Kambodscha und Thailand

Streit um Weltkulturerbe löst Grenzkrieg aus

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Sophie Mühlmann

Foto: REUTERS

Kambodscha und Thailand beanspruchen einen Hindu-Tempel aus dem 11. Jahrhundert. Doch es geht eigentlich eher um Ehre und Innenpolitik.

Der Appell von Ban Ki-moon war deutlich, doch er verfehlte seine Wirkung. Der UN-Generalsekretär forderte das sofortige Ende der Kämpfe zwischen Thailand und Kambodscha. Doch die beiden Länder zogen es vor, auch den fünften Tag in Folge im Grenzgebiet um einen jahrhundertealten Tempel zu kämpfen.

Kambodschas Ministerpräsident Hun Sen forderte eine Krisensitzung des Weltsicherheitsrates sowie die Entsendung von UN-Soldaten. Er warf Thailand vor, die Kämpfe provoziert zu haben. Thailands Regierungschef Abhisit Vejjajiva gab wiederum Kambodscha die Schuld an der Eskalation und pochte in einem Brief an den UN-Sicherheitsrat auf das Recht seines Landes zur Selbstverteidigung. Mindestens fünf Menschen kamen bei den Kämpfen bisher ums Leben. Rund 15.000 Menschen sind im Grenzgebiet auf der Flucht.

Thailands Armeesprecher Sansern Kaewkamnerd machte das kambodschanische Militär für die Eskalation verantwortlich. Er erklärte, das Nachbarland habe die Kämpfe mit Artilleriefeuer, Raketen und Kugelhagel über die Grenze hinweg begonnen. Von einem Krieg wollte er aber nicht sprechen.

Kambodschas Premier erklärte, nur eine UN-kontrollierte Pufferzone könne den Kämpfen ein Ende setzen. In einem Brief an den UN-Sicherheitsrat verlangte er eine Sondersitzung. Aber auch Thailand wandte sich inzwischen an das Gremium: Das thailändische Außenministerium protestierte öffentlich gegen „wiederholte und unprovozierte Angriffe kambodschanischer Soldaten“.

Prachtbau durch Einschüsse beschädigt

Der Streit um den ehrwürdigen Preah-Vihear-Tempel ist mehr als 100 Jahre alt. Die Grundmauern der Kultstätte, die sich auf einer 525 Meter hohen Klippe im Dangrek-Gebirge rund 245 Kilometer nördlich der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh und rund 450 Kilometer nordöstlich von Bangkok befindet, stammen aus dem 9. Jahrhundert. Sie wurde im 11. Jahrhundert zum Tempel ausgebaut und gehört seit drei Jahren zum Unesco-Weltkulturerbe. Der Prachtbau wurde offenbar schon teilweise durch Einschüsse zerstört. Ein Flügel des historischen Bauwerkes, so behaupten die Kambodschaner und berufen sich auf ihre Soldaten, sei eingestürzt.

Der Preah-Vihear-Tempel ist dem Hindu-Gott Schiwa gewidmet. Er wurde fertiggestellt, als das Imperium der Khmer (9. bis 15. Jahrhundert) in voller Blüte stand. Preah Vihear war von den gleichen Königen in Auftrag gegeben worden, die auch die weltberühmte Tempelanlage von Angkor Wat erbauen ließen. Vor einem Jahrhundert, auf alten Karten der französischen Kolonialherren, gehörte der Preah-Vihear-Tempel zum kambodschanischen Territorium – ebenso wie auf Landkarten des siamesischen Königreiches (dem heutigen Thailand).

Doch kurz darauf wurde die Korrektheit dieser Karten von den Thailändern angezweifelt. 1962 allerdings sprach auch der Internationale Gerichtshof in Den Haag das Gebäude den Kambodschanern zu. Das umliegende Land aber war nicht Teil der Entscheidung, und so beanspruchte Thailand den Großteil des Gebietes für sich. So blieb Kambodscha nur ein schmaler Zugang zu dem Tempel, der einen steilen Hügel hinaufführt.

Eine absurde Lösung, die den Territorialstreit nicht beenden konnte. 2001 blockierten thailändische Soldaten mehr als ein Jahr lang den Zugang zu der heiligen Stätte. Im Juli 2008 stiegen die Spannungen, nachdem es Kambodscha gelungen war, den Tempel auf die Liste des Weltkulturerbes der Vereinten Nationen zu bringen. Im April 2009 lieferten sich Soldaten beider Seiten zum ersten Mal Feuergefechte. Damals waren nach thailändischen Informationen zwei ihrer Soldaten getötet und sieben verletzt worden.

Wut der Nationalisten auf die Kambodschaner

Die Kämpfe brachen nun nach einem Urteil eines kambodschanischen Gerichtes gegen zwei Thailänder wieder aus. Die beiden Angehörigen der nationalistischen Bewegung waren Anfang des Monats wegen Spionage zu acht Jahren Gefängnis verurteilt worden. Sie hatten im Dezember mit fünf weiteren Politikern und Aktivisten in dem umstrittenen Gebiet illegal die Grenze überquert.

In all den Jahren haben sich die Gefechte in dem umstrittenen Gebiet nie ausgeweitet. Hinter verschlossenen Türen, so Experten, verhandeln die beiden Armeen auch jetzt einen dauerhaften Waffenstillstand. Doch das könnte sich bald ändern, denn auf beiden Seiten gibt es Kräfte, die Öl ins Feuer gießen. In Bangkok protestieren seit zwei Wochen schon Nationalisten der regierungsnahen Volksallianz für Demokratie gegen die „Ungerechtigkeit“.

Diese sogenannten Gelbhemden spielen die nationalistische Karte und fordern ihren Premierminister Abhisit dazu auf, härter gegen die „Kambodschaner, die thailändisches Territorium besetzen“, durchzugreifen. Abhisit hatte zwar versichert, seine Armee werde nicht in das Nachbarland einmarschieren, und er strebe eine friedliche Lösung an. Allerdings, so hatte er warnend hinzugefügt, „wenn unsere Souveränität verletzt wird, müssen wir sie letztendlich beschützen“.

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