Anschlagsversuch

Zweierlei Sicherheit für Flugpassagiere

Die Bundesregierung stuft nach den Funden von zwei Paketbomben aus dem Jemen die Terrorgefahr als ernst ein und prüft Verschärfungen im Frachtverkehr. Ein Paket wurde in Köln/Bonn umgeladen. Clemens Wergin über eine Beinahekatastrophe, die schwere Sicherheitslücken entlarvt hat.

Als ich vor Kurzem in den Herbsturlaub nach Italien flog, habe ich mich ein wenig gewundert, als ein Sicherheitsbeamter mich aus der Schlange holte und meine Fotoausrüstung auf Sprengstoffspuren untersuchte. Das war mir bei Flügen innerhalb Europas noch nie passiert. Auf dem Rückflug aus Rom dann noch einmal das gleiche Spiel. Andere Mitfliegende mussten ihre Schuhe ausziehen oder peinliche Leibesvisitationen über sich ergehen lassen. Wie üblich ertrugen die Passagiere diese Antiterrormaßnahmen mit derselben Gelassenheit wie das Verbot, Flüssigkeiten mit an Bord zu nehmen. Lieber steht man eine Viertelstunde länger in der Sicherheitsschlange, als über den Alpen in die Luft gesprengt zu werden, weil die zuständigen Beamten eine Bombe übersehen haben.

Dieses stoische Vertrauen in die Weisheit unserer Sicherheitsbehörden wurde am Wochenende jäh erschüttert. Zwar ist es ein Erfolg, dass die im Frachtgut verborgenen Bomben aus dem Jemen vor der Explosion entdeckt werden konnten. Aber bei der Aufarbeitung dieses Vorfalls traten erhebliche Sicherheitsmängel zutage. So muss der erstaunte Bürger feststellen, dass im selben Flugzeug, welches er und sein Gepäck nur bis auf die letzte Unterhose durchleuchtet erreichen, auch Frachtgut geladen wird, das oft keinerlei Sicherheitscheck am Flughafen durchlaufen hat. Das wird den zahlreichen Speditionsfirmen in vielen Ländern einfach selbst überlassen. In Deutschland liegt die Sicherheit von Luftfracht und Flugpassagieren gar in den Händen unterschiedlicher Behörden, die ihre jeweils eigenen Maßstäbe anlegen.

Wer an Flughäfen seit Jahren nervtötende Sicherheitsüberprüfungen über sich ergehen lassen muss, fühlt sich nun ein wenig verschaukelt. Man fragt sich unwillkürlich, warum al-Qaida nicht früher darauf gekommen ist, diese Lücke zu nutzen. Und warum es im Jahre neun nach dem 11.September erst eine Beinahekatastrophe braucht, bis unsere Sicherheitsbehörden auf die Idee kommen, dass Frachtgut ein gefährliches Einfallstor für Terroristen sein kann. Wenn mehr als die Hälfte der Luftfracht weltweit gar nicht mit Transportmaschinen, sondern mit Passagierflugzeugen transportiert wird, dann eröffnet das für al-Qaida auf diesem Umweg die Möglichkeit, auch mit vielen Hundert Menschen besetzte Flugzeuge in die Luft zu sprengen. Und in Zukunft werden uns die Terroristen auch sicher nicht mehr oft den Gefallen tun, Sendungen aus so problematischen Ländern wie dem Jemen abzuschicken, bei denen ohnehin alle roten Warnlampen aufleuchten sollten.

Natürlich ist es vermessen zu glauben, ein Staat könnte alle Gefahrenquellen hundertprozentig kontrollieren. Das wäre der Weg in einen Überwachungsstaat, den niemand will – und den auch niemand bezahlen kann. Und so ist es bei dem hohen globalen Luftfrachtaufkommen auch kaum praktikabel, alle zu transportierenden Güter flächendeckend zu kontrollieren. Aber zumindest für Zusatzfracht in Passagierflugzeugen müssen weit strengere Regeln gelten als bisher. Sonst könnten wir uns in Zukunft auch den ganzen Aufwand bei der Kontrolle der Fluggäste sparen.

Es ist also höchste Zeit, dass hier mindestens europaweite Regelungen geschaffen werden. Und es ist ein schweres Versäumnis sowohl der nationalen Regierungen als auch der EU-Institutionen, dass das nicht früher passiert ist.

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