Kirchen-Intrige

Kardinal Marx vertuschte Missbrauchsverdacht

Nach außen hin gab Marx sich als Aufklärer. Doch er hielt Informationen über einen Missbrauchsverdacht zurück. So gerieten Schüler in Gefahr.

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Der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx hat nach Informationen von Morgenpost Online einen Verdacht auf sexuellen Missbrauch drei Monate lang vertuscht. Dadurch konnte ein möglicherweise pädophiler Mann unbehelligt als Erzieher im Kloster Ettal weiterarbeiten und Jugendliche gerieten in Gefahr.

Konkret handelt es sich um den Fall eines Erziehers des Benediktinerklosters Ettal (Oberbayern), der im vergangenen Juli durch die Presse ging. Das mutmaßliche Opfer des Erziehers hatte sich bereits am 5. April 2010 erstmals schriftlich an den damaligen Missbrauchsbeauftragten des Erzbistums München gewandt und angegeben, er sei im Schuljahr 1985/86 mehrmals im Kloster Scheyern sexuell missbraucht worden. Das Erzbistum gab den Vorgang aber erst drei Monate später, am 5. Juli, an die Staatsanwaltschaft München weiter. Die Klosterleitung in Ettal, wo der Erzieher unbehelligt mit Kindern arbeitete, wurde noch einen Tag später informiert und konnte den Beschuldigten dann erst aus dem Schuldienst entfernen. Er ist derzeit beurlaubt, bis die Vorwürfe geklärt sind.

Bistum München signalisierte nach außen hin Aufklärungswillen

Die Opferschutzorganisation „Weißer Ring“ kritisierte das Verhalten des Erzbistums „aufs Schärfste“: „Das Verhalten des Erzbistums München ist gerade angesichts der aktuellen Situation unverständlich, in der die Kirche immer wieder ihre Bereitschaft zur rückhaltlosen Aufklärung betont hat“, sagte Sprecher Helmut Rüster. Der Sprecher des Klosters Ettal, Michael Müller, sagte: „Der Vorgang war für uns ein Schock. Wir müssen uns darauf verlassen können, dass bei akuter möglicher Gefährdung von Jugendlichen umgehend gehandelt werden kann.“

Das Erzbistum München verwies auf Anfrage auf einen Brief des damaligen Missbrauchsbeauftragten Monsignore Siegfried Kneißl an das Kloster Ettal vom Januar 2011. Darin sagt Kneißl, er habe korrekt gehandelt und es gebe keine rechtliche Verpflichtung, „Verdachtsmomente in Richtung eines Sexualdelikts unverzüglich und ohne Rücksicht auf den erklärten Willen des betroffenen Opfers an die staatlichen Strafverfolgungsbehörden zu melden.“

Erzbischof Marx sprach persönlich mit dem Opfer – und schwieg

Nach Informationen von Morgenpost Online hat Erzbischof Marx persönlich frühzeitig von den Vorwürfen gegen den Ettaler Erzieher gewusst. Gemäß der Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz für den Umgang mit sexuellem Missbrauch musste ihn sein Missbrauchsbeauftragter „unverzüglich“ darüber informieren. Außerdem hat das mutmaßliche Opfer später ausgesagt, persönlich mit Marx gesprochen zu haben.

Hintergrund ist offenbar ein Streit zwischen dem Erzbistum München und dem Kloster Ettal. Marx hatte im Februar 2010 den damaligen Abt und den Schulleiter des Ettaler Internats zum Rücktritt gedrängt. Später wurden beide aber vom Papst rehabilitiert. Das Erzbistum leitete den Verdacht gegen den Ettaler Erzieher nach monatelanger Untätigkeit ausgerechnet in derselben Woche weiter, in der die Rehabilitierung des Ettaler Abtes öffentlich wurde. Möglicherweise sollte die neue schlechte Nachricht das positive Medienecho für Ettal trüben und wurde deshalb so lange zurückgehalten.

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