Kreuz als „ Zeichen der Versöhnung, der Sühne, der Feindesliebe“ dürfe nicht „als Kampfsymbol gegen andere Religionen, andere Menschen missbraucht“ werden. Strache hat Fischer und Schönborn nun um Aussprache gebeten – allerdings per Inserat in der „Kronen Zeitung“.

Kruzifix als "Code" für fremdenfeindliche Stimmungsmache

Provokation hat Tradition in den Kampagnen der FPÖ. Für den Politikwissenschaftler Peter Filzmaier ist das Kreuz in Straches Hand deshalb lediglich ein neuer „Code“, um Angst vor Fremden zu schüren und so Wähler zu mobilisieren. Vor der EU-Wahl sei das noch wichtiger als sonst. Die meisten Meinungsforscher gehen davon aus, dass die Wahlbeteiligung noch unter die 42 Prozent von 2004 sinken könnte, Sympathisanten der FPÖ sind besonders unsicher, ob sie zur Wahl gehen werden. Außerdem kämpfen neben der FPÖ auch noch die von Jörg Haider nach mehreren Richtungsstreits gegründete Splitterpartei BZÖ und der fraktionslose EU-Parlamentarier Hans Peter Martin um die Stimmen der Enttäuschten und Zukurzgekommenen. Selbst Teile der Regierungsparteien SPÖ und ÖVP werben um EU-Skeptiker. Das heizt selbst einen müden EU-Wahlkampf an.

Trotzdem haben Straches pseudochristliche Gestik und Rhetorik den Politologen überrascht. „Historisch gesehen ist die Partei kirchenfern“, sagt Filzmaier. „Phasenweise war sie sogar antiklerikal.“ Nicht nur die Partei: Als Straches einstiger Parteikollege Ewald Stadler, der jetzige BZÖ-Spitzenkandidat für die EU-Wahl, vor zwölf Jahren versuchte, sein Konzept vom „wehrhaften Christentum“ im Parteiprogramm zu verankern, scheiterte unter anderem an Strache. „Großartig, dass Strache endlich bekehrt ist“, spottet Stadler nun im Magazin „Profil“. „Wie ich höre, nimmt er sogar Firmunterricht.“ Parteiinterne Kritik war bisher nur aus dem kleinen Bundesland Vorarlberg zu hören, das Gros der Funktionäre scheint Straches Umarmung des Kreuzes nicht zu stören.

Strache gelingt es schließlich auch ohne Kreuz, für Aufregung zu sorgen. Nachdem bei einer Gedenkfeier des KZ Ebensee eine Gruppe Jugendlicher verhaftet wurde, weil sie einen Überlebenden und seine Begleiter mit Plastikgeschossen und Sieg-Heil-Rufen drangsaliert hatten, warnte er davor, mit „Atombomben auf Spatzen zu werfen“ - das seien „dumme, wirklich dumme Lausbuben“. Wenig später schaltete er in mehreren Boulevardblättern ein Inserat gegen den EU-Beitritt Israels, obwohl der gar nicht zur Debatte steht. „Hassprediger“ nannte ihn daraufhin der sozialdemokratische Bundeskanzler Werner Faymann im „Standard“: „Der einzige Grund, Israel hier zu nennen, ist es, antisemitische Vorurteile zu bedienen.“

Heinz-Christian Strache, gelernter Zahntechniker, geschiedener Vater zweier Kinder und noch nicht einmal 40 Jahre alt, ist seit 2005 Chef der Partei, die Jörg Haider einst zur zweitstärksten in Österreich gemacht hat. Als er die Führung übernahm, lag sie am Boden, hatte im Jahr zuvor bei der EU-Wahl nur noch katastrophale 6,3 Prozent erreicht. Nach der Abspaltung des BZÖ ging es schneller bergauf, als viele erwarteten. Bei der letzten Parlamentswahl erreichte die FPÖ bereits wieder 17,5 Prozent.

Verräterische Jugendfotos

Im Vergleich zu seinem einstigen Ziehsohn und späteren Rivalen hat Haider „auf der Klaviatur des Populismus mehr variiert“, sagt Peter Filzmaier, „Strache spielt schon mehr die rechten Töne.“ Immer wieder musste er sich außerdem für Verbindungen zum ganz rechten Rand rechtfertigen. 2007 tauchten etwa Fotos aus Jugendtagen auf, auf denen er und seine Gesinnungsfreunde mit Tarnanzügen und Schlagstöcken ausgerüstet im Wald „spielten“. Neonazistische Wehrsportübungen? Nein, nein, Gotcha-Spiele, sagte Strache. Ein anderes Bild zeigte ihn in voller Montur, drei Finger der rechten Hand nach oben gereckt, was ein wenig an den in Deutschland verbotene Kühnen-Gruß erinnert. Nein, nein, sagte Strache, er habe nur drei Bier bestellen wollen.

Unter Straches Führung ist der deutschnationale Flügel wieder erstarkt. Viele der freiheitlichen Abgeordneten sind wie Strache Alte Herren einer Burschenschaft, einige haben Schmisse im Gesicht wie EU-Spitzenkandidat Andreas Mölzer, einen, dessen Verbindung als rechtsextrem gilt, setzte Strache mit Hilfe von ÖVP und SPÖ sogar als Dritten Nationalratspräsidenten durch: Martin Graf.

Nach den Vorfällen im KZ Ebensee warf der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde, Ariel Muzicant, Strache und seinen Gefolgsleuten vor, den Rechtsextremismus systematisch salonfähig machen zu wollen: „Wenn Graf und Mölzer jemanden einladen, der den Holocaust leugnet, wenn Strache ständig das Verbotsgesetz abschaffen will, dann erzeugt das genau jenes Klima, dass so etwas wie in Ebensee passiert“, sagte Muzicant der „Presse“ und warf dem FPÖ-Wahlstrategen und „Abendland in Christenhand“-Dichter Herbert Kickl „Goebbels-Rhetorik“ vor.

Martin Graf reagierte mit einem Kommentar im Parteiblatt der FPÖ: Manche Bürger fragten sich schon, heißt es da, ob Muzicant nicht als „Ziehvater des antifaschistischen Linksterrorismus“ bezeichnet werden sollte. Die Empörung ist fast so groß wie nach Straches Auftritt mit dem Kreuz. Kanzler und Außenminister haben seinen Grafs Rücktritt gefordert, die SPÖ-Nationalratspräsidentin wollte die Abwahl von Präsidiums-Mitgliedern möglich machen.

Das Vorhaben scheiterte jedoch an den Parteien, bei denen vermutlich die meisten FPÖ-Sympathisanten landen, wenn ihnen Strache doch irgendwann zu radikal wird: BZÖ und ÖVP. Man würde damit doch nur einen "Märtyrer" schaffen, argumentierten Vertreter beider Parteien.

"EU-Rap" und Musikvideo zur "Ode an die Freude"

Heinz-Christian Strache hat Martin Graf in Schutz genommen - und auch seinen Kreuz-Auftritt verteidigt. Er habe es „in einmalige Verwendung als kulturelle Klammer, nicht als theologisches Symbol“ benutzt, sagte er bei einer Wahlveranstaltung in Graz. Warum er künftig wieder ohne Kruzifixe auskommen will, hat er nicht erklärt.

Er stellte lieber ein neues Musikvideo vor: HC s EU-Rap 09. „Irgendwann ist Zeit zum Zahlen, doch dafür gibt es ja Wahlen“, singt Strache. „Wenn du diese Zeilen hörst, dann weißt du, Österreich zuerst.“ Er hat dafür extra die „Ode an die Freude“ neu abmischen lassen. Soll ja keiner sagen, er hätte was gegen Europa.

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